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Posts Tagged ‘Türkische Bibliothek’

Aslı Erdoğan, Foto: Gürcan Öztürk Am 19.08.2016 wurde Aslı Erdoğan von der Staatsanwaltschaft Çağlayan/Istanbul vernommen und anschließend dem Haftrichter vorgeführt, dieser erließ Haftbefehl, die Autorin wurde ins Gefängnis von Bakırköy/Istanbul überstellt. Vorgeworfen werden ihr “Propaganda für eine illegale Organisation”, “Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation” und “Volksverhetzung” – alles aufgrund ihrer Kolumnen für die inzwischen verbotene kurdische Zeitung Özgür Gündem. Im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und als engagierte Schriftstellerin erfährt sie von vielen Seiten Solidarität. Unmittelbar nach ihrer Festnahme am 17. August war auf change.org bereits eine Petition mit der Forderung auf sofortige Freilassung für Aslı Erdoğan gestartet worden. Hier ist der deutsche Wortlaut der immer noch aktuellen Petition:

www.change.org/p/aslı-erdoğan-derhal-serbest-bırakılsın (mehr …)

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Asli Erdogan, Foto: Gürcan Öztürk Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan wurde in der Nacht zum 17.08.2016 in Istanbul festgenommen, vorgeworfen wird ihr offenbar ihre Mitarbeit an der pro-kurdischen Tageszeitung Özgür Gündem, die jüngst verboten wurde. Jetzt haben SchriftstellerkollegInnen in der Türkei eine Unterschriftenkampagne gestartet:

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan (mehr …)

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„Wie alles anfing“ lautete das Motto eines Panels auf der Frankfurter Buchmesse 2008 im Bereich des Ehrengasts Türkei. „Welcher Anfang ist denn damit gemeint?“, Hasan Ali Toptaş, der renommierte, mehrfach preisgekrönte türkische Autor, der hier den Schlusspunkt setzte unter die zweite Lesereise mit seinem Übersetzer Gerhard Meier und dem Roman Gölgesizler/Die Schattenlosen, wirkte im Vorfeld fast verstört ob dieser harmlosen Frage, improvisierte aus dem Stegreif mögliche Statements, nur um anschließend auf dem Podium versiert ganz anderes zu erzählen: Die Geschichte vom Spiegel … Im Yörükendorf fühlte sich der kleine Hasan jahrelang als Außenseiter, nicht zuletzt, weil an einer Stelle am Hinterkopf nach einer Verletzung keine Haare mehr wuchsen. Mit einem Taschenspiegel begutachtete er verstohlen den Fleck. Ihm war, wenn er durch die Gassen lief, als reflektiere die kahle Stelle das Licht und werfe Reflexe auf die Mauern ringsum. Erst als ihm das Büchlein Der sprechende Maulesel, der gleichfalls Hasan heißt, in die Hände fällt, findet er seinen Weg, der fortan Literatur heißt. Aus dem Alltag des Schülers, später des Gerichtsvollziehers, eines Berufes, den er hasste, und Steuerbeamten flieht er fortan „in die Welt der Wörter“ – zunächst als Leser, bald schon als Autor, der lange schrieb, ohne Anerkennung zu finden. Zu Beginn war er gezwungen, den Druck seiner Bücher selbst zu finanzieren, aber: „Selbst wenn sie nie gedruckt worden wären, ich hätte sie trotzdem geschrieben.“ (Interview 2006). Mit dem bedeutenden Yunus-Nadi-Roman-Preis für Gölgesizler 1994 änderte sich Toptaş’ Situation schlagartig, auch wenn er weiterhin vom Schreiben allein nicht leben kann.

Auch in Die Schattenlosen spielen Spiegel eine Schlüsselrolle. Sind es aber tatsächlich die Spiegel, die im Friseursalon in der Stadt und im Dorf ihre Betrachter verführen, gleichsam hineinzuschlüpfen, Zeiten, Orte und Welten zu wechseln? Nicht das Verschwinden diverser Protagonisten – der Friseure, eines Lehrlings, des Bürgermeisters, eines Mädchens – macht den Reiz dieses außergewöhnlichen Buches aus, das surrealistische Züge trägt, wie Buñuel sie nicht besser hätte inszenieren können. Sie alle tauchen in der ein oder anderen Form wieder auf, die Gründe für ihr Verschwinden bleiben nicht verborgen. Der Autor und Ich-Erzähler, seinerseits auf die Rasur wartender Kunde im städtischen Friseursalon, ziert sich, über seinen neuen Roman zu sprechen, geriet jedoch im Nu mitten hinein ins Geschehen, bis offenkundig wird, in welcher Weise er der eigentliche Fährtenleger und Strippenzieher ist, inwieweit es sich bei dem immer erstaunlichere Dimensionen annehmenden Geschehen um seine Kopfgeburten handelt.

