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Archive for the ‘interkulturelle Literatur’ Category

Amitav Ghosh, Die InselnDesh koi lautet das Schibbolet („Password“) zur bengalischen Diaspora: Aus welcher Gegend stammst du? Stimmen- und Sprachengewirr in einer fremden Stadt, alles unbekannt, Eindrücke stürzen auf dich ein, bald aber fokussieren sich die Sinne, du nimmst Details wahr, der Sprachendschungel lichtet sich, du fängst an zu verstehen. So ergeht es dem Antiquar Deen Datta aus Brooklyn in Venedig, als er unvermutet an jeder Ecke Bengali vernimmt. Amitav Ghosh, der auf Englisch schreibende Weltliterat mit bengalischen Wurzeln, zerrt seinen so arrivierten wie vorurteilsbehafteten Protagonisten in seinem neuen Roman Die Inseln (2019) gnadenlos aus der Komfortzone und wirft ihn auf einer Route von Kalkutta/Kolkata, Los Angelos, Venedig bis nach Sizilien mitten hinein in einen Strudel aus Mythen und Migrationsbewegungen, Metaphysik und Klimakatastrophe.

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Sinha, Staatenlos (Nautilus 2017)Mina bohrt die Fingernägel in die Lehmdecke über sich, will die Erde abtragen, aufstehen, gehen, die Straße überqueren, die Stadt erreichen, doch sie hat keine Beine, keinen Unterleib, kein Leben mehr, „unterhalb der Brust ein Haufen Asche“Shumona Sinhas dritter Roman Staatenlos beginnt mit einem grausigen Paukenschlag, nimmt der Leserin auf der ersten Seite den Atem, den sie bräuchte, um der Hoffnung zu folgen, die die beiden jungen Frauen aus Indien durch den mühseligen Alltag trägt, macht von Anfang an klar: sie haben keine Chance. Nicht das Bauernmädchen im indischen Dorf Tajpur, nicht die Lehrerin in Paris.

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Ein stummer Schrei scheint in den Augen des Mädchens zu liegen, ist sie 5 oder 6 oder doch schon älter? Das Unicef-Foto des Jahres 2017 zeigt ein syrisches Flüchtlingsmädchen in Jordanien, vielleicht geht sie ins kollektive Gedächtnis (des Westens natürlich) als „das Mädchen mit der tragischen Schönheit und dem durchdringenden Blick“ ein, dessen Foto einmal Becher humanitär bewegter Menschen zieren wird, für das gute Gewissen beim Weltkaffee … Ein solches Mädchen war Bilqiss, Azzeddine, Bilqiss (Wagenbach 2016)kein Flüchtling, vielmehr eine Waise im zerstörten eigenen Land. Kurz nachdem sie mit dreizehn verheiratet worden war, lichtete ein Fotograf aus dem Westen sie ab. Was mit dem Bild geschah, erfährt sie erst Jahre später, als sie unversehens internationale Aufmerksamkeit erregt und zur Heldin im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Islam wird. Bilqiss nannte Saphia Azzeddine, die französische Autorin marokkanischer Herkunft, ihre Protagonistin und ihr Buch über einen absurd anmutenden Prozess, in dem die vorverurteilte Angeklagte den Spieß umdreht und ihren Richter und die Gesellschaft anklagt, obwohl oder gerade weil sie minütlich mit dem sicheren Todesurteil rechnet.

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Aris Fioretos, Mary (Hanser 2016)Mary schweigt in der Folter, sie schweigt, als sie wegen ihres Schweigens auf eine Gefängnisinsel verbannt und zweimal über Wochen allein in einer Bucht, der Müll- und Begräbnisbucht, ausgesetzt wird. Mit jedem Wort, das weiß sie, kann sie sich nur gefährden. Und Dimos ebenso, den Linksrevolutionär, der den illegalen Sender an der Universität organisiert. Vor allem aber, der Sonne, die sie in sich heranwachsen weiß. Dem kleinen Wesen einen Namen zu geben, traut sie sich vorerst nicht. Nicht Türkei 2016/17, sondern ein ungenannt bleibendes Land 1973/74, das sich leicht als Griechenland identifizieren lässt, bildet den Hintergrund für Aris Fioretos’ jüngsten Roman Mary (Hanser, 2016). Der schwedische Autor mit griechischem Vater, dessen Migrationserfahrungen er im vorangegangenen Semi-Roman Die halbe Sonne nachzeichnete, arbeitet als Angehöriger der Nachfahrengeneration nun die Studentenrevolten November 1973, die den Anfang vom Ende der letzten griechischen Militärdiktatur markierten, zunächst aber zur Verschärfung der Lage beitrugen, aus ungewöhnlicher Perspektive auf.

