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Kejo, Ro Jin, Sujet-Verlag 2012 „Es war einmal ein hungriger Löwe, der bezeichnete jeden Ort, den er betrat, als sein Reich …“ Mit leiser Stimme, fast schüchtern liest der syrisch-kurdisch-deutsche Autor Berzan Kejo am 21. Juli 2016 in der Hamburger Werkstatt3 aus seinem autobiographischen Roman Ro Jîn – Sonne des Lebens. Kejo wirkt älter als auf dem Autorenfoto, enttäuschter vielleicht, sicher desillusionierter. Das Buch sei sein „Beitrag zum syrischen Volksaufstand als staatenloser Syrer aus dem Ausland“, betont Kejo im anschließenden Podiumsgespräch. Er lässt keinen Zweifel daran, wie sehr er auch nach 30 Jahren Exil mit seinem Heimatland mitfühlt und mitleidet, wie frustriert aber auch er über die Jahre als Flüchtling in Deutschland ist. Weiterlesen »

„In Beyoğlu/Istanbul vom Ehemann zu Tode geprügelt“, „13-Jährige von Vater, Onkel und Bruder missbraucht“, „Vom eigenen Großvater vergewaltigt“, „Schülerin beging Selbstmord nach Vergewaltigung durch Lehrer“ – nahezu täglich kommen aus der Türkei Meldungen über Gewalt gegen Frauen, Morde an Frauen und sogenannte Frauen- und Mädchenselbstmorde. Der Prozess gegen den Lehrer, der angeklagt ist, seine 17-jährige Schülerin Cansel vergewaltigt zu haben, die sich anschließend das Leben nahm, beginnt heute.

Burce Bahadir, Ölü Kadinlar Memleketi Auch der Fernsehjournalistin Burçe Bahadır ging das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen über die Hutschnur und sie machte sich an eine Doku mit Betroffenen. Das Thema durchzusetzen, erwies sich als extrem schwierig. Viele hätten aufgegeben, doch Bahadır ist hartnäckig, es gelingt es ihr schließlich, Interviews zu führen. Sie will vor allem eines: verstehen! Zuhören, die Wahrheit erfahren, wissen, was Männer dazu treibt, (ihre) Frauen zu misshandeln, missbrauchen, umzubringen, was Frauen erleiden, bis sie ihrerseits den sie quälenden Partner töten, warum man sich nicht einfach trennt… Aus dem Material für die TV-Doku entstand das beeindruckende Reportagenbuch Ölü Kadınlar Memleketi / Land der toten Frauen: das Portrait einer Gesellschaft, in der Männergewalt allzu oft als normal oder gar gerechtfertigt gilt.

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Barış için Edebiyat İnisiyatifiAus Protest gegen den Krieg vor allem in den kurdischen Gebieten der Türkei und aus Solidarität mit der Initiative AkademikerInnen für den Frieden gründete sich soeben die Initiative LiteratInnen für den Frieden in der Türkei:

„Dem Aufruf für Frieden und Verhandlungen der Initiative AkademikerInnen für den Frieden an die Regierung vom 11. Januar 2016 schließen wir uns mit unseren Herzen und Stiften an.

Wir lehnen die Behinderung der Rede- und Meinungsfreiheit ab.

Wir treten für Gleichheit und Frieden ein.

Wir treten für das Recht auf Leben ein.

Wir treten für freie Meinung ein.

Ohne Wenn und Aber: Wir werden uns mit diesem Verbrechen nicht gemein machen!

Wir treten für die Initiative AkademikerInnen für den Frieden ein.

Initiative LiteratInnen für den Frieden“

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Karakaşlı, Dört Kozalak Wenn Prüfungen bevorstehen im türkischen Schulsystem, Prüfungen, die nicht nur über die weitere Bildungskarriere, sondern schier über den weiteren Lebenslauf entscheiden, setzt das Leben für Monate aus. Dann ist nur noch Lernen angesagt, mit Privatlehrern und Lerninstituten, das ist Ausnahmezustand für die ganze Familie. Und wird für viele Jugendliche zum Horror. Die armenisch-türkische Autorin Karin Karakaşlı bringt in ihrem zweiten Jugendroman Dört Kozalak (Vier Tannenzapfen, 2014), jüngst zum Jugendbuch des Jahres 2014 gewählt, zwei Mädchen, zwei Jungen und zwei Lehrer zusammen, um im Prüfungsmarathon zu bestehen. Der Autorin und Lehrer Osman liegt dabei besonders am Herzen, dass die vier Jugendlichen, die einen Teil des Istanbuler multikulturellen Mosaiks repräsentieren, einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander entwickeln. Weiterlesen »