Dorf und Stadt sind kein Gegensatz, einsam sind die Menschen auch im Dorf, wo jeder jeden kennt. Im Friseursalon vergehen Stunden, gleichzeitig im Dorf aber Jahre. Präsenz und Absenz sind vielschichtig. Friseur Nuri gibt als Grund für sein Verschwinden an, ihm habe sich „die Seele zusammengeschnürt“, woraufhin er „jenseits der Jahre Zuflucht“ suchte. Als für das spätere Verschwinden der schönen Güvercin Cennets Sohn verantwortlich gemacht wird, nach einem brutalen Verhör den Verstand verliert und nur noch: „Warum fällt der Schnee?“ stammeln kann, sieht der Bürgermeister darin eine besonders perfide Art des Verschwindens: „Er hatte sich gewissermaßen in die Tiefen seiner Sichtbarkeit zurückgezogen“, war „in seiner eigenen Existenz verschwunden.“ Die Gedankengänge des Dorfwächters sind reale Spaziergänge durchs Dorf und der bärtige Kunde im Friseurstuhl fragt, als er aus überlangem Nickerchen erwacht: „Könnte unser Gespräch ein Traum sein?“ Als Gewissen und Gedächtnis des Dorfes wie auch Stimme des Volkes dösen weißbärtige Alte an Hauswänden. Als der Bürgermeister das Dorf durchsucht, vervielfältigt er sich buchstäblich. Ein Portrait Atatürks sieht zu, „ohne ein Wort zu sagen“. Nur dem Wächter wird „von soviel Gleichzeitigkeit ganz schwummerig.“ Der Ich-Erzähler, dessen Schatten sich „wie ein toter Bär hinter ihm her“ schleppt, mutmaßt: „Womöglich war ich mir schon vorausgeeilt.“

Sein und Nichtsein“ (i.e. Sartres „Das Sein und das Nichts“) sind die Themen des bekennenden Existenzialisten Toptaş. Die Protagonisten, selbst der zu Beginn tumb und brutal wirkende Dorfwächter, machen im Laufe des Geschehens erstaunliche Wandlungen durch – wer hätte einem Friseur den Bärentöter zugetraut? -, nehmen ihr absurdes Schicksal aber an. Die Klischees des traditionellen türkischen Dorfromans, Ausgeburt literarischen Sozialrealismus, bricht Toptaş bewusst. Nach den ersten Seiten schminkt die Leserin sich jede Erwartungshaltung ab. Es kommt grundsätzlich anders als vermutet. „Bis zur letzten Zeile Überraschungen“, stellt auch Herausgeberin Erika Glassen in ihrem Nachwort fest.

Am Ende wird klar, Die Schattenlosen, mittlerweile auch verfilmt, ist ein „Buch über das Abenteuer des Romanschreibens“, wie Toptaş enthüllt. Mögliche weitere Lesarten ausdrücklich eingeschlossen. Den Kundera-Satz: „Schriftsteller, die glauben, sie seien klüger als ihre Romane, sollten ihren Beruf wechseln“ unterschreibt Toptaş vorbehaltlos. Das jeweilige Work in process führt er in einer ledernen Umhängetasche stets bei sich, um auch unterwegs den Flow des Schreibens nicht unterbrechen zu müssen. Der Roman selbst ist der Held, und Sprache ist nicht Instrument, wie in der Schule gelehrt werde, sondern „unsere Seele, unser Wesen … unser Denken selbst“.

Für seine ungeheure Sprachmächtigkeit fand der zurückhaltend, ja, schüchtern wirkende Autor vermittelt durch das Projekt der Türkischen Bibliothek sein Pendant in dem Übersetzer Gerhard Meier, dessen leidenschaftliche Übertragung wiederholt die Frage weckt, inwieweit die fantastische Sprachgewalt der Schattenlosen dem Übersetzer zu danken ist. Wie sehr Autor und Übersetzer harmonierten, erwies sich auch auf den Lesereisen, die 2006 und 2008 breiten Zuspruch fanden, obwohl der Name Toptaş im deutschsprachigen Raum bislang unbekannt war. Trotz der mittlerweile elf veröffentlichten Bücher des Autors liegt nach wie vor allein Die Schattenlosen in deutscher Sprache vor. Für diesen einen Band schon hat sich das Projekt der Türkischen Bibliothek gelohnt, und für Autor Toptaş allein lohne es, wie Stefan Weidner in der FAZ enthusiastisch postulierte, Türkisch zu lernen.

