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Amitav Ghosh, Die InselnDesh koi lautet das Schibbolet („Password“) zur bengalischen Diaspora: Aus welcher Gegend stammst du? Stimmen- und Sprachengewirr in einer fremden Stadt, alles unbekannt, Eindrücke stürzen auf dich ein, bald aber fokussieren sich die Sinne, du nimmst Details wahr, der Sprachendschungel lichtet sich, du fängst an zu verstehen. So ergeht es dem Antiquar Deen Datta aus Brooklyn in Venedig, als er unvermutet an jeder Ecke Bengali vernimmt. Amitav Ghosh, der auf Englisch schreibende Weltliterat mit bengalischen Wurzeln, zerrt seinen so arrivierten wie vorurteilsbehafteten Protagonisten in seinem neuen Roman Die Inseln (2019) gnadenlos aus der Komfortzone und wirft ihn auf einer Route von Kalkutta/Kolkata, Los Angelos, Venedig bis nach Sizilien mitten hinein in einen Strudel aus Mythen und Migrationsbewegungen, Metaphysik und Klimakatastrophe.

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Türkische AutorinnenWird nach Autorinnen aus der Türkei in deutscher Übersetzung gefragt, fällt fast immer und oft einzig der Name Elif Shafak. Selbstverständlich gibt es sehr viel mehr, höchste Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme. Sie soll auch ein Beitrag zur Debatte über die Unterrepräsentanz von Autorinnen im Literaturbetrieb sein, die derzeit unter #frauenlesen #frauenzählen #vorschauenzählen in den sozialen Medien geführt wird. Ergebnisse der Zählung stellten die Literaturwissenschaftlerinnen Nicole Seifert und Berit Glanz jüngst im Spiegel vor. Dort forderten sie abschließend von Verlagen u.a.: „Übersetzt zeitgenössische wie klassische Autorinnen aus den ‚kleinen Sprachen’ …“ Als Literaturübersetzerin aus dem – in Westeuropa als ‚kleine Sprache’ wahrgenommenen – Türkischen kann ich mich da nur anschließen. Wie steht es also um Übersetzungen von Autorinnen aus der Türkei? Weiterlesen »

Sinha, Staatenlos (Nautilus 2017)Mina bohrt die Fingernägel in die Lehmdecke über sich, will die Erde abtragen, aufstehen, gehen, die Straße überqueren, die Stadt erreichen, doch sie hat keine Beine, keinen Unterleib, kein Leben mehr, „unterhalb der Brust ein Haufen Asche“Shumona Sinhas dritter Roman Staatenlos beginnt mit einem grausigen Paukenschlag, nimmt der Leserin auf der ersten Seite den Atem, den sie bräuchte, um der Hoffnung zu folgen, die die beiden jungen Frauen aus Indien durch den mühseligen Alltag trägt, macht von Anfang an klar: sie haben keine Chance. Nicht das Bauernmädchen im indischen Dorf Tajpur, nicht die Lehrerin in Paris.

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Schwalbenschrei

Ahmet Ümit, Kırlangıç Çığlığı (Everest 2018)Istanbul im Juni 2017, brütende Hitze, ein Anruf: „Wieder ein Mord, Hauptkommissar!“ Damit sind wir mittendrin in Kırlangıç Çığlığı – „Schwalbenschrei“ – dem neuen Buch des türkischen Krimimeisters Ahmet Ümit. Das Opfer liegt oder besser: hockt in der Sandkiste am Fuß einer Rutsche auf einem Spielplatz in Kasımpaşa, eine rote Samtbinde über den Augen, die rechte Ohrhälfte abgeschnitten. Der Mann starb durch einen Nackenschuss und unter seinem Fuß findet Hauptkommissar Nevzat eine Barbiepuppe im rosa Kleidchen. Erschrocken zieht er Parallelen zur Puppe seiner Tochter Aysun …

