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Posts Tagged ‘übersetzen’

Knott-Witte, Mit anderen Worten Gut 13% der Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt sind Übersetzungen. Ein Sammelband bietet nun Gelegenheit, sich einmal mit dem literarischen Übersetzen selbst zu beschäftigen: Mit anderen Worten. Zur Poetik der Übersetzung (Matthes&Seitz 2014). Als „übersetzerische und übersetzungstheoretische Selbstauskünfte“ bilden die sieben Antrittsvorlesungen der Schlegel-Gastprofessur** aus den Jahren 2007-2013 (nebst Einführung und einem Seminarbericht) ein Kompendium literarischen Übersetzens, das FachkollegInnen ebenso wie interessierten Laien Einblicke in die Praxis des Übersetzens gibt. Lebendig dargestellt werfen die Beiträge zudem ungewohnte, weil übersetzungsspezifische Perspektiven auf Texte der Weltliteratur, meist unterfüttert mit historischem und kulturellem, speziell sprachlich-literarischem Hintergrund.

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Babelfish, Adams’ Original wie auch der Yahoo-Übersetzungsdienst, rahmte die Diskussion zum Thema literarisches Übersetzen ein, zu der Christoph Bungartz vom NDR am 26.05.2010 ins Hamburger KörberForum unter dem Titel „Sprachkünstler“ die ÜbersetzerInnen Ursula Gräfe und Hinrich Schmidt-Henkel sowie den renommierten Literaturkritiker Denis Scheck geladen hatte. Tage vorher war die Veranstaltung bereits ausgebucht. Fachpublikum mischte sich mit interessierten Laien, wie stets im KörberForum.

Körberforum, Sprachkünstler-Plakat Immerhin werden Übersetzer mittlerweile auf dem Innenumschlag genannt, nur bei Hörbüchern fallen sie, ohne die der Text gar nicht in deutscher Sprache vorläge, meist unter den Tisch. Eine Übersetzungskritik will Schmidt-Henkel nicht fordern, aber doch, dass zumindest das Übersetzt-Sein eines besprochenen Buches nicht unerwähnt bleibe. Scheck, der vor Jahren selbst als Übersetzer anfing und bekannt dafür ist, stets auch Übersetzer prominent mit einzubeziehen und dies auch von seinen Redakteuren zu verlangen, postuliert, ein Kritiker, der keine Übersetzungskritik leisten könne, sei doch überhaupt unfähig, sprachliche Fähigkeiten zu beurteilen. Der alte Reich-Ranicki-Spruch „Übersetzerfragen sorgen nur für Streit“ bietet Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen. Gräfe, die aus dem Englischen und Japanischen übersetzt, und Schmidt-Henkel, der es gleich mit Französisch, Norwegisch und Italienisch aufnimmt, berichten über ihre Anfänge: Bei Gräfe eher zufällig noch während des Studiums und Schmidt-Henkel, der, wie Gräfe auch, schon an der Uni Übersetzungskurse besuchte, formulierte, es käme wohl zum Übersetzen, wenn in früher Jugend die Faszination am Sprachenlernen mit der am Lesen zusammenfalle, mit 27 habe er dann realisiert, dass Übersetzen ein Beruf sei. Übersetzerstammtische und –verbände bilden wichtige Gegengewichte zu der meist recht einsamen Arbeit am Schreibtisch. Zugleich gehe nichts über den wiederholten Aufenthalt im Land der übersetzten Sprache/n, Gräfe sieht durch häufige ausgedehnte Reisen, die ihr als Freiberuflerin möglich und nötig seien, gar den Ruf des Arbeitens im „stillen Kämmerlein“ Lügen gestraft. Auch sei das Internet zwar eine Hilfe, aber längst nicht ausreichend bei all dem Sprachmaterial, das sich nicht im Wörterbuch finde. „Lexikographisch nicht erfasste Valenzen“ löse man nur durch Zeitungslektüre oder Aufenthalte im Land, formuliert Experte Scheck, der sich erinnert, in der Jugend auf der Suche nach Markennamen fürs Übersetzen durch amerikanische Supermärkte „gerobbt“ zu sein.

Was nun macht eine „gute Übersetzung“ aus? Dasselbe wie einen guten Originaltext auch. Wenn man einem Text die Übersetzung nicht anmerke, stilistisch in erster Linie. Schmidt-Henkel plädiert für die „eigene Stimme des Übersetzers“, die erkennbar bleiben müsse, auch wenn er sie immer anderen Autoren leihe. „Wenn die Sprache eines Buchs gelungen ist, dann hat der Übersetzer seine Arbeit gut gemacht. Nicht, wenn er unsichtbar ist“, bringt es die in der Einführung des Abends zitierte Isabell Bogdan in einer ihrer wunderbaren Kolumnen auf den Punkt. Gräfe tritt mit Nachdruck dafür ein, gegebenenfalls neue Wörter ins Deutsche einzuführen. Sie bevorzuge zwar die Arbeit mit Glossaren, mancher Verlag sehe das aber nicht gern. Scheck erinnert daran, dass unsere deutsche Sprache selbst auf eine große Übersetzungsleistung – Luthers Bibelübersetzung – zurückgehe, allerdings seien nicht alle Kulturen schon immer vom Segen des Übersetzens überzeugt gewesen: Im klassischen Griechenland etwa sei gar nicht übersetzt worden. Die Übersetzung, längst als eigenständiges Werk nach Urheberrecht anerkannt, sei, so Schmidt-Henkel, zugleich „letzte Gelegenheit, das Original zu verbessern“, was mancher Verlag implizit auch fordere.