Hasan Ali Toptaş: Die Schattenlosen. (Org. Titel: Gölgesizler, 1995). Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Zürich: Unionsverlag (Türkische Bibliothek) 2006.

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Go Turkish Library!

Go Turkey lautet das Dauermotto des Reiselands Türkei, das auf der Internationalen Tourismusmesse ITB in Berlin vom 10.-14. März 2010 Partnerland war. Nicht zuletzt aus diesem Anlass wurde in diesem Jahr die Türkische Bibliothek von Unionsverlag und Robert Bosch Stiftung mit dem ITB-BuchAward (die offizielle Bezeichnung ist tatsächlich ein solcher Denglisch-Zwitter!) in der Sparte Literarisches Reisebuch ausgezeichnet. „Die Auseinandersetzung mit türkischer Literatur ermöglicht deutschen Jugendlichen und Erwachsenen – darunter auch etliche mit türkischem Familienhintergrund – eine vorurteilsfreie und einfühlsame Annäherung an die Kultur und Lebenswelt in der Türkei“, heißt es im Votum der Jury.

Als Preisträgerin war die Türkische Bibliothek mit einem eigenen Stand auf der ITB vertreten. Hier wurden die von der Stiftung Lesen gestaltete Ausstellung und von Verlagsseite die bisher erschienenen 17 Bände der Türkischen Bibliothek präsentiert. Eine Oase der Literatur im lärmenden Betrieb der Reisemesse, die sich „The World’s Leading Travel Trade Show“ nennt, wobei die beiden letzten Worte das eigentliche Motto sind: Business und Show.

Umso erfreulicher, dass sich doch so manche/r am Stand der Türkischen Bibliothek einfand und Interesse an der Literatur bekundete. Einige beließen es bei einem kurzen Blick auf Prospekte und Büchertisch, andere nahmen sich Zeit für die Ausstellung, blätterten ausgiebig in einzelne Bände hinein und stellten den Stand-Betreuerinnen etliche Fragen. Darunter so interessierte wie die nach Unterrichtsmaterialien (die im Verlag an der Ruhr vorliegen), nach einzelnen AutorInnen, aber natürlich auch ganz lebenspraktische, z.B. wo man in Berlin am besten Türkisch lernen könne, warum denn keine Kochbücher in der Reihe erscheinen …

In der Preisverleihung am 12. März ging die Türkische Bibliothek in der Menge gepriesener Bücher, Verlage und AutorInnen fast unter. 15 Minuten Laudatio für 13 ausgezeichnete Werke sprechen für sich. Dass eine türkische Folklore-Gruppe aus Stuttgart mit Schwarzmeertänzen ihre „einstimmenden“ fünf Minuten zudem auf rund das Vierfache ausdehnen durfte, mag ein Hinweis dafür sein, welcher Stellenwert der Literatur auf der ITB tatsächlich zukam.

Am 13. März konnte die Türkische Bibliothek sich zudem in der Culture Lounge mit einer Lesung präsentieren. Es sollte die Anthologie Von Istanbul nach Hakkari. Eine Rundreise in Geschichten (2005) sein, die hier als unmittelbar reisetauglicher Band eingehender vorgestellt wurde. Nach einer Filmpräsentation über Panoramagemälde in Dresden und Leipzig und vor einer koreanischen Teezeremonie … In einem solchen Umfeld kann in einer knappen Stunde  einem Publikum, das zumeist weniger der Literatur als vielmehr um der Möglichkeit zum Verschnaufen halber kommt, nur ein Fächer von Appetizern, von Teasern gewissermaßen geboten werden. So hatte ich es in der Mehrzahl mit einem Laufpublikum zu tun, das 10-20 Minuten blieb, wenn es ihm gefiel, oder gegenteiligen Falls auch nach 2-3 Minuten schon sich wieder in den Rausch des Prospektesammelns stürzte.

Das Interesse an der Projektpräsentation hielt sich in Grenzen, den vier ausgewählten Texten aber gelang es stets aufs Neue, HörerInnen für eine Weile in den Bann zu ziehen. Und der Stapel ausgelegter Prospekte war am Ende der Lesung verschwunden. Mancher war doch neugierig geworden.