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Der erste Stein

Ein stummer Schrei scheint in den Augen des Mädchens zu liegen, ist sie 5 oder 6 oder doch schon älter? Das Unicef-Foto des Jahres 2017 zeigt ein syrisches Flüchtlingsmädchen in Jordanien, vielleicht geht sie ins kollektive Gedächtnis (des Westens natürlich) als „das Mädchen mit der tragischen Schönheit und dem durchdringenden Blick“ ein, dessen Foto einmal Becher humanitär bewegter Menschen zieren wird, für das gute Gewissen beim Weltkaffee … Ein solches Mädchen war Bilqiss, Azzeddine, Bilqiss (Wagenbach 2016)kein Flüchtling, vielmehr eine Waise im zerstörten eigenen Land. Kurz nachdem sie mit dreizehn verheiratet worden war, lichtete ein Fotograf aus dem Westen sie ab. Was mit dem Bild geschah, erfährt sie erst Jahre später, als sie unversehens internationale Aufmerksamkeit erregt und zur Heldin im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Islam wird. Bilqiss nannte Saphia Azzeddine, die französische Autorin marokkanischer Herkunft, ihre Protagonistin und ihr Buch über einen absurd anmutenden Prozess, in dem die vorverurteilte Angeklagte den Spieß umdreht und ihren Richter und die Gesellschaft anklagt, obwohl oder gerade weil sie minütlich mit dem sicheren Todesurteil rechnet.

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Demirtas-Seher-CoverAuf der Istanbuler Buchmesse Tüyap signieren am 4. und 12. November 28 namhafte AutorInnen ein und dasselbe Buch. Bereits kurz nach seinem Erscheinen im September fand eine Lesung von sieben SchriftstellerInnen aus dem Band statt. Der Autor selbst kann weder signieren noch daraus lesen: Er sitzt als politischer Gefangener hinter Gittern, am 4. November genau ein Jahr. Es muss schon ein besonderer Autor sein, wenn KollegInnen sich derart für ein Debüt einsetzen: Selahattin Demirtaş, Menschenrechtsanwalt und seit 12 Jahren Politiker, ist Ko-Vorsitzender und charismatischer Hoffnungsträger der kurdischen HDP, die er 2015 zum Ärger der AKP-Regierung mit großem Erfolg ins Parlament führte, und berühmt für seine so scharfen wie humorvollen Repliken auf den Staatspräsidenten. Im Gefängnis begann er zu schreiben. Die erste Erzählung druckte Ende 2016 die Zeitung Cumhuriyet, jetzt erschien der Sammelband Seher mit zwölf kurzen Prosatexten.

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Mary schweigt

Aris Fioretos, Mary (Hanser 2016)Mary schweigt in der Folter, sie schweigt, als sie wegen ihres Schweigens auf eine Gefängnisinsel verbannt und zweimal über Wochen allein in einer Bucht, der Müll- und Begräbnisbucht, ausgesetzt wird. Mit jedem Wort, das weiß sie, kann sie sich nur gefährden. Und Dimos ebenso, den Linksrevolutionär, der den illegalen Sender an der Universität organisiert. Vor allem aber, der Sonne, die sie in sich heranwachsen weiß. Dem kleinen Wesen einen Namen zu geben, traut sie sich vorerst nicht. Nicht Türkei 2016/17, sondern ein ungenannt bleibendes Land 1973/74, das sich leicht als Griechenland identifizieren lässt, bildet den Hintergrund für Aris Fioretos’ jüngsten Roman Mary (Hanser, 2016). Der schwedische Autor mit griechischem Vater, dessen Migrationserfahrungen er im vorangegangenen Semi-Roman Die halbe Sonne nachzeichnete, arbeitet als Angehöriger der Nachfahrengeneration nun die Studentenrevolten November 1973, die den Anfang vom Ende der letzten griechischen Militärdiktatur markierten, zunächst aber zur Verschärfung der Lage beitrugen, aus ungewöhnlicher Perspektive auf.