v.l. Denis Scheck, Ursula Gräfe, Hinrich Schmidt-Henkel, Christoph Bungarts (Foto: Jann Wilken)

"Sprachkünstler" (Foto: Jann Wilken)

Während Gräfe die zu übersetzenden Charaktere mit Bekannten vergleiche und ihnen dann deren Duktus gebe, sprach Schmidt-Henkel aus, was wohl alle Schreibenden kennen: Manchmal muss man aufstehen, herumlaufen, damit aus der Bewegung heraus das Wort, der Satz, die Formulierung komme. Mehrfach wird die Russisch-Übersetzerin Swetlana Geier zitiert an diesem Abend. „Nase hoch“ lautet ihr Motto, man übersetze nicht Wörter, sondern Texte und: Die Übersetzerin dürfe sich nicht gleich einer Raupe durch den Text fressen, sondern sollte wie ein Vogel leicht darüber fliegen.

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des VdÜ prangert Schmidt-Henkel die schlechten finanziellen Bedingungen von hauptberuflichen LiteraturübersetzerInnen an: Nach Normseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) bezahlt, muss ein Übersetzer mindestens 100 Seiten im Monat schaffen, um einen Umsatz von rund € 2000 zu machen – wobei hier schon ein Spitzensatz von € 20,00 pro Normseite veranschlagt sei. Das Nettoeinkommen beläuft sich dann etwa auf die Hälfte, wie bei anderen Freiberuflern auch. Realistisch aber seien bei anspruchsvoller Literatur oft nicht mehr als 60 Seiten im Monat, bei gut 8 Stunden Übersetzungsarbeit täglich, wobei Zeit für Recherche, Verwaltung usw. noch unberücksichtigt sei. Scheck sieht sich bemüßigt, Partei für die Verlage zu ergreifen: Es sei keinesfalls so, dass diese auf dem Geld säßen und es den Übersetzern vorenthielten. Schmidt-Henkel bestätigt das unter Vorbehalt. Hätten Verlage früher durchweg 40% vom Ladenpreis eines Buches einstreichen können, seien es heute selten mehr als 30. Schon 1€ mehr pro Buch mache da für alle etwas aus. Doch während er für steigende Buchpreise plädiert, sieht Scheck die Lösung in einem dritten Weg: Übersetzer müssten zunehmend sichtbar werden. Übersetzen sei ein spannendes Handwerk, vielleicht kein „Zuschauersport“, aber man könne doch mit dem Thema Säle füllen – so könnten ÜbersetzerInnen sich ihr Auskommen verdienen „wie ein guter deutschsprachiger Schriftsteller auch“ (denn entgegen landläufiger Meinung „leben“ die wenigsten Autoren von ihren Buchtantiemen, sondern verdienen an Lesungen und Preisen). Auch wenn es eine gerichtliche Empfehlung an Verlage gibt, ab dem 5001. verkauften Exemplar Übersetzer mit 0,4% am Ladenpreis zu beteiligen, wie Moderator Bungartz einwirft, ist eine solche Regelung bisher nicht verbindlich durchgesetzt. Scheck ergänzt, dass in den letzten 20 Jahren Übersetzerhonorare nicht gestiegen sind, was bedeutet, sie sind aufgrund der Inflation real gesunken. Nebenbei Taxi zu fahren, ist für ÜbersetzerInnen aber unrealistisch, da Verlage hoch professionelle Arbeit in vorgegebenen Zeiträumen verlangen, stellt Schmidt-Henkel klar, der durchaus noch Spielraum bei den Verlagen sieht, da diese ja auch die in den vergangenen Jahren gestiegenen Papierpreise ohne großen Aufschrei bezahlten.

In der Fragerunde am Schluss rückt Schmidt-Henkel noch das Vorurteil zurecht, Originale alterten nicht: Sie scheinen nur deshalb nicht zu altern, weil sie immer wieder neu übersetzt würden. Beide ÜbersetzerInnen verneinen, sich stark nach dem Klang und Rhythmus der Ausgangssprache richten zu können. Gräfe meint, es komme auf die Visualisierung der Szenik an und man müsse sich den Stil des Autors vergegenwärtigen. Schmidt-Henkel bringt zu guter Letzt noch die griffige Devise, für einen guten Übersetzer gelte es, „zu schreiben wie der Autor mit den Mitteln der eigenen Sprache“.