Ob ein literarisches Angebot auf einer Tourismusshow wirklich Sinn macht, bleibt fraglich. Doch wenn nur zehn oder fünfzehn der Vielen, die einen Prospekt der Türkischen Bibliothek mitnahmen, durch diese Präsentation aufmerksam geworden sind auf das Projekt, die Idee weitertragen, den einen oder anderen Band lesen – und sei es anlässlich der nächsten Türkei-Reise – und damit neue Einblicke in die türkische Kultur und Literatur bekommen, dann hat sich der Aufwand gelohnt.

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Ein Großaufgebot wichtiger Stimmen der zeitgenössischen türkischen Literatur kam am 30.11. und 1.12.09 im Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg zusammen: Sechs AutorInnen, ein Kulturjournalist und eine Verlegerin aus Istanbul, zwei deutsche Autoren mit türkischem Hintergrund, eine deutsche Autorin mit Türkei-Erfahrung, dazu eine Reihe VertreterInnen der deutschsprachigen Kultur- und Verlagsszene, die sich um die Vermittlung türkischer Literatur hierzulande bemühen.

Auf Initiative der Leiterin des Istanbuler Goethe-Instituts, Claudia Hahn-Raabe, und Verena Noltes vom Zusammenschluss der deutschsprachigen Literaturhäuser Literaturhaus.net, beide auch als kompetente Podiumsleitung selbst im Einsatz, behandelten Fachleute auf dem für beide Vormittage angesetzten Symposium Zwischen zwei Welten in fünf Podien Themen wie Zeitgenössische türkische Literatur, Literatur aus der Türkei auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und im Austausch mit deutschsprachigen Literatureinrichtungen, Fragen der Übersetzung und interkulturelle Literatur deutschtürkischer Autoren. Abends lasen die AutorInnen Müge İplikçi, Murat Uyurkulak, Şebnem İşigüzel, Mario Levi, Petra Morsbach, Zafer Şenocak, Sema Kaygusuz, Ayfer Tunç und Nevfel Cumart aus ihren Werken. Die türkischen Gäste repräsentierten eine junge Generation von Literaten, die das jahrzehntelange lähmende Schweigen in der Türkei seit Ende der 1990er Jahre entschlossen und ebenso beredt wie niveauvoll brechen.

Der Kulturjournalist Cem Erciyes von der renommierten Istanbuler Tageszeitung Radikal wies auf die massive Zunahme von Romanpublikationen auf dem türkischen Buchmarkt nach 2000 hin, bedauerte aber, dass es nach wie vor an qualifizierten ÜbersetzerInnen mangele, weshalb die ebenso umfangreiche wie niveauvolle zeitgenössische türkische Literatur nach wie vor unzureichend in westlichen Sprachen zugänglich sei. Erst mit dem Übersetzungsförderungsprojekt TEDA des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums von 2005 sei Bewegung in die Sache gekommen. Obwohl mittlerweile zu unterschiedlichsten Themen offen geschrieben werde, bedauerten viele Kritiker in der Türkei, dass Themen wie der Militärputsch von 1980 und der Kurdenkonflikt nach wie vor unzureichend bearbeitet seien.

Nach einer guten Medienpräsenz aufgrund des Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2008 weisen die Reaktionen bei Medien und Leserschaft 2009 einen Fächer von freundlichem Desinteresse bis hin zu Berührungsängsten auf, merkte Monika Carbe, Literaturübersetzerin und Rezensentin, in ihrem Referat an. Allerdings sei das wohlwollende Schulterklopfen in deutschen Feuilletons endlich ernsthafter Literaturkritik gewichen. Carbes Auffassung, insbesondere die zweite Einwanderergeneration habe großen Lesehunger und enormes Interesse an türkischer Literatur in deutscher Sprache, stieß allerdings auf Skepsis.