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Aslı Erdoğan, Foto: Gürcan Öztürk Am 19.08.2016 wurde Aslı Erdoğan von der Staatsanwaltschaft Çağlayan/Istanbul vernommen und anschließend dem Haftrichter vorgeführt, dieser erließ Haftbefehl, die Autorin wurde ins Gefängnis von Bakırköy/Istanbul überstellt. Vorgeworfen werden ihr “Propaganda für eine illegale Organisation”, “Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation” und “Volksverhetzung” – alles aufgrund ihrer Kolumnen für die inzwischen verbotene kurdische Zeitung Özgür Gündem. Im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und als engagierte Schriftstellerin erfährt sie von vielen Seiten Solidarität. Unmittelbar nach ihrer Festnahme am 17. August war auf change.org bereits eine Petition mit der Forderung auf sofortige Freilassung für Aslı Erdoğan gestartet worden. Hier ist der deutsche Wortlaut der immer noch aktuellen Petition:

www.change.org/p/aslı-erdoğan-derhal-serbest-bırakılsın Weiterlesen »

Asli Erdogan, Foto: Gürcan Öztürk Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan wurde in der Nacht zum 17.08.2016 in Istanbul festgenommen, vorgeworfen wird ihr offenbar ihre Mitarbeit an der pro-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem, die jüngst verboten wurde. Jetzt haben SchriftstellerkollegInnen in der Türkei eine Unterschriftenkampagne gestartet:

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan Weiterlesen »

Kejo, Ro Jin, Sujet-Verlag 2012 „Es war einmal ein hungriger Löwe, der bezeichnete jeden Ort, den er betrat, als sein Reich …“ Mit leiser Stimme, fast schüchtern liest der syrisch-kurdisch-deutsche Autor Berzan Kejo am 21. Juli 2016 in der Hamburger Werkstatt3 aus seinem autobiographischen Roman Ro Jîn – Sonne des Lebens. Kejo wirkt älter als auf dem Autorenfoto, enttäuschter vielleicht, sicher desillusionierter. Das Buch sei sein „Beitrag zum syrischen Volksaufstand als staatenloser Syrer aus dem Ausland“, betont Kejo im anschließenden Podiumsgespräch. Er lässt keinen Zweifel daran, wie sehr er auch nach 30 Jahren Exil mit seinem Heimatland mitfühlt und mitleidet, wie frustriert aber auch er über die Jahre als Flüchtling in Deutschland ist. Weiterlesen »

„In Beyoğlu/Istanbul vom Ehemann zu Tode geprügelt“, „13-Jährige von Vater, Onkel und Bruder missbraucht“, „Vom eigenen Großvater vergewaltigt“, „Schülerin beging Selbstmord nach Vergewaltigung durch Lehrer“ – nahezu täglich kommen aus der Türkei Meldungen über Gewalt gegen Frauen, Morde an Frauen und sogenannte Frauen- und Mädchenselbstmorde. Der Prozess gegen den Lehrer, der angeklagt ist, seine 17-jährige Schülerin Cansel vergewaltigt zu haben, die sich anschließend das Leben nahm, beginnt heute.

Burce Bahadir, Ölü Kadinlar Memleketi Auch der Fernsehjournalistin Burçe Bahadır ging das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen über die Hutschnur und sie machte sich an eine Doku mit Betroffenen. Das Thema durchzusetzen, erwies sich als extrem schwierig. Viele hätten aufgegeben, doch Bahadır ist hartnäckig, es gelingt es ihr schließlich, Interviews zu führen. Sie will vor allem eines: verstehen! Zuhören, die Wahrheit erfahren, wissen, was Männer dazu treibt, (ihre) Frauen zu misshandeln, missbrauchen, umzubringen, was Frauen erleiden, bis sie ihrerseits den sie quälenden Partner töten, warum man sich nicht einfach trennt… Aus dem Material für die TV-Doku entstand das beeindruckende Reportagenbuch Ölü Kadınlar Memleketi / Land der toten Frauen: das Portrait einer Gesellschaft, in der Männergewalt allzu oft als normal oder gar gerechtfertigt gilt.

