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Ögünc, Beterotu, İletişim 2019

„Mich interessieren die Schäden, die das System in unserer Seele anrichtet“, sagt die engagierte türkische Journalistin und Autorin Pınar Öğünç. Im ersten Lockdown 2020 ließ sie Menschen vor allem aus dem „prekären Milieu“* in einer Interview-Serie im Own-Story-Format eindringlich zu Wort kommen. Lebensbilder vom System gebeutelter „kleiner Leute“, „denen schon als Kind klar war, dass das Leben ihnen keine Chancen zu bieten hat“, zeichnet sie auch in ihrem zweiten Erzählband Beterotu (Schlimmerkraut, 2019). Ihre Held:innen bemühen sich, aus der Monotonie des Alltags auszubrechen und einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Manchen gelingt das mit wunderbarer Phantasie, andere strampeln sich vergeblich ab, einige verrennen sich fürchterlich …
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Stadt im Albtraum

mevsim-yazBatman/Südosttürkei, Ende 2006, der jungen Lehrerin Zehra fallen zwei Lebensberichte in die Hände: das Tagebuch eines seit einer Woche verschwundenen, vermutlich entführten Freundes und anonyme Briefe einer Frau, die von ihrer entsetzlichen Kindheit Anfang der 1990er erzählt. Beide offenbaren vielfach verdrängte Erinnerungen an die Hizbullah-Morde und die Welle der Suizide von Frauen und Mädchen in der Region. Mit ihrem Debütroman Mevsim Yas [Jahreszeit Trauer] taucht die kurdische Autorin Mehtap Ceyran mitten in kollektive Traumata ein und erzählt, „weil man nicht vergessen kann“* …

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(K)Ein Corona-Buch

Umur Talu, Senin Adın Corona OlsunEin brandaktuelles Corona-Buch aus der Türkei, mit einer Einbettung in „das Epidemie-Abenteuer der Menschheit“ (so der Untertitel) von einem Journalisten&Kolumnisten, dachte ich, interessant, das muss ich lesen und besprechen, solange die Pandemie noch omnipräsent ist. Er habe „zusammengebracht, was so noch nicht zusammengedacht“ worden sei, postuliert denn auch Umur Talu im Vorwort zu Senin Adın Corona Olsun… (Corona soll dein Name sein). Er wolle zeigen, dass alles mit allem zusammenhänge, horizontal (weltweit) wie auch vertikal durch die Geschichte. Spannend! Ab dem ersten Kapitel überrascht mich das Buch, das alles andere als ein Corona-Buch ist, vielmehr eine Art Wunderkammer der Assoziationen eines, sagen wir, sprunghaften, hervorragend informierten und meisterhaft recherchierenden Geistes …

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Die Fernsehmätresse

Wer kein Gesicht hat, existiert nicht. (Oliver Bottini)

Seray Şahiner, Kul (Can Yayınları)Mercan reinigt Treppenhäuser, sie ist eine der „stillen Held:innen des Alltags“, eine der prekär beschäftigten Dienstleister:innen, auf die wir alle angewiesen sind, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Genau das ist es, was Mercan am meisten schmerzt: unsichtbar, austauschbar zu sein. Seray Şahiner holt sie in ihrem zweiten Roman Kul* (2017) aus dem toten Winkel unserer Wahrnehmung heraus. Die Autorin erzählt nicht von und über Mercan, vielmehr atmet sie ihr Lebensgefühl und lässt uns daran teilhaben. Mercan steht stellvertretend für so viele andere Frauen, die von Kindheit an darauf konditioniert sind, für andere zu sorgen, die das Gefühl brauchen, gebraucht zu werden. „Das uns Frauen vermittelte Rollenbild ist die Frau, die auf den Mann wartet“, merkt die Autorin im Interview an. Sei der Mann da, fange das Leben an; Mercans Leben aber beginnt, als ihr Mann gegangen ist …

