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Selbstmord live als Exklusivbericht

Rund 180.000 indische Bauern haben sich in den letzten zehn Jahren das Leben genommen. Was ist es, das diese Menschen am unteren Ende der Armutsskala zu einer solch drastischen Tat treibt? Perspektivlosigkeit? Unerträgliches Prekariat? Pure Verzweiflung?

Die Realität ist weit schlimmer als das entsetzlichste Katastrophenszenario. Die Regierung zahlt den Hinterbliebenen suizidaler Bauern eine „Entschädigung“ von umgerechnet rund 2000 USD. Für zahllose Familien, die ihr Land verloren oder verpfänden mussten, etwa um einen Kredit für lebensnotwendige Medikamente eines Angehörigen aufzunehmen, bedeutet eine solche Summe einen Hoffnungsschimmer. Was absurd klingt, kann in bitterer Not zur Option werden.

PeepliLiveTheFilm.com Die TV-Journalistin Anusha Rizvi recherchierte und legte Aamir Khan das Sujet ans Herz, der 2001 mit Lagaan international den Durchbruch schaffte und schon damals sein Faible für die Lage der indischen Landbevölkerung unter Beweis stelle. Mit der Spielfilmdokumentation Live aus Peepli – Irgendwo in Indien schufen Rizvi als Regisseurin und Khan als Produzent einen der wichtigsten Filme unserer Tage. Das Drama der Bauern, exemplarisch dargestellt am Schicksal des landlos gewordenen Bauern Natha (Omkar Das Manikpuri) aus Madhya Pradesh, ist nur die eine Seite dieses eindringlichen Werks. Die verbreitete Politik, gesellschaftlichen Problemen wie Armut, Perspektivlosigkeit und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe mit immer neu aufgelegten „Programmen“ zu begegnen, entlarvt der Film als Augenwischerei.

Es geht darum, „wer wir als Gesellschaft sind“, äußert Khan über den Film und begeht nicht den Fehler, nur theatralisch den Finger in die Wunde zu legen. Die beiden Filmemacher weisen eindeutig Verantwortung zu: an Politik und Medien. Hier die Politiker jeder Position und Couleur als Vertreter eines durch und durch maroden Systems; nur von Korruption und Selbstsucht zu sprechen, wäre angesichts der aufgezeigten Dimensionen geradezu lächerlich. (Wie eigentlich, fragt man sich, gelingt es dieser nominellen Riesendemokratie angesichts solcher Verhältnisse überhaupt, auf den Beinen zu bleiben?) Dort die Medien. Journalisten, ohne jede Spur von Gewissen, denen Menschen und Menschenleben weniger als Nichts bedeutet, die Story, so exklusiv, so reißerisch wie nur möglich, dagegen alles. Wo keine Story ist, wird eine produziert, um jeden Preis. Ein Problem, das sich beileibe nicht auf Schwellen- oder Entwicklungsländer beschränkt.

Rizvi und Khan gelingt es, mit der bunten indischen Farbigkeit und Musikalität (die Musik von Mathias Duplessy und Indian Ocean sorgen mit dafür, dass der Film tiefe Spuren hinterlässt), mit erstaunlichem Sinn für Humor noch angesichts des größten Elends und mit den bewährten Mitteln des Hindifilms, ohne jedoch in die überbordende Emotionalität und rauschhafte Dramaturgie des Bollywoodkinos abzugleiten, eine Intensität herzustellen, die das Publikum vom ersten Augenblick an packt und zutiefst berührt. Erbarmungslos stellt der Film die Parallelwelten – nicht nur – der indischen Gesellschaft einander gegenüber und beweist, in welch absurdem Maß sie zugleich voneinander abhängen.

Dass die einzige Person, die beide Welten kennt und dennoch die Stimme des Gewissens vernimmt, ausgerechnet der Lokalredakteur Rakesh (Nawazuddin Siddiqui), der, vom TV-Ruhm träumend, die Lawine erst ins Rollen bringt, am Ende sterben muss, ist ebenso zynisch wie kein Zufall.

Auch wenn Live aus Peepli Indiens Oscar-Kandidat 2010 ist, stellt sich nicht in erster Linie die Frage nach großem Kino. Ebenso wenig geht es „nur“ um einen aufrüttelnden Film über unhaltbare Zustände irgendwo in der Provinz eines fernen Landes, der einmal mehr „die Anderen“ an den Pranger stellt. Es geht um die Tragödie der Menschen, nicht für ein gleichberechtigtes, gerechtes Miteinander sorgen zu können, sorgen zu wollen, noch immer nicht sichergestellt zu haben, dass jeder auf dieser Welt sein Auskommen finden kann. Khan hätte auch formulieren können: „Es geht darum, in was für einer Welt wir leben wollen.“

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