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Barış için Edebiyat İnisiyatifiAus Protest gegen den Krieg vor allem in den kurdischen Gebieten der Türkei und aus Solidarität mit der Initiative AkademikerInnen für den Frieden gründete sich soeben die Initiative LiteratInnen für den Frieden in der Türkei:

„Dem Aufruf für Frieden und Verhandlungen der Initiative AkademikerInnen für den Frieden an die Regierung vom 11. Januar 2016 schließen wir uns mit unseren Herzen und Stiften an.

Wir lehnen die Behinderung der Rede- und Meinungsfreiheit ab.

Wir treten für Gleichheit und Frieden ein.

Wir treten für das Recht auf Leben ein.

Wir treten für freie Meinung ein.

Ohne Wenn und Aber: Wir werden uns mit diesem Verbrechen nicht gemein machen!

Wir treten für die Initiative AkademikerInnen für den Frieden ein.

Initiative LiteratInnen für den Frieden“

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Karakaşlı, Dört Kozalak Wenn Prüfungen bevorstehen im türkischen Schulsystem, Prüfungen, die nicht nur über die weitere Bildungskarriere, sondern schier über den weiteren Lebenslauf entscheiden, setzt das Leben für Monate aus. Dann ist nur noch Lernen angesagt, mit Privatlehrern und Lerninstituten, das ist Ausnahmezustand für die ganze Familie. Und wird für viele Jugendliche zum Horror. Die armenisch-türkische Autorin Karin Karakaşlı bringt in ihrem zweiten Jugendroman Dört Kozalak (Vier Tannenzapfen, 2014), jüngst zum Jugendbuch des Jahres 2014 gewählt, zwei Mädchen, zwei Jungen und zwei Lehrer zusammen, um im Prüfungsmarathon zu bestehen. Der Autorin und Lehrer Osman liegt dabei besonders am Herzen, dass die vier Jugendlichen, die einen Teil des Istanbuler multikulturellen Mosaiks repräsentieren, einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander entwickeln. Weiterlesen »

Hayko Bagdat, Salyangoz (Inkilâp 2014)Schreibt neue Texte anstelle derer, die ihr unzulänglich findet! Organisiert neue Aktionen anstelle derer, deren Form euch nicht gefällt!“ Nicht Opfer sein, nicht darauf warten, dass andere handeln, sondern selbst aktiv werden, offen und wahrhaftig sein im Namen der Menschlichkeit – das besticht an Salyangoz (Die Schnecke), dem ersten Buch (2014) von Hayko Bağdat, in dem der armenisch-griechische Publizist uns durch sein Leben und damit über die Landkarte der Diskriminierung und Selbstbehauptung der letzten 40 Jahre in der Türkei führt. Mit Wortmeldungen in Radio, TV und Kolumnen, erinnert sei nur an seinen Aufschrei „Utanç duyuyorum“ (25.07.15, „Ich empfinde Scham!“) nach dem Anschlag von Suruç, wo er das stereotype menschenverachtende Verhalten breiter Kreise anprangerte und einmal mehr die gängigen Community-Grenzen in der türkischen Gesellschaft zu sprengen versuchte, ist Bağdat zu einer Art Gewissen der Nation geworden.

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Alpan Sagsöz, Als wir Libellen waren Ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrem Vater, ein Anwalt in den besten Jahren auf der Flucht vor sich selbst – als ihre Wege sich keineswegs zufällig kreuzen, scheint nur einen Augenblick lang die Welt für beide in Ordnung, bis erneut alles aus den Fugen gerät. Sie nutzen aber die Krisen zur Reifung und stellen sich dem stets unberechenbaren Leben mit neuem Elan. Flott bis flapsig, stylish bis spritzig fabuliert der Kölner Autor Alpan Sağsöz in seinem jüngsten, nur als eBook veröffentlichten Roman Als wir Libellen waren (Berlin 2015) drauflos, stellenweise „wie ein Baum bearbeitender Specht nach einem überzuckerten Espresso“, wie es an einer Stelle im Buch heißt. Doch was sich wie Fastfood aus der Creative Writing-Küche anlässt, gewinnt an Tiefe, als die Protagonisten aus dem Alltag katapultiert und auf sich selbst zurückgeworfen werden.

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