Hayko Bagdat, Salyangoz (Inkilâp 2014)Schreibt neue Texte anstelle derer, die ihr unzulänglich findet! Organisiert neue Aktionen anstelle derer, deren Form euch nicht gefällt!“ Nicht Opfer sein, nicht darauf warten, dass andere handeln, sondern selbst aktiv werden, offen und wahrhaftig sein im Namen der Menschlichkeit – das besticht an Salyangoz (Die Schnecke), dem ersten Buch (2014) von Hayko Bağdat, in dem der armenisch-griechische Publizist uns durch sein Leben und damit über die Landkarte der Diskriminierung und Selbstbehauptung der letzten 40 Jahre in der Türkei führt. Mit Wortmeldungen in Radio, TV und Kolumnen, erinnert sei nur an seinen Aufschrei „Utanç duyuyorum“ (25.07.15, „Ich empfinde Scham!“) nach dem Anschlag von Suruç, wo er das stereotype menschenverachtende Verhalten breiter Kreise anprangerte und einmal mehr die gängigen Community-Grenzen in der türkischen Gesellschaft zu sprengen versuchte, ist Bağdat zu einer Art Gewissen der Nation geworden.

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Alpan Sagsöz, Als wir Libellen waren Ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrem Vater, ein Anwalt in den besten Jahren auf der Flucht vor sich selbst – als ihre Wege sich keineswegs zufällig kreuzen, scheint nur einen Augenblick lang die Welt für beide in Ordnung, bis erneut alles aus den Fugen gerät. Sie nutzen aber die Krisen zur Reifung und stellen sich dem stets unberechenbaren Leben mit neuem Elan. Flott bis flapsig, stylish bis spritzig fabuliert der Kölner Autor Alpan Sağsöz in seinem jüngsten, nur als eBook veröffentlichten Roman Als wir Libellen waren (Berlin 2015) drauflos, stellenweise „wie ein Baum bearbeitender Specht nach einem überzuckerten Espresso“, wie es an einer Stelle im Buch heißt. Doch was sich wie Fastfood aus der Creative Writing-Küche anlässt, gewinnt an Tiefe, als die Protagonisten aus dem Alltag katapultiert und auf sich selbst zurückgeworfen werden.

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Menekşe Toprak, Ağıtın Sonu „Aber sicher ist es möglich, das Leben leicht zu nehmen! Was einem zustößt, kann man auch als neuen Weg auffassen, statt als Katastrophe!“ Fatma (37) hat ihren gutdotierten Job in einer internationalen Firma im Ausland verloren und kommt, ausgestattet mit finanziellen Mitteln für mindestens ein Jahr, nach einer Ewigkeit erstmals wieder in die Türkei. Ein wenig auf Jobsuche, mehr aber auf der Suche nach sich selbst und einer erfüllenden Beziehung. Zunächst sitzt sie allerdings wegen Lodos, dem Istanbuler Fön, auf einer der Inseln fest. Menekşe Topraks zweiter Roman Ağıtın Sonu (Das Ende der Klage) ist, so sagt die Autorin, das Produkt intensiver Auseinandersetzung mit dem Leben und den Beziehungen von Frauen und Männern in Ost und West und in einer Metropole wie Istanbul im Besonderen. Das Anfang 2014 erschienene Buch erhielt Ende April 2015 den Duygu-Asena-Romanpreis „Die Frau hat noch immer keinen Namen“* als „ein Text, der eine in der globalen Ökonomie agierende junge Frau aus der Türkei mit all ihren Kämpfen und Sehnsüchten auf ehrliche Weise schildert und die emotionale Dimension der Protagonistin in Harmonie mit dem gesellschaftlichen Kontext gestaltet“ (Begründung der Jury).

