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Posts Tagged ‘Istanbul’

Ögünc, Beterotu, İletişim 2019

„Mich interessieren die Schäden, die das System in unserer Seele anrichtet“, sagt die engagierte türkische Journalistin und Autorin Pınar Öğünç. Im ersten Lockdown 2020 ließ sie Menschen vor allem aus dem „prekären Milieu“* in einer Interview-Serie im Own-Story-Format eindringlich zu Wort kommen. Lebensbilder vom System gebeutelter „kleiner Leute“, „denen schon als Kind klar war, dass das Leben ihnen keine Chancen zu bieten hat“, zeichnet sie auch in ihrem zweiten Erzählband Beterotu (Schlimmerkraut, 2019). Ihre Held:innen bemühen sich, aus der Monotonie des Alltags auszubrechen und einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Manchen gelingt das mit wunderbarer Phantasie, andere strampeln sich vergeblich ab, einige verrennen sich fürchterlich …
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Wer kein Gesicht hat, existiert nicht. (Oliver Bottini)

Seray Şahiner, Kul (Can Yayınları)Mercan reinigt Treppenhäuser, sie ist eine der „stillen Held:innen des Alltags“, eine der prekär beschäftigten Dienstleister:innen, auf die wir alle angewiesen sind, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Genau das ist es, was Mercan am meisten schmerzt: unsichtbar, austauschbar zu sein. Seray Şahiner holt sie in ihrem zweiten Roman Kul* (2017) aus dem toten Winkel unserer Wahrnehmung heraus. Die Autorin erzählt nicht von und über Mercan, vielmehr atmet sie ihr Lebensgefühl und lässt uns daran teilhaben. Mercan steht stellvertretend für so viele andere Frauen, die von Kindheit an darauf konditioniert sind, für andere zu sorgen, die das Gefühl brauchen, gebraucht zu werden. „Das uns Frauen vermittelte Rollenbild ist die Frau, die auf den Mann wartet“, merkt die Autorin im Interview an. Sei der Mann da, fange das Leben an; Mercans Leben aber beginnt, als ihr Mann gegangen ist …

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Ahmet Ümit, Kırlangıç Çığlığı (Everest 2018)Istanbul im Juni 2017, brütende Hitze, ein Anruf: „Wieder ein Mord, Hauptkommissar!“ Damit sind wir mittendrin in Kırlangıç Çığlığı – „Schwalbenschrei“ – dem neuen Buch des türkischen Krimimeisters Ahmet Ümit. Das Opfer liegt oder besser: hockt in der Sandkiste am Fuß einer Rutsche auf einem Spielplatz in Kasımpaşa, eine rote Samtbinde über den Augen, die rechte Ohrhälfte abgeschnitten. Der Mann starb durch einen Nackenschuss und unter seinem Fuß findet Hauptkommissar Nevzat eine Barbiepuppe im rosa Kleidchen. Erschrocken zieht er Parallelen zur Puppe seiner Tochter Aysun …

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Karakaşlı, Dört Kozalak Wenn Prüfungen bevorstehen im türkischen Schulsystem, Prüfungen, die nicht nur über die weitere Bildungskarriere, sondern schier über den weiteren Lebenslauf entscheiden, setzt das Leben für Monate aus. Dann ist nur noch Lernen angesagt, mit Privatlehrern und Lerninstituten, das ist Ausnahmezustand für die ganze Familie. Und wird für viele Jugendliche zum Horror. Die armenisch-türkische Autorin Karin Karakaşlı bringt in ihrem zweiten Jugendroman Dört Kozalak (Vier Tannenzapfen, 2014), jüngst zum Jugendbuch des Jahres 2014 gewählt, zwei Mädchen, zwei Jungen und zwei Lehrer zusammen, um im Prüfungsmarathon zu bestehen. Der Autorin und Lehrer Osman liegt dabei besonders am Herzen, dass die vier Jugendlichen, die einen Teil des Istanbuler multikulturellen Mosaiks repräsentieren, einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander entwickeln. (mehr …)