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Kejo, Ro Jin, Sujet-Verlag 2012 „Es war einmal ein hungriger Löwe, der bezeichnete jeden Ort, den er betrat, als sein Reich …“ Mit leiser Stimme, fast schüchtern liest der syrisch-kurdisch-deutsche Autor Berzan Kejo am 21. Juli 2016 in der Hamburger Werkstatt3 aus seinem autobiographischen Roman Ro Jîn – Sonne des Lebens. Kejo wirkt älter als auf dem Autorenfoto, enttäuschter vielleicht, sicher desillusionierter. Das Buch sei sein „Beitrag zum syrischen Volksaufstand als staatenloser Syrer aus dem Ausland“, betont Kejo im anschließenden Podiumsgespräch. Er lässt keinen Zweifel daran, wie sehr er auch nach 30 Jahren Exil mit seinem Heimatland mitfühlt und mitleidet, wie frustriert aber auch er über die Jahre als Flüchtling in Deutschland ist. (mehr …)

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Alpan Sagsöz, Als wir Libellen waren Ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrem Vater, ein Anwalt in den besten Jahren auf der Flucht vor sich selbst – als ihre Wege sich keineswegs zufällig kreuzen, scheint nur einen Augenblick lang die Welt für beide in Ordnung, bis erneut alles aus den Fugen gerät. Sie nutzen aber die Krisen zur Reifung und stellen sich dem stets unberechenbaren Leben mit neuem Elan. Flott bis flapsig, stylish bis spritzig fabuliert der Kölner Autor Alpan Sağsöz in seinem jüngsten, nur als eBook veröffentlichten Roman Als wir Libellen waren (Berlin 2015) drauflos, stellenweise „wie ein Baum bearbeitender Specht nach einem überzuckerten Espresso“, wie es an einer Stelle im Buch heißt. Doch was sich wie Fastfood aus der Creative Writing-Küche anlässt, gewinnt an Tiefe, als die Protagonisten aus dem Alltag katapultiert und auf sich selbst zurückgeworfen werden.

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Yusuf Yesilöz, Soraja Ein Träumer, ein Mensch auf der Suche ist Ferhad, der Held und Ich-Erzähler in Yusuf Yeşilöz’ neuem Roman „Soraja“. Der kurdisch-schweizerische Autor und Dokumentarfilmer Yeşilöz beweist auch mit seinem zehnten Buch sein Faible für leise, unaufgeregte Klänge, für menschliche Zwischentöne und so kritische wie liebevoll genaue Beobachtung beider Kulturen, der türkisch-kurdischen wie der schweizerisch-westeuropäischen. „Ich wusste, dass ich ein Mensch auf der Suche war, wusste aber nicht mehr, seit wann“, bekennt sein Held …

weiterlesen bei migazin: http://www.migazin.de/2014/07/18/ein-dauerheimatsuchender-traeumer-im-aufbruch/

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Blogger_Lesefreude_2014_Logo Am 23. April ist Welttag des Buches. Man könnte ein Buch besprechen an diesem besonderen Tag, das tun wir aber schon an vielen anderen Tagen des Jahres … man könnte eines verschenken, wer täte das nicht ohnehin … man könnte auch eines verlosen – und das wollen wir auch 2014 tun. Wir, das sind BloggerInnen, hauptsächlich von Buch-Blogs, aber Beschränkungen gibt es da nicht, stöbern lohnt sich. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr wird die Aktion auch 2014 wieder aufgelegt, mit noch größerer Beteiligung und mit einer eigenen Website: http://bloggerschenkenlesefreude.de/ Dort gibt es auch einen Link zur Liste aller teilnehmenden Blogs.

Welches Buch verlose ich?

