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Posts Tagged ‘Hamburg’

Über 100 Religionsgemeinschaften sind heute in Hamburg ansässig, da gilt es, Mittel und Wege für ein dauerhaft friedliches, auf Achtung, Respekt und Vertrauen beruhendes Zusammenleben zu finden. Schon vor 25 Jahren führte der Theologe Prof. (em.) Dr. Olaf Schuhmann an der Hamburger Uni den interreligiösen Dialog ein und setzte damit Maßstäbe für ganz Deutschland. An der Uni nahm 2010 auch die Akademie der Weltreligionen (AWR) ihre Tätigkeit auf, und interreligiöser Dialog auf Stadtteilebene, der sich um das tägliche Miteinander ebenso kümmert wie um die großen theologischen Fragen, ist seit vielen Jahren etabliert. Herausragendes Beispiel ist hier das regelmäßige Treffen von Christen und Muslimen auf PastorInnen/Imam-Ebene im stark muslimisch-türkisch geprägten Quartier Wilhelmsburg, initiiert und maßgeblich geleitet von Pastorin Friederike Raum-Blöcher, deren aller Rückschläge und Durststrecken ungeachtet unermüdliches Engagement längst eine Auszeichnung verdiente. (mehr …)

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Gegen das Vergessen

VS-Lesung Antikriegstag 2010 in Hamburg Der VS-Landesverband Hamburg nahm den Antikriegstag am 1. September zum Anlass für eine Lesung gegen den Krieg. Als Gastgeberin erinnerte Pastorin Wiebke Bähnk daran, dass auch die St. Markus-Kirche im Hamburger Stadtteil Hoheluft in ihrer heutigen Form aus den Ruinen der Bombardierung im Juli 1943 neu erstanden sei. Die gemütliche Holzkonstruktion des Dachstuhls sei ein Überbleibsel der Notkirche. Bähnk mahnte, Krieg dürfe kein Mittel der Politik sein, niemals und nirgends, auch nicht in Afghanistan.

Uwe Friesel unterstrich, die Annahme, seit 1945 sei Deutschland nicht mehr nennenswert an Kriegen beteiligt gewesen, sei irrig und las Gedichte und eine Replik auf Wolf Biermann aus früheren Jahren.

Sandro Maier berichtete eindringlich vom Völkermord von Srebrenica 1995, bei dem vor den Augen der Weltöffentlichkeit in der UN-Sicherheitszone über 8000 bosnische Jungen und Männer ermordet wurden. Er stellte auch die Aktion Säule der Schande mit der Sammlung von 16.744 Schuhen in einer Stele in Form der Buchstaben UN vor, zu der mit eigenen Schuhen auch er und Emina Kamber, die Organisatorin des Abends, beigetragen hatten.Pillar of Shame, 16744 shoes for Srebrenica Bilder von der Sammelaktion in Berlin, aufgenommen von Sandro Maier, begleiteten als kleine Ausstellung die Lesung.

Einen sehr persönliche Erzählung über eine Begegnung mit einem Kindersoldaten in Kiwu/Kongo brachte Wolf Cropp zu Gehör und machte Angst als maßgebliche Emotion auf allen Seiten aus. Rund 250.000 Kinder stehen heute weltweit unter Waffen, allein 28.000 davon im Kongo. Junge Menschen, die als Kindersoldaten missbraucht wurden, später in einen normalen Alltag zu integrieren, ist so gut wie unmöglich.

Johanna Renate Wöhlke stellte sich in ihrem Gedicht „Ich bin der Krieg“ satirisch einmal auf die andere Seite. Und Dagmar Seifert las zum Schluss einen Brief aus einer Weihnachtsgeschichte, in dem ein Soldat 1914 froh und selbst überrascht über die spontane Verbrüderung der feindlichen Soldaten an der Front in Flandern nach Hause berichtet.

Den musikalischen Rahmen boten Andreas Buschmann an der Harfe und Emina Kamber mit zwei bosnischen Liedern (s. Foto).

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3. Nacht des WissensUnsere Gesellschaft wird u.a. als eine des Wissens bezeichnet, da nimmt es nicht Wunder, dass die am 7. November 2009 in Hamburg veranstaltete – mittlerweile dritte – Nacht des Wissens mit einem riesigen Angebot von rund 60 teilnehmenden Einrichtungen aufwartete. Kaum möglich, auch nur einen Bruchteil davon wahrzunehmen.

Dennoch, frisch gewagt ist halb gewonnen. Drei Termine hatte ich mir herausgesucht, allesamt Vorträge, keines der zahlreichen spannenden Mitmachangebote.