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Hayko Bagdat, Salyangoz (Inkilâp 2014)Schreibt neue Texte anstelle derer, die ihr unzulänglich findet! Organisiert neue Aktionen anstelle derer, deren Form euch nicht gefällt!“ Nicht Opfer sein, nicht darauf warten, dass andere handeln, sondern selbst aktiv werden, offen und wahrhaftig sein im Namen der Menschlichkeit – das besticht an Salyangoz (Die Schnecke), dem ersten Buch (2014) von Hayko Bağdat, in dem der armenisch-griechische Publizist uns durch sein Leben und damit über die Landkarte der Diskriminierung und Selbstbehauptung der letzten 40 Jahre in der Türkei führt. Mit Wortmeldungen in Radio, TV und Kolumnen, erinnert sei nur an seinen Aufschrei „Utanç duyuyorum“ (25.07.15, „Ich empfinde Scham!“) nach dem Anschlag von Suruç, wo er das stereotype menschenverachtende Verhalten breiter Kreise anprangerte und einmal mehr die gängigen Community-Grenzen in der türkischen Gesellschaft zu sprengen versuchte, ist Bağdat zu einer Art Gewissen der Nation geworden.

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Menekşe Toprak, Ağıtın Sonu „Aber sicher ist es möglich, das Leben leicht zu nehmen! Was einem zustößt, kann man auch als neuen Weg auffassen, statt als Katastrophe!“ Fatma (37) hat ihren gutdotierten Job in einer internationalen Firma im Ausland verloren und kommt, ausgestattet mit finanziellen Mitteln für mindestens ein Jahr, nach einer Ewigkeit erstmals wieder in die Türkei. Ein wenig auf Jobsuche, mehr aber auf der Suche nach sich selbst und einer erfüllenden Beziehung. Zunächst sitzt sie allerdings wegen Lodos, dem Istanbuler Fön, auf einer der Inseln fest. Menekşe Topraks zweiter Roman Ağıtın Sonu (Das Ende der Klage) ist, so sagt die Autorin, das Produkt intensiver Auseinandersetzung mit dem Leben und den Beziehungen von Frauen und Männern in Ost und West und in einer Metropole wie Istanbul im Besonderen. Das Anfang 2014 erschienene Buch erhielt Ende April 2015 den Duygu-Asena-Romanpreis „Die Frau hat noch immer keinen Namen“* als „ein Text, der eine in der globalen Ökonomie agierende junge Frau aus der Türkei mit all ihren Kämpfen und Sehnsüchten auf ehrliche Weise schildert und die emotionale Dimension der Protagonistin in Harmonie mit dem gesellschaftlichen Kontext gestaltet“ (Begründung der Jury).

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  Ahmet Ümit, Beyoglun'un En Güzel AbisiSilvester, 31. Dezember 2013. Eine nicht allzu unruhige Nacht für die Polizei in Istanbul, bis ein Toter vor einem Nachtklub in Tarlabaşı gemeldet wird … Damit setzt der Doyen der türkischen Kriminalliteratur Ahmet Ümit seinen Helden Hauptkommissar Nevzat mitten hinein in die brodelnde Stadt, in eines der umstrittensten Viertel in Sachen Stadtentwicklung und Immobilienspekulationen der letzten Jahre, in das zwielichtige Milieu von Drogen, Prostitution, verbotenem Glücksspiel und mafiösen Rivalitäten. Beyoğlu’nun En Güzel Abisi (Der beste Patron von Beyoğlu) erscheint zu einer Zeit, da es durchaus heikel erscheint, einen Kommissar als Ich-Erzähler Sympathiewerbung für die türkische Polizei betreiben zu lassen. (mehr …)

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Der türkische Journalist und ausgewiesene Experte für die Entwicklung der islamistischen Strömungen in der Türkei, Ruşen Çakır, veröffentlichte schon 2001 eine kritische politische Biografie Tayyip Erdoğans. In seiner Kolumne in der Tageszeitung Vatan vom 17.06.13 analysierte er dessen vorgeblichen “Sieg” als Niederlage:

Noch am Freitag [14.06.] hatte ich geschrieben: „Ganz offensichtlich will der Ministerpräsident den Widerstand so rasch wie möglich beenden. Möglicherweise gibt es bereits wieder gegen Morgen eine ähnliche Räumungsaktion wie zuvor.“ Als der Ministerpräsident durch sein bis in die Nacht dauerndes Gespräch mit Vertretern der Taksim-Plattform und einer Gruppe Intellektueller am Freitag Signale der Versöhnung gab, schien ich Lügen gestraft. Am Samstag wurden die Barrikaden am Eingang des Gezi-Parks abgebaut und es hieß, man würde bis auf eines auch alle Zelte abbauen. Doch auf der Großkundgebung in Ankara bot Erdoğan dann erneut die Stirn: „Entweder ihr geht da weg oder wir holen euch da raus“, die Stimmung schlug erneut um und es kam zu den bekannten Ereignissen. (mehr …)

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Die türkische Autorin Gaye Boralıoğlu schrieb ihre Glosse Zeit des Aufstands für kitap.radikal.com schon am 11.06. (erschienen am 12.06.2013), jetzt ist sie – leider – wieder brandaktuell. Hier die Übersetzung:

Ich lege den Stift nieder, Worte liegen unter einer Tränengaswolke, ich gehe hinaus, zum Aufstand hin!

Vor drei, vier Jahren bat mich eine junge Frau um ein Interview für eine Doku, die sie über den Putsch von 1980 und die Zeit danach vorbereitete. Wir sprachen darüber, wie es war, in der Zeit nach dem Putsch Frau zu sein, über die Folter, über das Leben im Gefängnis, über den Geist jener Jahre. Am Ende fragte sie mich, was ich mir im Leben noch wünsche. Und ich erwiderte: „Ich möchte einen Aufstand erleben.“

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Die türkische Schriftstellerin Sema Kaygusuz meldete sich am 11.06.2013 in der Tageszeitung RADIKAL mit folgendem Beitrag zum Bürger-Protest in der Türkei zu Wort:

41 Jahre alt bin ich und habe nun zum ersten Mal im Leben ein Land. Dieses Land ist nicht mehr eine Eventualität, sondern eine neue Zukunft, die sich mit dem Widerstand im Gezi-Park manifestiert. Im Gezi-Park geschieht derzeit Einzigartiges. Die markantesten Charakteristika dieses Protestes sind, dass er frei von Hass ist und ohne jede Zerstörungswut. Er ist das Lachen, das dem Tyrannen den Nerv raubt, ist eine außergewöhnliche Art der Solidarität von sprühender Intelligenz und eine friedliche Aktionsform. Alle, die sich dort versammelt haben, schieben konfessionelle und religiöse, sexistische und heterosexistische, rassistische und nationalistische, also sämtliche politischen Neigungen, die Individualität und Individuum missachten, beiseite und erinnern die Gesellschaft der Türkei an einen gemeinsam Wert. Den Wert der FREIHEIT. (mehr …)

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solidarity2_0 Der türkische Autor Hakan Günday schrieb am 12.06.2013 nach der Räumung des Istanbuler Gezi-Parks eine Kolumne für die Tageszeitung Radikal: “Quarantäne”. Hier meine Übersetzung:

Als einer, der viel darüber nachgedacht und geschrieben hat, wie Gewalt als Kommunikationsmittel eingesetzt wird, welchen Raum sie im öffentlichen Leben einnimmt und wie sie sich auf die menschliche Psychologie auswirkt, erlebe ich, dass sie auch benutzt werden kann, um eine gesellschaftliche Aktion unter Quarantäne zu stellen. Am 12. Juni 2013, um 01.02 Uhr. (mehr …)

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GeziParki01 In der Tageszeitung BirGün schrieb die türkische Journalistin Ece Temelkuran am 03.06.2013 folgende engagierte Kolumne zu den Ereignissen in der Türkei, die am Istanbuler Gezi-Park ihren Ausgang nahmen. Hier der Wortlaut in meiner Übersetzung:

Widerstand am Gezi-Park: Was geschah? Warum? Was wird daraus?