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Isabella Feimer, Der afghanische Koch Bikulturelle Beziehungen sind nicht per se problematisch, doch wenn nur eine Seite sich um Verständnis bemüht, wird es schwierig. Wie im „richtigen“ Leben zumeist auch, ist es in Isabella Feimers Debütroman Der afghanische Koch (septime-Verlag 2013) die Frau, die namenlos bleibende Ich-Erzählerin, die um Empathie und Verstehen der ihr doch fremd bleibenden Welt ihres Partners Rahman regelrecht ringt. Sie setzt sich intensiv mit seiner Geschichte auseinander – um sie aufzuschreiben. Immer wieder spricht er ihr Verständnis ab, sie aber kann und will nicht hinnehmen, aus Lebensabschnitten und -bereichen des Geliebten ausgeschlossen zu bleiben.

Beide leben in prekären Verhältnissen im Wien des Jahres 2012 (mehr …)

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man könnte sich das buch vornehmen

man könnte mit großen buchstaben

„wenn nicht jetzt dann nie“

auf das weiße Blatt schreiben

„letzte chance“

das haus verlassen – nichts mitnehmen – zurückblicken verboten – aber man kann nicht aus sich rausgehen … (@ warum man nicht wegkommt)

Lütfiye Güzel, Let's go Güzel Die Duisburger Poetin Lütfiye Güzel kann durchaus aus sich herausgehen und sie tut es vor allem in Gedichten, in ihrem zweiten Buch Let’s Go Güzel (Dialog Edition, Duisbug 2012) auch in kurzer, lyrischer Prosa. „Ich will Poesie hinterlassen. Aber was übrig bleibt, ist ein Zug, der zu früh abfährt, und eine Umarmung, die keine ist.“ (Sternengucker) (mehr …)

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Yusuf Yesilöz: Hochzeitsflug (2011) Die Geschichte einer Zwangsheirat außerhalb der Klischees und die Probleme, die sie mit sich bringt, thematisiert der kurdisch-schweizerische Autor Yusuf Yeşilöz, der sich mit sensiblen Psychogrammen zwischen den Kulturen einen Namen gemacht hat, in seinem neuen Roman Hochzeitsflug (Zürich 2011).

Ob hier die Frau in die Ehe gezwungen wird, ist nicht das Thema. Wie die Frau überhaupt zu der ganzen Sache steht, erfährt die Leserin nicht. Vielmehr geht es um den Mann: Beyto, türkisch-tscherkessischer Herkunft, der seinen Eltern nach Jahren in der Schweiz wieder einmal ins Dorf folgt, vermeintlich für drei Wochen Ferien. (mehr …)

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Wie lebt ein nicht mehr ganz junger und geradezu verzweifelt ambitionierter Kunsthistoriker 1939/40 im Shanghaier Exil? Lothar Brieger ist einer von vielen, die ab 1938 in Shanghai an Land gingen und deren Schicksal die Berliner Autorin Ursula Krechel in ihrem Roman Shanghai fern von wo aufgegriffen hat. Nach rund zehnjähriger Recherche, sie habe so ziemlich alles Krechel, Shanghai fern von wo (2008)zusammengetragen, was man über das Exil in Shanghai wissen kann, so Krechel, war es vor allem Empathie, die – zunächst ein Hörspiel und dann – einen Roman aus dem Archivmaterial entstehen ließ. Nicht zu vergessen die „metallische Stimme“ von Buchhändler Ludwig Lazarus in der erhaltenen Tonbandaufnahme über seine Shanghaier Exilerfahrungen gefiel Autorin Krechel, die am 28. Juni in Hamburg las.

Die neue Leiterin der Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur der Hamburger Germanistik, Doerte Bischoff, hatte zu Lesung und Podiumsdiskussion unter dem Titel Exil und Exilforschung: Aspekte ihrer Aktualität in den edlen Lichthof der Staatsbibliothek geladen. Ein gelungener Auftakt für ihr Anliegen, den Forschungsbereich zu öffnen, über die 1933-45 im Exil entstandene Literatur deutscher AutorInnen, über nationale Beschränkungen, über das Sammeln und Sichern von Dokumenten hinaus. U.a. wird es im Herbstsemester 2011 dazu eine Ringvorlesung geben, auf die man gespannt sein darf. Besonders interessiert Bischoff auch der Grenzbereich zwischen (fiktiver) Literatur und Literaturwissenschaft. So war es kein Zufall, dass sie an diesem Abend zwei Autoren aufs Podium bat, die beide Bereiche integrieren. (mehr …)

