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Archive for the ‘türkische Literatur’ Category

Häusliche Gewalt gegen Frauen – Leylas Geschichte

Zum 1.7.21 vollzog die Türkei aller Proteste zum Trotz den Ausstieg aus der Istanbul Konvention, dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Quasi „den Roman zum Abkommen“ schrieb die feministisch engagierte Autorin Seray Şahiner 2014: Antabus. Ein Aufschrei gegen die unsägliche Kumpanei in einer männerdominierten Gesellschaft, die allzu vielen Frauen das Leben zur Hölle macht. Mit der Aufkündigung der Konvention hat die türkische Regierung Verhältnisse zementiert wie die „fiktiv-reale“ Geschichte Leylas, die ihren Leidensweg nur durch Suizid beenden zu können glaubte …

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Heute erscheint Ahmet Ümits großes Berlin-Bergama-Krimi-Epos in der Türkei

Ümit, Kayıp Tanrılar ÜlkesiEin Toter, der sein noch blutendes Herz dem Göttervater Zeus darreicht, vor dem donnernden Video-Clip Altar of Zeus in Endlosschleife. Hat der Mann sein Herz dem Gott geopfert, fragen sich da unwillkürlich die Berliner Hauptkommissarin Yıldız Karasu und ihr Assistent Tobias … Der türkische Meisterkriminalist Ahmet Ümit führt seine Kommissar:innen im neuen Krimi Kayıp Tanrılar Ülkesi (Land der verlorenen Götter) in gewohnter Manier mitten ins blutige Geschehen hinein, diesmal im quirligen Multi-Kulti-Berlin von heute. Yıldız, Kommissarin mit Migrationshintergrund, Identifikationsfigur und Sympathieträgerin, ermittelt in dieser grandiosen Berlin-Pergamon-Saga zwischen griechischen Göttern, jungen Türken, die sich mit deutschen Rassisten schlagen, Polizisten, die gegen Neonazis kämpfen, Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe und dem Versuch einer Art Chronik rassistischer Anschläge in Deutschland …

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Menekşe Toprak, Arı Fısıltıları
Hatte ich das Dorf nicht vor vielen Jahren hinter mir gelassen? Warum haben sie mich jetzt hierher zurückgebracht?“, fragt sich die soeben begrabene alte Frau auf dem Friedhof in einem Dorf in Anatolien. Dort finden in nur zwei Tagen gleich drei Beerdigungen statt. Die drei sehr unterschiedlich aus dem Leben geschiedenen Toten kommen mit ihren Geschichten und Hinterbliebenen und treffen im Dorf auf wenige dort verbliebene Alten, und auf einen stadtflüchtigen Aussteiger. Mit Arı Fısıltıları (Das Wispern der Bienen) hat die deutsch-türkische Autorin Menekşe Toprak einen nachdenklich stimmenden Roman zwischen Stadt und Land, zwischen Politik und Sinnsuche, vor allem aber zwischen Leben und Tod vorgelegt.
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„Mir ging es vor allem darum, im Buchhandel eine eigene Sektion für türkische Literatur zu schaffen, damit sie nicht einfach als arabische Literatur vermarktet wird“, sagt die türkische Literaturagentin Nermin Mollaoğlu zu ihrer Motivation. Inwieweit ihr das mit ihrem Team bei Kalem Agency, 2005 in Istanbul gegründet, gelungen ist, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hat und wie wichtig der Dialog mit Übersetzer:innen ist, erzählt die Trägerin des Literary-Agent-Award der Londoner Buchmesse in Interviews.
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Ögünc, Beterotu, İletişim 2019

„Mich interessieren die Schäden, die das System in unserer Seele anrichtet“, sagt die engagierte türkische Journalistin und Autorin Pınar Öğünç. Im ersten Lockdown 2020 ließ sie Menschen vor allem aus dem „prekären Milieu“* in einer Interview-Serie im Own-Story-Format eindringlich zu Wort kommen. Lebensbilder vom System gebeutelter „kleiner Leute“, „denen schon als Kind klar war, dass das Leben ihnen keine Chancen zu bieten hat“, zeichnet sie auch in ihrem zweiten Erzählband Beterotu (Schlimmerkraut, 2019). Ihre Held:innen bemühen sich, aus der Monotonie des Alltags auszubrechen und einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Manchen gelingt das mit wunderbarer Phantasie, andere strampeln sich vergeblich ab, einige verrennen sich fürchterlich …
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mevsim-yazBatman/Südosttürkei, Ende 2006, der jungen Lehrerin Zehra fallen zwei Lebensberichte in die Hände: das Tagebuch eines seit einer Woche verschwundenen, vermutlich entführten Freundes und anonyme Briefe einer Frau, die von ihrer entsetzlichen Kindheit Anfang der 1990er erzählt. Beide offenbaren vielfach verdrängte Erinnerungen an die Hizbullah-Morde und die Welle der Suizide von Frauen und Mädchen in der Region. Mit ihrem Debütroman Mevsim Yas [Jahreszeit Trauer] taucht die kurdische Autorin Mehtap Ceyran mitten in kollektive Traumata ein und erzählt, „weil man nicht vergessen kann“* …