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bu anlamli günde, tiyatro istasyon hamburg, 2015 Statistiken und Umfrageergebnisse nimmt man zur Kenntnis, empört sich vielleicht kurz – und vergisst sie wieder … Klischeevorstellungen, allemal wenn es um das Thema Geschlechterbeziehungen geht, sind kein Aufreger und eher langweilig, weil ja doch nicht zu ändern … Es sei denn, man macht ein flottes Theaterstück daraus. Das unternahm die Istanbuler Theaterfrau Zeynep Kaçar mit ihrem Stück bu anlamlı günde (an diesem bedeutsamen Tag), das kürzlich in Hamburg die türkischsprachige Theatergruppe İstasyon Tiyatro İletişim, die jüngst ihr 25-jähriges Bestehen feierte, als neues Stück in der Regie von Serap Sadak auf die Bühne brachte. Die Komödie mutet fast als Tragödie an, zeichnet sie doch den Status-Quo der Gender-Verhältnisse nicht nur aber vor allem in der Türkei und damit auch einem guten Teil der Türkei-stämmigen Community in Deutschland nur allzu realistisch nach.

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Akif Kurtuluş, Ukde (Iletisim 2014) „Nur wer zu strafen vermag, kann auch vergeben.“ Cavidan ist Richterin, gerade am Anfang ihrer Berufslaufbahn, als sie in einem Verfahren den Zeugen Nuri kennenlernt. Mit ihm ändert sich ihr Leben. Er veranlasst sie, Entscheidungsprozesse zu überdenken, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, andere Perspektiven einzunehmen. Akif Kurtuluş, Lyriker, Kritiker, Essayist und Romancier und selbst Jurist, wählte mit einer Richterin als Erzählerin des ersten und Hauptteils seines zweiten Romans Ukde (Knoten*) eine ideale Figur, um über Schuld und Verantwortung, Lüge und Wahrheit, (Ver-)Schweigen, Vorurteile, Grenzen und ihre Verletzung u.v.a.m. zu räsonieren und zum Mitdenken anzuregen. Ukde reiht sich ein in die seit rund zehn Jahren entstehende Literatur der Aufarbeitung brisanter Themen aus der türkischen Vergangenheit, die lange tabu waren, so sehr sie auch die Gegenwart tangieren. Und doch ist Ukde mehr als nur ein weiteres Buch zum Gedenkjahr des Genozids an den Armeniern in Anatolien.

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Ipsiroglu, Kadinlarin Gözüyle Yazmak ve Yasamak Noch heute übernehmen die meisten Frauen den männlich dominierten, zumeist frauenfeindlichen Diskurs der Gesellschaft, oder nehmen ihn doch hin. Dass es anders geht, zeigen Autorinnen aus der Türkei, die von Zehra İpşiroğlu, Autorin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin, eingeladen wurden, das traditionelle Tabu für Frauen, Privates öffentlich zu machen, zu brechen und die eigenen Lebensläufe „aus dem Gender-Blickwinkel“ neu zu erzählen. Elf und sie selbst nahmen die Herausforderung an, das Ergebnis liegt als Sammelband Kadınların Gözüyle Yazmak ve Yaşamak (Schreiben und Leben mit den Augen der Frauen) nun vor. Und wir Leserinnen sind aufgefordert, ihrem Postulat, nur im gegenseitigen offenen Austausch lerne frau sich richtig kennen und zu begreifen, wie die Gesellschaft sie formt, nun unsererseits zu folgen.

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Der Mord nach Vergewaltigung an der 20-jährigen Studentin Özgecan Aslan in der vergangenen Woche in der Türkei hat das Thema Gewalt gegen Frauen wieder ganz oben auf die Agenda gebracht. Tausende, vor allem Frauen, gingen zu Protesten auf die Straße, nicht nur in der Türkei. Statistiken belegen, dass der religiös-konservative Geist der amtierenden Regierung Gewalt an Frauen Vorschub leistet und sich die Opferzahlen in den letzten 12 Jahren drastisch erhöht haben.