So meinte der Züricher Verleger Lucien Leitess vom Unionsverlag, in dem seit 2005 die auf 20 Bände angelegte Türkische Bibliothek mit bislang unübersetzten Meilensteinen der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint, die zweite und dritte Migrantengeneration müsse erst noch zur Leserschaft werden. Zugleich unterstrich auch er die Bedeutung qualifizierter Übersetzungen und berichtete von Projekten zur Förderung von ÜbersetzerInnen im Rahmen der Türkischen Bibliothek. Kaum ein anderes Projekt arbeite derart textintensiv im Dialog zwischen HerausgeberInnen, Lektorat und ÜbersetzerInnen. Inzwischen liege eine Vielzahl guter Übersetzungen vor, die Leserschaft sei allerdings nach wie vor dünn gesät. Leitess zeichnete die Rezeption türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum und damit auch die Übersetzungstätigkeit anhand politischer Großwetterlagen nach. Während 1960 die erste Übersetzung von Yaşar Kemals Memed mein Falke mit großem Publikumserfolg herauskam, wandelte sich die Lage mit der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei 1961 und dem Eintreffen der ersten „Gastarbeiter“. Türkische Literatur rückte hierzulande an den Rand der Publizistik, die Motivation der wenigen Literaturförderer war größer als der Markt. Schnell und schmerzlich erfuhren engagierte Verlage, dass persönliche Beziehungen zu türkischen MitbürgerInnen noch lange nicht zum Interesse an türkischer Literatur führen. Lange wurde türkische Literatur nicht im Feuilleton, sondern von Auslandsredaktionen behandelt. In diesem Zusammenhang stellte Leitess auch das Motto der Tagung in Frage. Zwischen zwei Welten passe doch eher zur Geisteshaltung der 70er Jahre. Abgründe dieser Art hätten nicht länger Bestand, auch der Brücken bedürfe es kaum noch, denn heute bestimmten das Verhältnis der Literaturen in erster Linie Parallelitäten und Gleichzeitigkeiten. Der türkische Buchmarkt verzeichne als einer der wenigen weltweit noch Zuwächse.

Die Wende für die Rezeption zeitgenössischer türkischer Literatur kam in drei großen Schritten: 1997 erhielt Yaşar Kemal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 2006 Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis und 2008 war die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Mit einem Augenzwinkern verwies auch Leitess auf das türkische Übersetzungsförderungsprogramm TEDA, dort sei möglicherweise etwas zu lernen, denn statt AutorInnen in die Welt auszusenden, lade das Ministerium Medienvertreter freigebig ins Land ein, um vor Ort zu repräsentieren.

Die türkische Verlegerin Müge Gürsoy Sökmen von Metis, einem der renommiertesten und engagiertesten türkischen Verlage, von Leitess ob ihres vergleichbaren Ansatzes als seine Zwillingsschwester in Istanbul bezeichnet, berichtete von einem Paradigmenwechsel: 2008 seien türkische Verlage erstmals auf Augenhöhe an Verlage aus aller Welt herangetreten, um Rechte zu verkaufen, während in all den Jahren zuvor der Schwerpunkt auf dem Einkauf von Rechten für Übersetzungen ins Türkische gelegen habe. Die Türkei ist heute eines der Länder mit der größten Anzahl unabhängiger Verlage. Auf einem Übersetungssymposium im Mai 2009 in Istanbul war deutlich geworden, dass zwar alle Lektorate und Verlage „literarische Kriterien“ in den Vordergrund stellten, wenn es um Publikationsentscheidungen gehe. Zur Beurteilung der Qualität türkischer Originale bestünden jedoch kaum Kapazitäten, da werde auf Bücher und Autoren zurückgegriffen, die bereits auf Englisch erschienen seien. Gürsoy zitierte zwei Umfragen der Literaturzeitschrift Notos über die „40 türkischen AutorInnen, die das vergangene Jahrhundert prägten“, und über die „Meister der Zukunft“. Zum eigenen Erstaunen stellte sie fest, dass rund 50% der genannten AutorInnen bereits in deutscher Übersetzung vorliegen. Gürsoy bedauerte allerdings, kaum die Chance zu bekommen, AutorInnen aus verschiedenen Ländern mit einem gemeinsamen Thema präsentieren zu können.

Als leidgeprüfte Verlegerin führte Gürsoy anschließend das leidige Cover-Thema vor: Ein Buch wie Murathan Mungans Tschador, das im Original mit einem minimalistischen abstrakten Cover erschien, wurde in Übersetzungen zum Teil stark orientalisiert. So präsentiert die italienische Ausgabe klischeehaft eine schwarz verhüllte Frau. Die Präsentation von Literatur habe doch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Rezeption, Akzeptanz und Image bei der Leserschaft. Insgesamt aber scheine ihr die übermäßige Exotisierung auf dem literarischen Markt im Westen endlich überwunden.