Statt einer Pause gab es in der Mitte Kostproben aus Werken der beiden ÜbersetzerInnen. Schmidt-Henkel stellte einen norwegischen Autor vor und Gräfe hatte das noch unredigierte Manuskript des im Herbst erscheinenden neuen Haruki Murakami mitgebracht. Ein kurzes Anlesen in der jeweiligen Originalsprache verlieh dem informativen Abend einen Hauch von Exotik, wie er für „Sprachkünstler“ Alltag ist.

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Was macht die Übersetzerin, trifft sie auf Zitate aus einer Fremdsprache im Text? Blind durchübersetzen? Das Original heraussuchen und einsetzen? Überprüfen, ob es eine deutsche Übersetzung gibt und ggfs. diese einsetzen? Ja, und zwar mit Angabe der Quelle. So ist es im deutschsprachigen Raum Usus und sinnvoll, wäre manches Zitat in einer dritten oder gar vierten Rückübersetzung doch kaum noch zu erkennen.
Der türkische Dichter İsmet Özel, der sich einst vom strammen Marxisten zum islamistischen Vordenker wandelte, zeigt sich in seiner Essaysammlung Üç Mesele (Drei Angelegenheiten) von 1978 bewandert in der internationalen Literatur auch der Philosophie und Soziologie und zitierte u.a. Sartre. Seine Wahl fiel auf Sartes Naturbegriff aus dem Plaidoyer pour les intellectuels. Selbstverständlich um den Westen vorzuführen.
Dieser Autor tut der Übersetzerin den Gefallen, die Quelle zu nennen, gar mit Seitenangabe des französischen Originals, wenn auch ohne Angabe der Ausgabe. Aber immerhin. Denn viele, wohl die meisten Autoren haben die Angewohnheit, es beim Namedropping zu belassen, nennen also lediglich den Namen des Zitat-Urhebers. Aus welchem Werk aber das besagte Bon- oder auch Malmot stammt, bleibt Geheimnis des Zitierenden. Hat die Übersetzerin Glück, kann sie durch Nachfrage beim Autor bestenfalls die Quelle in Erfahrung bringen (wobei die so Befragten oft erstaunt über eine solche Nachfrage sind, man könne doch einfach neu übersetzen, meinen sie bzw. tun es bei eigener Tätigkeit auch selbst). Immer noch besseren Falls lässt sich die Quellregion einkreisen. Schlimmstenfalls erfährt sie, der Autor habe dieses Zitat jemandem zugeschrieben, weil er meinte, irgendwo, irgendwann einmal so etwas gelesen oder gehört zu haben … Aber ob es nun ein Ausspruch dieses oder jenen war und ob das Zitat nun wörtlich tatsächlich so lautet, wie er es später verwendet hat … da sei er nun wirklich überfragt …
Bei einem kurzen Zitat ist auch das kein Problem, dann wird aus dem wörtlichen Zitat eben ein indirektes im Konjunktion, und die Übersetzerin ist aus dem Schneider. Bei längeren wörtlichen Zitaten geht das kaum, schon gar nicht bei einem so bekannten Urheber wie Sartre.
Seit Etablierung des Internets haben wir Übersetzer den unschätzbaren Vorteil, Bibliotheken und Antiquariate nicht mehr in Hut und Mantel und aller Eile durchstreifen zu müssen, sondern virtuell vom heimischen Schreibtisch, i.e. Desktop, aus uns rasch einen Überblick zu verschaffen: Ist das Buch übersetzt? Steht es in der örtlichen Bibliothek? Wo sonst ist es möglicherweise zu finden?
Diesmal war es, aufgespürt über das ZVAB, der Bücher-Bär in Mühlheim, der den fraglichen Sartre-Band auf Lager hatte. Ein Segen, wie sich rasch herausstellte, kaum dass die Stelle aufgefunden war. Türkische und deutsche Übersetzung des französischen Originals weichen syntaktisch und semantisch nicht unerheblich voneinander ab. „Der Schöpfer“ hier, „Demiurg“ dort, um nur ein winziges Beispiel zu nennen.
Nicht für jedes Zitat kann ein Buch erworben werden, bei diesem Sartre schien es aber doch lohnend. So wird er auch nicht im Recycling-Verfahren umgehend im Wiederverkauf landen, sondern sich zu den Genossen im Regal gesellen als ein weiterer Kandidat auf der Lesen!-Liste …
Wozu diese Mühe mit Özel und Sartre? Für einen Band mit kulturhistorischen Essays aus der neueren Geschichte der Türkei, der als einer der letzten in der Reihe Türkische Bibliothek im Unionsverlag erscheinen wird.

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