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Frühlingsanfang 1979 in der jungen chinesischen Industriestadt Hun Jiang. Ein trauriges Datum für Ehepaar Gu. Auf diesen Tag ist die Hinrichtung ihrer Tochter Shan angesetzt. Lehrer Gu ist geneigt, die Tochter für schuldig zu halten. Ihr Wandel vom einen Extrem ins andere, von der bis zum Gewaltexzess hin fanatischen Jugendaktivistin der Kulturrevolution zur geächteten Konterrevolutionärin, bleibt ihm unverständlich, wie er sich auch allgemein unverstanden fühlt in diesem Provinznest unter ungebildeten Arbeiter. Frau Gu dagegen packt eine Tasche mit Kleidern, um sie dem alten Totenritual entsprechend zu verbrennen, damit die Tochter im Jenseits nicht darbe …

Ein dramatischer Einstieg in eine vielschichtige Tragödie, die die Leserin bis zur letzten Seite in Atem hält. Mit Die Sterblichen von 2009 legt Yiyun Li ihren ersten Roman vor. Aufgewachsen ist die amerikanisch-chinesische Autorin in Beijing, lebt aber seit 1996 in den USA, wo sie u.a. Creative Writing lehrt und mit Kurzgeschichten und Essays bereits einige Aufmerksamkeit erregte. Nun also ein fulminantes Romandebüt, das inhaltlich wie handwerklich überzeugt. Li jongliert mit einer Vielzahl von Personen und Handlungssträngen, die sie gekonnt ebenso überraschend wie scheinbar zwangsläufig verknüpft.

Kaum ein Thema der postmaoistischen chinesischen Gesellschaft, das Li nicht anpackt, ohne dass ein Gefühl der Überfrachtung aufkäme: Organhandel, Korruption des Staatsapparats, das Drama ausgesetzter weiblicher Babys, die Geringschätzung von Töchtern und Frauen durch alle Schichten, politische Winde, die schneller drehen, als der gesunde Menschenverstand es zu fassen vermag. Die Menschen führten ein Leben, schreibt Li, „das sie selbst nicht verstanden“. Mancher lässt sich aus Berechnung oder Unverstand zu Handlungen verleiten, die anderen und am Ende immer auch ihm selbst größten Schaden zufügen. So der beflissene Schüler Tong, der auf einer Kundgebung den Namen seines Vaters unter eine Deklaration setzt und damit die Familie ins Unglück stürzt. Oder Bashi, der selbstgefällige junge Mann an der Grenze zum Wahnsinn, der sich in die viel zu junge Nini verliebt, obwohl er sie eigentlich nur benutzen wollte. Allein um sich aufzuspielen, denunziert er die halbe Stadt und endet, verfemt als Mädchenschänder, selbst im Gefängnis. Helden wollen sie alle sein oder werden von anderen zu Helden stilisiert, „Helden der Revolution“, traurige Helden. „Für mich war dieser Roman ein Weg, Heldentum zu hinterfragen“, äußerte Li im Interview 2008. Sie sei in einer solchen Kultur, wie sie im Buch geschildert ist, in Beijing aufgewachsen, habe als Kind selbst Denunziationsinszenierungen erlebt, habe mit der Mutter täglich die Wandanschläge über anstehende Exekutionen studiert. Doch es ist keine Vergangenheitsbewältigung, die Li hier betreibt.

„Erst wenn alle Fragen gestellt sind, habe ich einen Plan und schreibe die erste Zeile“, verriet Bestseller-Autor Ken Follett im FR-Interview (25.01.10). Yiyun Li dürfte ähnlich vorgehen;  wie sonst hätte sie diesen „Junior-Klassiker“ (The Independent) derart gekonnt komponieren und orchestrieren können? Sie muss sich eine Vielzahl von Fragen gestellt haben, bevor sie ihr Kaleidoskop sozialer Befindlichkeiten in der chinesischen Provinzstadt in Romanform goss. Wie bewältigen junge, marginalisierte Menschen den Übergang ins Erwachsenenleben? Wie erleben Menschen den Prozess des Alterns, wenn traditionelle Rollen aufbrechen und alles, was ihnen gestern noch Halt gab, wegbricht? Wie gehen Menschen vom Land mit der Arroganz der Städter um?