Es schloss sich die Frage nach der Präsenz im deutschsprachigen Feuilleton an. „Ab dem 51. Buch wird es schwierig, Rezensionen unterzubringen“, äußerte Verleger Leitess, nicht pro Verlag, sondern von der Bestsellerliste. Bettina Berns von der Robert Bosch Stiftung, die sich maßgeblich um die Förderung türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum kümmert und u.a. auch hinter dieser Tagung stand, berichtete, die ersten Bände der Türkischen Bibliothek seien sehr gut und breit besprochen worden, später aber sei das Interesse abgeebbt. Nicht weil die nachfolgenden Bände etwa schlechter gewesen seien, sondern weil einfach der News-Faktor des Projekts nicht mehr getragen habe. Auch gut besprochene Bücher können es im Verkauf sehr schwer haben. Ebenso lehre die Erfahrung, dass insbesondere bei Veranstaltungen, die stark von Publikum mit türkischem Migrationshintergrund frequentiert seien, die Buchhändler anschließend meist enttäuscht ihre Auslagen wieder einpackten. Der Verkauf sei dort besonders gering, auch wenn der Autor gut ankomme. Im Umkehrschluss bedeute dies allerdings keinen durchschlagenden Verkaufserfolg bei hauptsächlich „deutsch“ besuchten Lesungen. Inwieweit für den enttäuschenden Verkauf die durchweg stattlichen Preise der zunächst gebunden erscheinenden Bücher verantwortlich sein könnten, stand hier nicht zur Diskussion.

Podiumsleiterin Sibylle Thelen von der Stuttgarter Zeitung, ausgewiesene Kennerin der türkischen Literatur, die 2008 selbst ein Istanbul-Buch vorlegte, berichtete von eigenen Erfahrungen mit desinteressierten Verlagen. „Wen interessiert denn schon türkische Kultur?“, heiße es da. Entscheidend sei stets die Nachfrage der KäuferInnen. Dazu wies Verleger Leitess darauf hin, wie buchfern schon die Ausbildung auch an den Universitäten heute sei. Kopiert werde in rauen Mengen, Bücher aber blieben liegen.

Während Bernd Goldmann, Leiter der Villa Concordia, für die die Tagung die erste Erfahrung mit türkischer Literatur wie auch mit einem Event dieser Größenordnung war, auf die Stipendiatsmöglichkeiten und Aktivitäten seines Hauses fokussierte, konnte der Leiter des Literaturhauses Salzburg, Tomas Friedmann, aus der Praxis berichten. Die Istanbuler Autorin Ayfer Tunç war im Rahmen des Stadtschreiberprojekts Yakın Bakış – Der nahe Blick 2008 knapp einen Monat bei ihm in Salzburg zu Gast. Optimistisch meinte Friedmann, die Literatürhäuser öffneten sich für türkische Literaturen, den Plural betonte er, es gehe um Diskurs, Kommunikation und immer um das Individuum. Die türkische Gegenwartsliteratur sei seit den 90er Jahren mit erheblichen „Übersetzungsoffensiven“ vorbildlich repräsentiert und werde bewusst auch in die Literaturhäuser geholt. Friedmanns Diktum, mit der hohen Präsenz der Türkei in den Schlagzeilen, sei marketingtechnisch auch der Literatur gedient, stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. Friedmann äußerte auch, er komme nicht auf die Idee, türkische Literatur in der türkischen Community zu bewerben, denn bei kanadischer Literatur etwa setze er ja auch nicht auf kanadisches Publikum. Mögen den LeiterInnen anderer literarischer Foren bei diesen Worten die Ohren klingen. Erst im Frühjahr 2009 fanden im Literaturhaus Salzburg Türkische Literaturtage im Rahmen der Reihe Europa der Muttersprachen statt, während nach wie vor manch anderes deutsches Literaturhaus mit der Bemerkung abwinkt, man habe gar nicht das Publikum für türkische Literatur.

Die universitäre Seite vertrat Karin Yeşilada, derzeit Paderborn, mit einem Beitrag über ihr Schwerpunktthema türkisch-deutsche Literatur, die auf Deutsch in Deutschland entstehe und Gegenstand der Germanistik sei, im Unterschied zur türkischen Literatur. Als Germanistin wünscht Yeşilada sich verstärkt den Einsatz deutscher Turkologen bei der Vermittlung türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Anstrengungen von deutscher Seite seien gerade deshalb unabdingbar, weil eine türkische Kulturpolitik, speziell Literaturförderung, traditionell nicht stattfand und erst jüngst zaghaft sprieße.