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Umur Talu, Senin Adın Corona OlsunEin brandaktuelles Corona-Buch aus der Türkei, mit einer Einbettung in „das Epidemie-Abenteuer der Menschheit“ (so der Untertitel) von einem Journalisten&Kolumnisten, dachte ich, interessant, das muss ich lesen und besprechen, solange die Pandemie noch omnipräsent ist. Er habe „zusammengebracht, was so noch nicht zusammengedacht“ worden sei, postuliert denn auch Umur Talu im Vorwort zu Senin Adın Corona Olsun… (Corona soll dein Name sein). Er wolle zeigen, dass alles mit allem zusammenhänge, horizontal (weltweit) wie auch vertikal durch die Geschichte. Spannend! Ab dem ersten Kapitel überrascht mich das Buch, das alles andere als ein Corona-Buch ist, vielmehr eine Art Wunderkammer der Assoziationen eines, sagen wir, sprunghaften, hervorragend informierten und meisterhaft recherchierenden Geistes …

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Wer kein Gesicht hat, existiert nicht. (Oliver Bottini)

Seray Şahiner, Kul (Can Yayınları)Mercan reinigt Treppenhäuser, sie ist eine der „stillen Held:innen des Alltags“, eine der prekär beschäftigten Dienstleister:innen, auf die wir alle angewiesen sind, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Genau das ist es, was Mercan am meisten schmerzt: unsichtbar, austauschbar zu sein. Seray Şahiner holt sie in ihrem zweiten Roman Kul* (2017) aus dem toten Winkel unserer Wahrnehmung heraus. Die Autorin erzählt nicht von und über Mercan, vielmehr atmet sie ihr Lebensgefühl und lässt uns daran teilhaben. Mercan steht stellvertretend für so viele andere Frauen, die von Kindheit an darauf konditioniert sind, für andere zu sorgen, die das Gefühl brauchen, gebraucht zu werden. „Das uns Frauen vermittelte Rollenbild ist die Frau, die auf den Mann wartet“, merkt die Autorin im Interview an. Sei der Mann da, fange das Leben an; Mercans Leben aber beginnt, als ihr Mann gegangen ist …

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Defne Suman, Kahvaltı SofrasıDie Aufarbeitung der Geschichte schlägt sich früher oder später immer auch in der Literatur nieder. So wurde in der Türkei etwa über den Genozid an den Armenier*innen oder die Massaker an Kurd*innen bereits mehrfach geschrieben. Kaum beachtet dagegen blieb bisher die Vertreibung genozidalen Ausmaßes der Pontos-Griechen vom Schwarzen Meer. Tamer Çilingir legte 2016 dazu seine grundlegende Studie Pontos Gerçeği: 1914-21 Yılları Arasında Karadeniz’de Yaşananlar (Die Pontos-Wahrheit: Was 1914-21 am Schwarzen Meer geschah) vor. In den USA war bereits im Jahr 2000 Thea Halos viel beachtetes Werk Not even my name über das Schicksal ihrer als 10-Jährige deportierten pontosgriechischen Mutter erschienen. Jüngst machte sich der Journalist Mirko Heinemann auf Spurensuche in der alten Heimat seiner Großmutter an der türkischen Schwarzmeerküste. Seine spannende, breit angelegte und historisch unterfütterte Reportage Die letzten Byzantiner erschien 2019. Den – meines Wissens – ersten Roman zum Thema legte Defne Suman 2018 vor: Kahvaltı Sofrası (Am Frühstückstisch) …

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Türkische AutorinnenWird nach Autorinnen aus der Türkei in deutscher Übersetzung gefragt, fällt fast immer und oft einzig der Name Elif Shafak. Selbstverständlich gibt es sehr viel mehr, höchste Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme. Sie soll auch ein Beitrag zur Debatte über die Unterrepräsentanz von Autorinnen im Literaturbetrieb sein, die derzeit unter #frauenlesen #frauenzählen #vorschauenzählen in den sozialen Medien geführt wird. Ergebnisse der Zählung stellten die Literaturwissenschaftlerinnen Nicole Seifert und Berit Glanz jüngst im Spiegel vor. Dort forderten sie abschließend von Verlagen u.a.: „Übersetzt zeitgenössische wie klassische Autorinnen aus den ‚kleinen Sprachen’ …“ Als Literaturübersetzerin aus dem – in Westeuropa als ‚kleine Sprache’ wahrgenommenen – Türkischen kann ich mich da nur anschließen. Wie steht es also um Übersetzungen von Autorinnen aus der Türkei? (mehr …)