Starke Frauen liegen Li ebenso am Herzen wie soziale Randfiguren. Da ist Frau Gu, die sich von der gutmütigen, braven Ehefrau in eine politische Aktivistin verwandelt. Dann Kai, die erfolgreiche Radiosprecherin, Gattin eines hohen Kaders und Mutter eines kleinen Sohns, die um ihres Gewissens willen aus der bequemen Routine ausbricht, vom angehimmelten, doch gesichtslosen Ideal zum persönlichen Vorbild für Tausende mutiert, als sie eine Führungsrolle bei der Solidaritätskundgebung für die Oppositionsbewegung „Mauer der Demokratie“ übernimmt – und dafür über Gebühr bestraft wird. Und Frau Hua, die großartige „Mutter“ von sieben Findeltöchtern und Straßenkehrerin, die am Ende ihren Mann überredet, das Wanderleben als Bettler wieder aufzunehmen, weil ihr unerträglich ist, wie die Menschen in Hun Jiang über einander herfallen. Das Ehepaar Hua bietet in seinem humanistischen Engagement und der gegenseitigen Achtung und Liebe den einzigen roten Faden der Kontinuität in Lis „Maelström“, obwohl die beiden Ausgestoßene sind, vielleicht gerade deshalb. Ansonsten macht Li es fast zur Regel, dass Sympathieträger wie Lehrer Gu, Unsympathe wie Bashi oder unscheinbare, brave Hausfrauen wie Frau Gu sich im Lauf der Ereignisse in ihr Gegenteil verkehren.

Nicht zuletzt ist Yiyun Lis Buch unerbittliche Anklage gegen ein unmenschliches Regime. Indem sie schildert, wie das Regime Menschen, die kaum wissen, was sie tun, einen ungerechten Prozess macht, mit von vornherein feststehendem Urteil, führt sie Absatz für Absatz Beweis gegen ein diktatorisches, skrupelloses System.

Muss man im Ausland leben, i.e. sowohl Distanz zum Geschehen haben als auch in relativer Sicherheit sein, um in dieser Sensibilität und Konsequenz zugleich schreiben zu können? Ist es zudem von Vorteil, weiblich zu sein, um Menschen so tief ins Herz zu blicken und derart erstaunliche Entwicklungen, positive wie negative, durchmachen zu lassen? Ein Blick auf das Gros der im Herbst 2009 zum China-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse erschienen Bücher lässt das fast vermuten.

Ist Yiyun Li, die Englisch schreibt, ihren eigenen Namen wie auch die ihrer Protagonisten westlichen Gepflogenheiten angepasst hat, die seit fast 15 Jahren im Ausland lebt und arbeitet und damit Erzählweise und Marktgewohnheiten im Westen kennt, noch als chinesische Autorin zu bezeichnen? „English ist die Sprache meines Schreibens“, bekennt sie, auch wenn sie im Alltag viel Chinesisch verwende. Im Klappentext nennt der Verlag sie „eine der vielversprechendsten jüngeren amerikanischen Erzähler“(innen). Der englische Sprachraum tut sich im Allgemeinen leichter mit seinen Englisch schreibenden AutorInnen unterschiedlicher Herkunft. In Deutschland kann ein/e AutorIn in diesem Land geboren und/oder aufgewachsen sein, ausschließlich auf Deutsch schreiben, um doch allein aufgrund des „fremden“ Namens nicht als „deutsche/r AutorIn“ anerkannt zu werden. Es gibt das Konstrukt der „interkulturellen Literatur“, um eine/n SchriftstellerIn als solche/n mit „Migrationshintergrund“ zu markieren, vermeintlich wohlwollend. Li hat ihren ersten Roman über die Kultur und aus der Kultur heraus geschrieben, in der sie aufgewachsen ist. Sie konnte das in dieser Art nur tun, weil sie seit langem im Ausland lebt. Solange in einem Land wie China solche Bücher nicht frei entstehen können und in einem beliebigen Land des sog. Westens von AutorInnen ohne Migrationshintergrund kaum Bücher ohne eurozentrischen Blick erscheinen, mag das Label „interkulturelle Literatur“ zweckdienlich sein. Möge es bald ausgedient haben, alle Literatur wahrhaftig „interkulturell“, global und lokal zugleich, mit gleichberechtigter Achtung für alle Kulturen sein und das Schubladendenken an Bedeutung verlieren.