Das letzte Podium gehörte den beiden deutschen Dichtern und Schriftstellern Zafer Şenocak und Nevfel Cumart. So unterschiedlich sie Sozialisierung, Selbstverständnis und Sujets auch sein mögen, schreiben doch beide in beiden Sprachen, übersetzen auch und leisten einen erheblichen Beitrag zur Kulturvermittlung. Şenocak erklärte es für gefährlich, stets auf den Migrationshintergrund abzuheben. Stattdessen, so sein Plädoyer, sei da ein Hinterland, wie jeder Autor es habe. Wohltuend sei seine Erfahrung im Ausland, wo stärker die Texte im Vordergrund stünden, weniger die Person des Autors. Cumart leistet gewissermaßen literarische Basisarbeit und geht mit seinen Gedichten und Erfahrungen häufig auch in Schulen. Auch diese beide Autoren, auf die vordergründig das Tagungsmotto noch am ehesten zutrifft, verwahrten sich gegen den Titel „Zwischen zwei Welten“. Wenn schon, dann gebe es viele Welten, in denen man sich bewege, dazwischen aber liege nichts, wo man sich verorten könnte.

Im einfühlsamen Autorengespräch vor und nach den sehr kurzen türkischen und etwas längeren deutschen Textlesungen vermittelte Recai Hallaç, selbst u.a. Übersetzer, Motivationen und Hintergründe. „Ich bin Istanbuler“, sagte stolz Mario Levi, und er glaube nicht, dass irgendjemand ein größeres Anrecht darauf habe, sich als solcher zu bezeichnen: Seine Familie lebt seit über 500 Jahren in der Stadt am Bosporus. In Istanbul war ein Märchen (Suhrkamp 2008) verarbeitete der türkisch-jüdische Autor seine Eindrücke der multikulturellen Metropole. Seine Übersetzerin Barbara Yurtdaş hatte vormittags einen Einblick in die Kunst des Übersetzens aus einer Sprache gegeben, deren Kenntnis allein nicht ausreiche, um kulturelle, soziale und politische Konnotationen adäquat zu übertragen. Was Murat Uyurkulak mit seinem Protagonisten Yusuf im Roman Zorn (Unionsverlag 2008) und dessen Erfahrungen während und nach dem Militärputsch von 1980 verbindet, warum Sema Kaygusuz beim Schreiben ihres neuen Romans weinte, in dem sie einen Teil der Familiengeschichte rund um ihre Großmutter, die das Massaker an den kurdischen Alewiten von 1938 überlebte, dass Ayfer Tunç vor Wut darüber, den Putsch von 1980 ungesühnt zu finden, den damaligen Putschistenführer Kenan Evren zur Witzfigur in ihrem großen Roman über die türkische Gesellschaft mit über 300 Figuren machte, all das und vieles mehr erfuhr das Publikum an diesen beiden intensiven Abenden. Mit einer halben Stunde pro AutorIn ist allerdings weder einer Person noch ihrem Werk gerecht zu werden ist. Allenfalls konnte ein Eindruck entstehen, ein Anreiz, sich verstärkt dem Thema türkische Literatur zu widmen, die noch eine Vielzahl ungehobener Schätze birgt und deren Potenzial auf dieser ambitionierten Tagung nur angedeutet werden konnte.

Auch in diesem Sinne wäre dem Symposium eine höhere Präsenz von Medien und Verlagen im Publikum zu wünschen gewesen.

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Kultgedichte (Unionsverlag 2008)Mit einem Abend im Rahmen des 5. Literatürk-Festivals in Essen ging am 28. Oktober 2009 die musikalisch-literarische Reihe horizonte, flammen und lieder – türkische Kult- und Lieblingsgedichte“ zu Ende. Insgesamt fünf Veranstaltungen führten uns von Mai bis Oktober 2009 von Hamburg über Lübeck und Münster nach Essen. Mit der Reihe wurde der im Herbst 2008 im Züricher Unionsverlag in der Reihe Türkische Bibliothek erschienene Band Kultgedichte / Kült Şiirleri vorgestellt.