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Defne Suman, Kahvaltı SofrasıDie Aufarbeitung der Geschichte schlägt sich früher oder später immer auch in der Literatur nieder. So wurde in der Türkei etwa über den Genozid an den Armenier*innen oder die Massaker an Kurd*innen bereits mehrfach geschrieben. Kaum beachtet dagegen blieb bisher die Vertreibung genozidalen Ausmaßes der Pontos-Griechen vom Schwarzen Meer. Tamer Çilingir legte 2016 dazu seine grundlegende Studie Pontos Gerçeği: 1914-21 Yılları Arasında Karadeniz’de Yaşananlar (Die Pontos-Wahrheit: Was 1914-21 am Schwarzen Meer geschah) vor. In den USA war bereits im Jahr 2000 Thea Halos viel beachtetes Werk Not even my name über das Schicksal ihrer als 10-Jährige deportierten pontosgriechischen Mutter erschienen. Jüngst machte sich der Journalist Mirko Heinemann auf Spurensuche in der alten Heimat seiner Großmutter an der türkischen Schwarzmeerküste. Seine spannende, breit angelegte und historisch unterfütterte Reportage Die letzten Byzantiner erschien 2019. Den – meines Wissens – ersten Roman zum Thema legte Defne Suman 2018 vor: Kahvaltı Sofrası (Am Frühstückstisch) …

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Reis und Monsun*

Nektar in einem Sieb, Unionsverlag TaschenbuchWie in jeder Monsunzeit sind Millionen Menschen in Südasien von heftigem Regen und Erdrutschen betroffen. Hilfsorganisationen kritisieren, große Bauvorhaben hätten die Situation verschlimmert.“ (Tagesschau vom 21. Juli 2020) Eine beinahe jährlich wiederkehrende Nachrichtenmeldung, kaum gehört, schon vergessen. Betroffen blättere ich ein paar Seiten in meiner aktuellen Lektüre zurück, Kamala Markandayas Nektar in einem Sieb:

Der Regen fiel so stark, so lange und so ununterbrochen, dass der Gedanke an eine regenlose Zeit nur sanftes Staunen hervorrief. (…) Als die Nacht herankam – die achte Nacht des Monsuns -, wurde der Sturm immer stärker, heulte und klagte rings um unsere Hütte (…) Der Blitz schlug fast ohne Unterlass seine Krallen in den Himmel, und der Donner erschütterte die Erde …

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Amitav Ghosh, Die InselnDesh koi lautet das Schibbolet („Password“) zur bengalischen Diaspora: Aus welcher Gegend stammst du? Stimmen- und Sprachengewirr in einer fremden Stadt, alles unbekannt, Eindrücke stürzen auf dich ein, bald aber fokussieren sich die Sinne, du nimmst Details wahr, der Sprachendschungel lichtet sich, du fängst an zu verstehen. So ergeht es dem Antiquar Deen Datta aus Brooklyn in Venedig, als er unvermutet an jeder Ecke Bengali vernimmt. Amitav Ghosh, der auf Englisch schreibende Weltliterat mit bengalischen Wurzeln, zerrt seinen so arrivierten wie vorurteilsbehafteten Protagonisten in seinem neuen Roman Die Inseln (2019) gnadenlos aus der Komfortzone und wirft ihn auf einer Route von Kalkutta/Kolkata, Los Angelos, Venedig bis nach Sizilien mitten hinein in einen Strudel aus Mythen und Migrationsbewegungen, Metaphysik und Klimakatastrophe.