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Ahmet Ümit, Kırlangıç Çığlığı (Everest 2018)Istanbul im Juni 2017, brütende Hitze, ein Anruf: „Wieder ein Mord, Hauptkommissar!“ Damit sind wir mittendrin in Kırlangıç Çığlığı – „Schwalbenschrei“ – dem neuen Buch des türkischen Krimimeisters Ahmet Ümit. Das Opfer liegt oder besser: hockt in der Sandkiste am Fuß einer Rutsche auf einem Spielplatz in Kasımpaşa, eine rote Samtbinde über den Augen, die rechte Ohrhälfte abgeschnitten. Der Mann starb durch einen Nackenschuss und unter seinem Fuß findet Hauptkommissar Nevzat eine Barbiepuppe im rosa Kleidchen. Erschrocken zieht er Parallelen zur Puppe seiner Tochter Aysun …

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Demirtas-Seher-CoverAuf der Istanbuler Buchmesse Tüyap signieren am 4. und 12. November 28 namhafte AutorInnen ein und dasselbe Buch. Bereits kurz nach seinem Erscheinen im September fand eine Lesung von sieben SchriftstellerInnen aus dem Band statt. Der Autor selbst kann weder signieren noch daraus lesen: Er sitzt als politischer Gefangener hinter Gittern, am 4. November genau ein Jahr. Es muss schon ein besonderer Autor sein, wenn KollegInnen sich derart für ein Debüt einsetzen: Selahattin Demirtaş, Menschenrechtsanwalt und seit 12 Jahren Politiker, ist Ko-Vorsitzender und charismatischer Hoffnungsträger der kurdischen HDP, die er 2015 zum Ärger der AKP-Regierung mit großem Erfolg ins Parlament führte, und berühmt für seine so scharfen wie humorvollen Repliken auf den Staatspräsidenten. Im Gefängnis begann er zu schreiben. Die erste Erzählung druckte Ende 2016 die Zeitung Cumhuriyet, jetzt erschien der Sammelband Seher mit zwölf kurzen Prosatexten.

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Aslı Erdoğan, Foto: Gürcan Öztürk Am 19.08.2016 wurde Aslı Erdoğan von der Staatsanwaltschaft Çağlayan/Istanbul vernommen und anschließend dem Haftrichter vorgeführt, dieser erließ Haftbefehl, die Autorin wurde ins Gefängnis von Bakırköy/Istanbul überstellt. Vorgeworfen werden ihr “Propaganda für eine illegale Organisation”, “Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation” und “Volksverhetzung” – alles aufgrund ihrer Kolumnen für die inzwischen verbotene kurdische Zeitung Özgür Gündem. Im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und als engagierte Schriftstellerin erfährt sie von vielen Seiten Solidarität. Unmittelbar nach ihrer Festnahme am 17. August war auf change.org bereits eine Petition mit der Forderung auf sofortige Freilassung für Aslı Erdoğan gestartet worden. Hier ist der deutsche Wortlaut der immer noch aktuellen Petition:

www.change.org/p/aslı-erdoğan-derhal-serbest-bırakılsın (mehr …)

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Asli Erdogan, Foto: Gürcan Öztürk Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan wurde in der Nacht zum 17.08.2016 in Istanbul festgenommen, vorgeworfen wird ihr offenbar ihre Mitarbeit an der pro-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem, die jüngst verboten wurde. Jetzt haben SchriftstellerkollegInnen in der Türkei eine Unterschriftenkampagne gestartet:

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan (mehr …)

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„In Beyoğlu/Istanbul vom Ehemann zu Tode geprügelt“, „13-Jährige von Vater, Onkel und Bruder missbraucht“, „Vom eigenen Großvater vergewaltigt“, „Schülerin beging Selbstmord nach Vergewaltigung durch Lehrer“ – nahezu täglich kommen aus der Türkei Meldungen über Gewalt gegen Frauen, Morde an Frauen und sogenannte Frauen- und Mädchenselbstmorde. Der Prozess gegen den Lehrer, der angeklagt ist, seine 17-jährige Schülerin Cansel vergewaltigt zu haben, die sich anschließend das Leben nahm, beginnt heute.

Burce Bahadir, Ölü Kadinlar Memleketi Auch der Fernsehjournalistin Burçe Bahadır ging das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen über die Hutschnur und sie machte sich an eine Doku mit Betroffenen. Das Thema durchzusetzen, erwies sich als extrem schwierig. Viele hätten aufgegeben, doch Bahadır ist hartnäckig, es gelingt es ihr schließlich, Interviews zu führen. Sie will vor allem eines: verstehen! Zuhören, die Wahrheit erfahren, wissen, was Männer dazu treibt, (ihre) Frauen zu misshandeln, missbrauchen, umzubringen, was Frauen erleiden, bis sie ihrerseits den sie quälenden Partner töten, warum man sich nicht einfach trennt… Aus dem Material für die TV-Doku entstand das beeindruckende Reportagenbuch Ölü Kadınlar Memleketi / Land der toten Frauen: das Portrait einer Gesellschaft, in der Männergewalt allzu oft als normal oder gar gerechtfertigt gilt.

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