Sie fragen: „Alles um dreier Bäume willen?“

Am Anfang ja. Es ging um drei Bäume. Mittlerweile aber geht es um „drei Setzlinge“, um alle Setzlinge. Um die Mädchen und Jungen, die sie versucht haben, im Gas zu ersticken. Um ihre Eitelkeit, mit der sie sagten: „Was ich sage, geschieht.“ Darum, dass sie die Menschen für dumm hielten und wie Kinder behandelten. Es geht um die Massaker von Roboski und Reyhanlı, um alle türkischen, kurdischen, armenischen, arabischen, griechischen, alevitischen, dschafaritischen Mädchen und Jungen, die sie mit Gas, Bomben oder Kugeln töteten, um anschließend „Gott lasse sie in Frieden ruhen“ zu sagen. Darum, dass sie alle, die den Mund aufmachten, inhaftiert haben. Darum, dass sie den armen Leuten sagten: „Nimm deine Mutter mit und geh!“ Darum, dass sie unsere Flüsse verkaufen, unsere Bäume abholzen, unseren Bergen die Bäuche aushöhlen und nie genug davon bekommen. Darum, dass sie die Journalisten einschüchtern und die Studenten verprügeln. Darum, dass sie unsere Mädchen an den Haaren schleifen und unsere Jungen misshandelen. All dies geschieht darum, weil sie vergessen haben, dass wir Menschen und Bürger dieses Landes sind. Es geht nunmehr um den Widerstand gegen Repression.

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SabitFikir solidarity In einer am 3. Juni von der Literaturzeitschrift SabitFikir verbreiteten Erklärung verurteilen türkische Autorinnen und Autoren das brutale staatliche Vorgehen am Istanbuler Gezi-Park und fordern dringend ein Ende der Polizeigewalt und die Bildung einer unabhängigen Kommission. Hier die Erklärung in deutscher Übersetzung: (mehr …)

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Livaneli, Serenad Istanbul im Februar 2001: Geradezu unbedarft stolpert Maya, alleinerziehende Mutter und PR-Frau an der Universität Istanbul, in die Vergangenheit hinein, als sie den Auftrag bekommt, sich um Prof. Maximilian Wagner aus Boston zu kümmern. Der 87-jährige amerikanische Jurist mit deutschen Wurzeln ist zu einem Vortrag in Istanbul geladen. Wieso aber folgen ihm auffällig-unauffällig drei Männer in weißem Renault?

Nach und nach lüftet der türkische Autor Zülfü Livaneli in seinem jüngsten, im Frühjahr 2011 erschienenen Roman Serenad (Serenade) die Schleier des Vergessens und der Geheimnisse, die seine Protagonisten umgeben. Kräftig unterstützt wird er dabei von Mayas Sohn Kerem, 14, internetsüchtig und von der Welt genervt. Den Agententhriller, den seine Mutter ins Haus bringt, lässt er sich nicht entgehen und holt wichtige Informationen für Maya aus dem Netz. (mehr …)

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In ihrem jüngsten Roman Yeşil Peri Gecesi (Die Nacht der grünen Fee, erschienen im September 2010) berichtet Ayfer Tunç, eine der wichtigen Stimmen der jüngeren türkischen Literatur, aus dem Inneren der Istanbuler Society. Sie erzählt die Geschichte der absichtlichen Selbstdemontage einer hübschen jungen Frau, die ihre Schönheit als Fluch erlebt.

Die kurze glückliche Kindheit der Ich-Erzählerin endet, als der Vater durch einen Unfall verstümmelt und arbeitsunfähig wird und das Mädchen  Mutter und Onkel im Bett überrascht. Der Schock verändert ihr Leben. Fortan wächst in ihr der Hass und sie beginnt, ihre außergewöhnliche Schönheit als Waffe einzusetzen, um die Welt von Männern zu zerstören, die sie begehren oder auch nur ihr Herz zu gewinnen versuchen, wie eben dieser Onkel Süleyman. Um ihn zu vernichten, posiert sie mit 19 scham- und hüllenlos für ein Pornomagazin. Zugleich ist dieser Akt einer der Verzweiflung, hat doch Ali, der einzige Mann, den sie wirklich liebte, sie verlassen. Lange springt sie von Beziehung zu Beziehung, redet sich ein, verliebt zu sein, lässt sich ausnutzen, nutzt selbst aus oder legt es bewusst darauf an, Familien zu zerstören. (mehr …)

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