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Türkische AutorinnenWird nach Autorinnen aus der Türkei in deutscher Übersetzung gefragt, fällt fast immer und oft einzig der Name Elif Shafak. Selbstverständlich gibt es sehr viel mehr, höchste Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme. Sie soll auch ein Beitrag zur Debatte über die Unterrepräsentanz von Autorinnen im Literaturbetrieb sein, die derzeit unter #frauenlesen #frauenzählen #vorschauenzählen in den sozialen Medien geführt wird. Ergebnisse der Zählung stellten die Literaturwissenschaftlerinnen Nicole Seifert und Berit Glanz jüngst im Spiegel vor. Dort forderten sie abschließend von Verlagen u.a.: „Übersetzt zeitgenössische wie klassische Autorinnen aus den ‚kleinen Sprachen’ …“ Als Literaturübersetzerin aus dem – in Westeuropa als ‚kleine Sprache’ wahrgenommenen – Türkischen kann ich mich da nur anschließen. Wie steht es also um Übersetzungen von Autorinnen aus der Türkei? Weiterlesen »

Sinha, Staatenlos (Nautilus 2017)Mina bohrt die Fingernägel in die Lehmdecke über sich, will die Erde abtragen, aufstehen, gehen, die Straße überqueren, die Stadt erreichen, doch sie hat keine Beine, keinen Unterleib, kein Leben mehr, „unterhalb der Brust ein Haufen Asche“Shumona Sinhas dritter Roman Staatenlos beginnt mit einem grausigen Paukenschlag, nimmt der Leserin auf der ersten Seite den Atem, den sie bräuchte, um der Hoffnung zu folgen, die die beiden jungen Frauen aus Indien durch den mühseligen Alltag trägt, macht von Anfang an klar: sie haben keine Chance. Nicht das Bauernmädchen im indischen Dorf Tajpur, nicht die Lehrerin in Paris.

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Schwalbenschrei

Ahmet Ümit, Kırlangıç Çığlığı (Everest 2018)Istanbul im Juni 2017, brütende Hitze, ein Anruf: „Wieder ein Mord, Hauptkommissar!“ Damit sind wir mittendrin in Kırlangıç Çığlığı – „Schwalbenschrei“ – dem neuen Buch des türkischen Krimimeisters Ahmet Ümit. Das Opfer liegt oder besser: hockt in der Sandkiste am Fuß einer Rutsche auf einem Spielplatz in Kasımpaşa, eine rote Samtbinde über den Augen, die rechte Ohrhälfte abgeschnitten. Der Mann starb durch einen Nackenschuss und unter seinem Fuß findet Hauptkommissar Nevzat eine Barbiepuppe im rosa Kleidchen. Erschrocken zieht er Parallelen zur Puppe seiner Tochter Aysun …

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Der erste Stein

Ein stummer Schrei scheint in den Augen des Mädchens zu liegen, ist sie 5 oder 6 oder doch schon älter? Das Unicef-Foto des Jahres 2017 zeigt ein syrisches Flüchtlingsmädchen in Jordanien, vielleicht geht sie ins kollektive Gedächtnis (des Westens natürlich) als „das Mädchen mit der tragischen Schönheit und dem durchdringenden Blick“ ein, dessen Foto einmal Becher humanitär bewegter Menschen zieren wird, für das gute Gewissen beim Weltkaffee … Ein solches Mädchen war Bilqiss, Azzeddine, Bilqiss (Wagenbach 2016)kein Flüchtling, vielmehr eine Waise im zerstörten eigenen Land. Kurz nachdem sie mit dreizehn verheiratet worden war, lichtete ein Fotograf aus dem Westen sie ab. Was mit dem Bild geschah, erfährt sie erst Jahre später, als sie unversehens internationale Aufmerksamkeit erregt und zur Heldin im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Islam wird. Bilqiss nannte Saphia Azzeddine, die französische Autorin marokkanischer Herkunft, ihre Protagonistin und ihr Buch über einen absurd anmutenden Prozess, in dem die vorverurteilte Angeklagte den Spieß umdreht und ihren Richter und die Gesellschaft anklagt, obwohl oder gerade weil sie minütlich mit dem sicheren Todesurteil rechnet.