Yiyun Li: Die Sterblichen. Aus dem Englischen von Anette Grube. Originaltitel: The Vagrants. München: Hanser 2009 (gebunden).

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„Luo Lingyuans kühle Texte sind aufklärende zeitgeschichtliche Dokumente, die ins Diplomatengepäck jedes China-Enthusiasten gehören“, schrieb der Focus.

Kühl sind sie tatsächlich, nüchtern, die Sprache ist schlicht, sparsam fast. Es geht Luo offensichtlich nicht um ein sprachliches Kunstwerk, sondern ausschließlich um den Inhalt.

Hier erzählt sie vom Aufstieg und Fall Dai Xingkongs, der sich mit seiner Firma Tenglong mit den zwei Standbeinen Computertechnologie und traditionelle Medizin zum milliardenschweren Unternehmer hocharbeitet. Dabei kommen ihm seine Aufrichtigkeit, sein demokratischer Ansatz den MitarbeiterInnen gegenüber ebenso zustatten wie die Ausnahmekonditionen der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Eine nicht unerhebliche Rolle spielen zwei Frauen, die bildhübsche Jian Roula, eine emanzipierte, raffinierte Frau, die ihre weiblichen Reize gezielt und interessengeleitet einsetzt, und Tang Anqi, die erst langsam in ihre neue Rolle in der Werbeabteilung bei Tenglong hineinwächst, lange ablehnt, ihre Weiblichkeit einzusetzen, im entscheidenden Moment sich aber als starke Frau erweist.

Als Dai ein, zwei Fehlentscheidungen trifft und der Bürgermeister, sein Freund und Förderer, ausgewechselt wird, beginnt der Absturz. Korruption, behördliche Willkür und widrige Umstände (ausufernde Produktpiraterie, nicht nachlassende Regenfluten u.ä.) tun ein Übriges. Zum Verhängnis wird der Bau der neuen Firmenzentrale. Der Boden erweist sich als nicht ausreichend tragend, Dai aber vertraut auf sein Glück, plant 30 Etagen mehr, verkauft Luxuswohnungen in schwindelnder Höhe schon vor dem Bau. Eine gelungene Metapher für ein zu hohes Wagnis. Nicht der Wolkenkratzer stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen, sondern Dais Unternehmen und Familie.

Ein Buch über Loyalität, Freundschaft und Liebe, Selbstüberschätzung, Korruption, die allgegenwärtig und unumgänglich scheint, und Konkurrenz und natürlich in erster Linie über die schwierige, dafür umso rasantere Entwicklung Chinas vom dirigistischen Staatswirtschaftsmonopolisten zur Supermacht der freien Marktwirtschaft. Es müssen Späne fallen, wo gehobelt wird. Natürlich gelingt Dai nach dem totalen Absturz auch der Wiederaufstieg.

Luo präsentiert mit sezierendem Blick Menschen im Wandel zur Moderne mit Stärken und, vor allem, Schwächen. Dass Glück, das Dai und Anqi am Ende ereilt, scheint die Autorin sich schweren Herzens abgerungen zu haben, ein Zugeständnis an die Leserin vermutlich.

Luo lebt seit 1990 in Berlin, schreibt auf Deutsch, und erhielt 2007 den Chamisso-Förderpreis. Ihre klare, schonungslose, fast emotionslos scharfe Analyse der aufstrebenden chinesischen Boom-Gesellschaft mag dieser Position geschuldet sein, die ihr den Blick von Außen erlaubt und zugleich Kenntnis von den Erwartungen der westlichen Leserschaft gibt.

Luo gehört zu jenen, die helfen, ein Stück mehr vom modernen China zu verstehen. Mit ihren in deutscher Sprache in Deutschland verfassten Büchern ist sie zugleich ein Paradebeispiel für zeitgenössische interkulturelle Literatur beachtlichen Niveaus, wie sie seit Jahren von AutorInnen mit Migrationshintergrund auch hierzulande geschaffen wird.

Luo Lingyuan: Die Sterne von Shenzhen. München 2008.

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