18.00 Uhr Hauptgebäude der Universität, Hörsaal J: „Forschungsschwerpunkte der Geisteswissenschaften“. Den Beginn machen Area Studies, wie sie neudeutsch heißen. In einem Parforce-Ritt geht es durch drei Regionalstudienbereiche. Prof. Dr. Gunia referiert die Geschichte der Verflechtungen Hamburgs mit Lateinamerika und des Lateinamerika-Zentrums an der Uni, Prof. Dr. Schäffauer geht in die Praxis. Sein Bezug ist der SZ-Artikel „Da waren’s nur noch drei“ vom 7.11.09 über die BRIC-Staaten (sog. Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China) bzw. die zugehörige Karikatur: Indien rennt verkrampft voran, China verdreht hinterdrein, an dritter Stelle sprintet frisch Brasilien – ein langbeiniges farbiges Girl im Bikini – Russland, abgeschlagen, gibt auf. Schäffauer hat es auf die Beine der Brasilianerin abgesehen und führt klischeehafte Bilder aus europäischer Wahrnehmung Lateinamerikas vor, das nackte Bein, das im Proviantkorb steckende „frisch erbeutete“ Bein steht für die bedrohlich wirkende, unbekannte Fremde – die Welt der Menschenfresser. Zugleich impliziert es die Mehrdeutigkeit „nackten Fleisches“ wie auch des Begriffs „vernaschen“. Hans Staden mit seinem Brasilienbuch von 1557 und ein moderner Comic über seine Entführung und rituelle Schlachtung durch die Tupi-Indianer an der brasilianischen Küste führt das Bein als ikonographisches Element vor Augen. Staden ist Opfer eines Missverständnisses: „Den vernaschen wir“, rufen die Tupi-Frauen zu seiner Begrüßung. Der Comic zeigt die sexuelle Konnotation, Staden aber versteht es als „auffressen“. Da ist der Topos geboren, den es zu hinterfragen gilt. Schäffauer macht daraus ein Plädoyer fürs Sprachenlernen, für (inter-)kulturelle Studien – für ein Studium der Lateinamerika-Studien!

Prof. Dr. Vogt von der Abteilung für Sprache und Kultur Japans am AAI entführt uns in der folgenden Viertelstunde nach Japan, speziell zum Phänomen der Migration. Migrant ist, wer länger als ein Jahr in einem Land lebt, dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt, stellt sie die UN-Definition von Migration voran. 190 Millionen Migranten zählt die UN weltweit, 90% davon in direkter oder mittelbarer Arbeitsmigration. Asiens Bedeutung als Immigrationsregion wächst, Migration feminisiert sich rasant, nationale Arbeitsmärkte auch in Nicht-Immigrationsländern öffnen sich zunehmend, das sind Vogts Thesen Am Fallbeispiel Japan, das bis 1990 jede Form der Zuwanderung ablehnte, schildert sie den Wandel eines klassischen Nicht-Immigrationslands zum Einwanderungsland de facto. Koreaner und Chinesen, letztere hauptsächlich zum Studium oder Berufspraktikum, die anschließend im Land bleiben, bilden die Haupteinwanderungsgruppen, hinzu kommen ethnische Japaner, die in zweiter oder dritter Generation aus Brasilien zurückwandern. Während die offizielle Zuwanderungspolitik (policy output) noch immer auf Hochqualifizierte und temporäre Beschränkung setzt, sieht die Praxis (policy outcome) längst anders aus: auch weniger Qualifizierte kommen, und bleiben. Als die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt ist Japan auf Zuwanderung angewiesen, der Pflegesektor explodiert, so gab es 2008 und 2009 erstmals Anwerbeverträge: Aus Indonesien und den Philippinen dürfen je 1000 Personen ins Land, bekommen ein Training in Sprache und Pflegesektor und müssen für beides anschließend ins Examen. Offiziell haben sie nach 3 Jahren das Land wieder zu verlassen. Wie war das mit der Arbeitsmigration nach Deutschland in den 50er/60er Jahren? So alt es mittlerweile ist, Max Frisch Ausspruch von den Arbeitskräften, die man rief, ist in aller Munde: Es kamen Menschen.Afrika-Asien-Institut

Als dritte in der Runde stellt Jun.Prof. Dr. Catharina Dufft mit der Turkologie und dem 2008 gegründeten TürkeiEuropaZentrum TEZ ihren Arbeitsbereich vor. In einem gelungenen Kurzreferat weist sie auf die zunehmende Bedeutung der türkischen Literatur als Weltliteratur auch in Deutschland hin. Obwohl in Deutschland eine lange Übersetzungstradition aus dem Türkischen besteht (Beispiel: Yakup Kadris Karaosmanoğlus Klassiker Der Fremdling wurde schon 1939 übersetzt) und durch die Arbeitsmigration in den 70er Jahren das Interesse zunahm (Beispiel: reihenweise Übersetzung der Dorfromane Yaşar Kemals), damit allerdings auch bestehende Klischees Bestätigung fanden, konnte die sozialrealistische romantische Literatur erst seit 2005 mit dem plötzlichen Interesse an Orhan Pamuk durch die in der Türkei längst vorherrschende postmoderne Literatur ersetzt werden. Auch die türkische Literatur rückt von der Peripherie ins Zentrum, verstärkt durch hochqualifizierte Übersetzungen, die sie vom Image des Exotisch-Seltsamen befreien und auf Augenhöhe bringen. Inzwischen ist sie – ebenso wie die Turkologie, der es um den soziopolitischen und kulturellen Hintergrund wie auch nicht zuletzt um Völkerverständigung geht – im globalen Kontext angekommen.