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Demirtas-Seher-CoverAuf der Istanbuler Buchmesse Tüyap signieren am 4. und 12. November 28 namhafte AutorInnen ein und dasselbe Buch. Bereits kurz nach seinem Erscheinen im September fand eine Lesung von sieben SchriftstellerInnen aus dem Band statt. Der Autor selbst kann weder signieren noch daraus lesen: Er sitzt als politischer Gefangener hinter Gittern, am 4. November genau ein Jahr. Es muss schon ein besonderer Autor sein, wenn KollegInnen sich derart für ein Debüt einsetzen: Selahattin Demirtaş, Menschenrechtsanwalt und seit 12 Jahren Politiker, ist Ko-Vorsitzender und charismatischer Hoffnungsträger der kurdischen HDP, die er 2015 zum Ärger der AKP-Regierung mit großem Erfolg ins Parlament führte, und berühmt für seine so scharfen wie humorvollen Repliken auf den Staatspräsidenten. Im Gefängnis begann er zu schreiben. Die erste Erzählung druckte Ende 2016 die Zeitung Cumhuriyet, jetzt erschien der Sammelband Seher mit zwölf kurzen Prosatexten.

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Mary schweigt

Aris Fioretos, Mary (Hanser 2016)Mary schweigt in der Folter, sie schweigt, als sie wegen ihres Schweigens auf eine Gefängnisinsel verbannt und zweimal über Wochen allein in einer Bucht, der Müll- und Begräbnisbucht, ausgesetzt wird. Mit jedem Wort, das weiß sie, kann sie sich nur gefährden. Und Dimos ebenso, den Linksrevolutionär, der den illegalen Sender an der Universität organisiert. Vor allem aber, der Sonne, die sie in sich heranwachsen weiß. Dem kleinen Wesen einen Namen zu geben, traut sie sich vorerst nicht. Nicht Türkei 2016/17, sondern ein ungenannt bleibendes Land 1973/74, das sich leicht als Griechenland identifizieren lässt, bildet den Hintergrund für Aris Fioretos’ jüngsten Roman Mary (Hanser, 2016). Der schwedische Autor mit griechischem Vater, dessen Migrationserfahrungen er im vorangegangenen Semi-Roman Die halbe Sonne nachzeichnete, arbeitet als Angehöriger der Nachfahrengeneration nun die Studentenrevolten November 1973, die den Anfang vom Ende der letzten griechischen Militärdiktatur markierten, zunächst aber zur Verschärfung der Lage beitrugen, aus ungewöhnlicher Perspektive auf.

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Aslı Erdoğan, Foto: Gürcan Öztürk Am 19.08.2016 wurde Aslı Erdoğan von der Staatsanwaltschaft Çağlayan/Istanbul vernommen und anschließend dem Haftrichter vorgeführt, dieser erließ Haftbefehl, die Autorin wurde ins Gefängnis von Bakırköy/Istanbul überstellt. Vorgeworfen werden ihr “Propaganda für eine illegale Organisation”, “Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation” und “Volksverhetzung” – alles aufgrund ihrer Kolumnen für die inzwischen verbotene kurdische Zeitung Özgür Gündem. Im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und als engagierte Schriftstellerin erfährt sie von vielen Seiten Solidarität. Unmittelbar nach ihrer Festnahme am 17. August war auf change.org bereits eine Petition mit der Forderung auf sofortige Freilassung für Aslı Erdoğan gestartet worden. Hier ist der deutsche Wortlaut der immer noch aktuellen Petition:

www.change.org/p/aslı-erdoğan-derhal-serbest-bırakılsın Weiterlesen »

Asli Erdogan, Foto: Gürcan Öztürk Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan wurde in der Nacht zum 17.08.2016 in Istanbul festgenommen, vorgeworfen wird ihr offenbar ihre Mitarbeit an der pro-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem, die jüngst verboten wurde. Jetzt haben SchriftstellerkollegInnen in der Türkei eine Unterschriftenkampagne gestartet:

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan Weiterlesen »