Sibel Hürtas, Canina Tak Eden Kadinlar (Iletisim 2014)Die türkische Journalistin Sibel Hürtaş hat sich des Themas bereits vor vier Jahren angenommen, ihre Dokumentation Canına Tak Eden Kadınlar. Kocalarını Neden Ödürdüler? (Frauen, denen der Kragen platzt. Warum brachten sie ihre Männer um?) erschien 2014. Hürtaşs Spezialgebiet sind Frauen- und Menschenrechte sowie religiöse Minderheiten, sie war lange als Gerichtsreporterin tätig. Mit einer Politologin und einem Psychologen besuchte sie 2011 eine Reihe türkischer Gefängnisse mit offenem und geschlossenem Vollzug und nahm 30 Fälle von Frauen auf, die wegen Mordes am Ehemann oder Partner verurteilt sind. Dabei lag ihr Fokus stets auf der Lebensgeschichte der Frauen, die die Betroffenen ihr erzählten. Weiterlesen »

WordShortStoryDay Der 14. Februar ist Valentinstag, klar, aber zudem ist dann Welttag der Kurzgeschichte! Das hat sich bisher noch nicht recht herumgesprochen, nur in der Türkei und bei einigen Türkisch-affinen Buchmenschen außerhalb der Türkei wird dieser Tag gefeiert. Nicht von ungefähr, denn in der türkischen Literatur nehmen Erzählungen und Kurzgeschichten eine herausragende Stellung ein.

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Yavuz Ekinci, Rüyasi Bölünenler, Dogan Kitap 2014 Wie ist das, wenn einer sich nach 18 Jahren aufmacht, seinen verlorenen Bruder zu suchen? Ohne Nachricht, ohne Spur. Und doch weiß Ismail, wo er suchen muss: bei der Guerilla in den kurdischen Bergen jenseits der Grenze … Ismail lebt als politischer Flüchtling in Deutschland, zutiefst einsam und unglücklich, nur äußerlich etabliert. Als der Vater, der ihn einst für den Fortgang des Bruders verantwortlich machte und aus dem Haus warf, im Sterben liegt, lässt er alles stehen und liegen und macht sich auf eine ungewisse Suche. In seinem im August 2014 erschienenen dritten Roman Rüyası Bölünenler (Deren Träume gespalten sind) erzählt der türkisch-kurdische Autor Yavuz Ekinci die „Geschichte der Brüder“, die sonst kaum einer aufgreift: das Schicksal der Zurückbleibenden, der verzweifelt auf Nachricht wartenden Angehörigen, die es in jedem Konflikt, jedem Krieg massenweise gibt, die aber im Gegensatz zu den Aktivisten selten im Licht stehen, weil sie nicht zu Heldengeschichten taugen. Weiterlesen »

koridoru-ac-turkiye-208x300 In Istanbul kamen am Freitag, 17.10.14, namhafte LiteratInnen zusammen, um einen Appell der Solidarität mit Kobanê zu starten. Jede/r TeilnehmerIn war aufgerufen, einen Satz für Kobanê beizutragen. Geleitet wurde die Versammlung maßgeblich von Murathan Mungan und Sema Kaygusuz. Zur Eröffnung sagte Mungan, Ziel sei es, auf die drohende Gefahr eines Völkermords aufmerksam zu machen. „Es geht nicht um ein Volk jenseits der Grenze, die Leute dort sind unser Volk. Sie gehören nicht zu uns, weil sie Kurden, Yeziden oder Sunniten sind, sondern weil sie Menschen sind.“

Folgende von 160 SchriftstellerInnen und DichterInnen unterzeichnete Resolution wurde verabschiedet:

„Öffne den Korridor, Türkei …

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Sami Özbil, Cök Kimseyi Sevmiyordu, Iletisim 2014 Er muss per Hand weiterschreiben. Der Computer, um den er jahrelang hatte kämpfen müssen, an dem er an seinem fünften Roman arbeitete, wurde dem türkischen Autor Sami Özbil als Disziplinarstrafe gesperrt. Özbil sitzt seit 16 Jahren in türkischen Gefängnissen, verurteilt zu inzwischen zweimal lebenslänglich, lange Zeiten isoliert in Einzelhaft, immer wieder mit Kommunikationssperren belegt. Vorwurf: Mitgliedschaft in einer Organisation, die den bewaffneten Umsturz des Systems anstrebe.

Wie liest man einen unter solchen Bedingungen geschriebenen Roman? Klingen die Umstände als Subtext mit? Ist die Suche nach Metaphern, Anspielungen, versteckten Hinweisen legitim, gar angesagt – oder tut man einem literarischen Werk damit Unrecht?

Sami Özbils vierter Roman Çöl Kimseyi Sevmiyordu (Die Wüste liebte keinen) erschien im Frühjahr 2014.

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