20.00 Uhr Kontrastprogramm: „Immer nur Schietwetter in Hamburg?“ provoziert der Deutsche Wetterdienst. Die Korridore sind mit Neugierigen und bereitwillig Auskunft gebenden „Wetterfröschen“ überfüllt. Und ein Drittel der auf den Vortrag Wartenden, auch ich, muss unverrichteter Dinge wieder abziehen: der Hörsaal im Seewetteramt ist überfüllt. Ausbeute aus der Bernhard-Nocht-Straße: zahlreiche visuelle Eindrücke und ein fantastisches Satellitenfoto von 1986.

Auch ohne den Bus-Shuttle sind alle Veranstaltungsorte gut zu erreichen. Die unverhoffte Pause bietet Zeit für einen Kaffee im Klima(Nacht)Café im Geomaticum am Schlump. Familien mit Kindern, junge Paare, StudentInnen oder solche, die es noch werden wollen, Rentnerpaare, Einzelpersonen jeden Alters, so sind wir alle auf der Jagd nach Schnäppchen und Häppchen des Wissens in Einrichtungen, die Fachfremden nicht alltäglich Einblick gewähren. Manche lassen sich treiben, andere gehen gezielt und geplant vor, manche picken sich Highlights oder Nischenprodukte heraus, andere wollen so viel wie möglich mitbekommen oder kombinieren mit Parallelangeboten.

Matthias Hort: Naturgefahren21.30 Uhr Geomaticum, H2. „Naturgefahren – Erdbeben, Tsunamis und Vulkane“ verspricht Prof. Dr. Matthias Hort vom Institut für Geophysik. Und er hat nicht zu viel versprochen. Von den Voraussetzungen der Erde als dynamischen System geht es in einer professionellen PowerPoint-Präsentation durchs Erdinnere, über Schichten, Platten, Krusten. Strömungen verschieben Material, Platten driften auseinander, tauchen wieder ab, verkeilen sich, da ist der Vulkanausbruch, das Erdbeben. P- und S-Wellen werden als primäre, rasche Kompressionswellen und sekundäre langsamere, wellenförmige Scherwellen entlarvt. Erst die danach einsetzenden Love- oder Ravleigh-Wellen aber dringen an die Oberfläche und sind destruktiv. Ein Foto zeigt den ältesten bekannten Erdbebenmelder aus China (132 n. Chr.): Goldene Kugeln fallen aus Drachenmäulern in Froschmäuler, wenn die Erde bebt, der Seismograph konnte daran die Richtung des Bebens ablesen. Entwickelte Wiechert 1898 noch eine mechanische Konstruktion zur Aufzeichnung, das sogenannte Horizontalpendel, funktionieren die Seismometer von heute nach elektromagnetischem Prinzip. Sie überziehen in dichtem Netz die Erde, noch hauptsächlich landgestützt, doch auch Hydrophone, Messeinrichtungen für den Meeresboden, sind bereits im Einsatz. Hort erläutert die aus den Medien geläufigen Begriffe Epizentrum (das nur die vertikale Projektion auf der Erdoberfläche des eigentlichen Ursprungs im Erdinneren ist, des Hypozentrums), Magnitude, Richter-Skala, zeigt, wie die Berechnung der Stärke erfolgt, fasziniert das Publikum mit der Schilderung stehender Wellen, die die Erde zum Schwingen bringen, geht auf das Problem, um nicht zu sagen die Unmöglichkeit der präzisen Vorhersage ein. Mit der Entstehung von Tsunamis, die im Gegensatz zu Erdbeben, von denen täglich ca. 50 spürbare weltweit auftreten, nur extrem selten sind, und dem Aufstieg von Gasblasen im Magma der Vulkane kommt Vogt zu dem Punkt, der offenbar viele interessiert: Die Abkühlung des Klimas nach einem Vulkanausbruch ist nicht der Verdunklung der Asche in der Atmosphäre zuzuschreiben, sondern Schwefelsäuretröpfchen, die das Sonnenlicht verstärkt reflektieren und extrem lange zum Abbau brauchen, viel länger als Asche in der Atmosphäre je verbleibt, Jahre nämlich.

Fazit fürs nächste Jahr: Gezielt Schwerpunktthemen ansteuern und unbedingt einen Plan B dabei haben, Überfüllung ist vorprogrammiert!

Interessant wäre nun noch eine Studie dazu, ob und inwieweit ein solches Event nachhaltig ist bzw. sein kann. Vielleicht eine Anregung für die Hamburger Wissenschaftssenatorin Gundelach, eine solche Studie über die Nach- und Auswirkungen der Nacht des Wissens auf das teilnehmende Publikum in Auftrag zu geben und im nächsten Jahr vorstellen zu lassen?

(Die Veranstalter wünschen sich Feedback zur Nacht des Wissens.)

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