Die Herausgeber Erika Glassen und Turgay Fişekçi hatten zahlreiche Persönlichkeiten aus der türkischen Kulturszene gebeten, ihr Lieblingsgedicht bzw. eines zu benennen, das ihrer Meinung nach Kultstatus habe, und ihre Auswahl in einem kurzen Essay zu begründen. Heraus kam eine höchst subjektive Sammlung von 42 Gedichten – zweisprachig türkisch-deutsch abgedruckt – und 42 kurzen Essays. „Weder sind die Befragten repräsentativ für die türkische Gesellschaft, noch die ausgewählten Gedichte für die türkische Poesie“, schreibt Erika Glassen in ihrem Vorwort, das selbst nicht nur einen Einblick in das poetische Schaffen in der Türkei gibt, sondern zugleich einen wunderbar lyrischen Ausblick auf die Texte, die den geneigten Leser in diesem besonderen Band erwarten. Die Stimmung des Bandes ist geprägt vom berühmten hüzün, der besonderen türkischen Spielart der Melancholie. Er bietet einen einzigartigen Einblick in Befindlichkeiten und Lebensgefühl der türkischen Gesellschaft.

horizonte, flammen und lieder

Demir Gökgöl u. Rüdiger Zietz 5.6.9 in Hamburg

Neun Gedichte (von Kemal Özer über Bejan Matur bis Refik Durbaş) wählten wir für unsere Lesereihe aus, rezitiert von Demir Gökgöl auf den beiden Hamburger Veranstaltungen und von Gülseren Doğaner in Lübeck, Münster und Essen.

Neben Ausschnitten aus den aufschlussreichen und sehr persönlichen Essays bot der Abend zudem einen Überblick über die Entwicklung der türkischen Lyrik sowie eine kurze Einführung in die Reihe Türkische Bibliothek. Rüdiger Zietz rundete mit seiner Flamenco-Gitarre den Abend ab und begleitete zudem die Rezitatoren höchst einfühlsam bei der Lesung der deutschen Gedicht-Texte. Überall ernteten wir begeisterten Applaus.

Türkische Literatur ist beileibe kein Selbstgänger

Die Akquise allerdings war schwierig. Viele deutsche Veranstalter wollten sich nicht auf das „Wagnis türkische Literatur“ einlassen. Der eine hatte „schon eine türkische Veranstaltung in diesem Jahr“, der andere wollte uns gleich in die Räume der lokalen Türkischen Gemeinde verlagern und hätte dann der Form halber einen Mitarbeiter vorbeigeschickt. Von manchen erhielten wir gar nicht erst eine Rückmeldung. Die Reihe war veranstaltet vom Hamburger Kulturzentrum Werkstatt 3 und gefördert von der Robert Bosch Stiftung und fast überall von mehreren Kooperationspartnern (darunter selbstverständlich auch die Türkische Gemeinde) mitgetragen. In Lübeck, Münster und Essen fanden die Veranstaltungen im Rahmen von Festivals statt und waren größtenteils über Erwarten gut besucht.

In einem Interview von Radio Kaktus e.V. Münster wurde ich gefragt, ob es so etwas wie ein Aha-Erlebnis gebe. Aber ja! Wer erst einmal den Weg zu uns gefunden hat, ist durchweg begeistert und angeregt, sich weiter auf türkische Literatur und Lyrik einzulassen. Das Problem liegt jedoch darin, VeranstalterInnen und sachfremdes Publikum überhaupt erst zu interessieren.

Es ist nichts Neues, dass nach einem Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse das zu diesem Anlass gleißend aufgeflammte Interesse an einer Literatur eklatant wegbricht. So erwies sich auch die massive Publikationstätigkeit türkischer Literatur ab Spätherbst 2008 als Strohfeuer, das Funken nur in zwei Richtungen sprüht: Im vergangenen Jahr haben vereinzelt LeserInnen und VeranstalterInnen Feuer gefangen und wagen sich experimentehalber doch noch einmal an ein türkisches Thema. Ansonsten sind es die bewährten Veranstalter und das Stammpublikum, die weiter – relativ einsam auf weiter Flur – die Fahne hochhalten. Während mit der Türkischen Bibliothek im Zeitraum 2005-2010 erstmals eine nachhaltige, umfangreiche Förderung der Übersetzung und Vermittlung von türkischer Literatur im deutschen Sprachraum aufgelegt wurde, bleibt die Vermittlung an der „Rezipientenfront“ – dazu gehören neue LeserInnen, vor allem aber VeranstalterInnen als Multiplikatoren – ein Kampf. Trotz mancher Rückschläge macht das begeisterte Feedback nach jeder einzelnen Veranstaltung aber doch Mut, Schritt um Schritt weiter voranzuschreiten. Wir freuen uns auf die Schlangenkönigin 2010 …

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Was macht die Übersetzerin, trifft sie auf Zitate aus einer Fremdsprache im Text? Blind durchübersetzen? Das Original heraussuchen und einsetzen? Überprüfen, ob es eine deutsche Übersetzung gibt und ggfs. diese einsetzen? Ja, und zwar mit Angabe der Quelle. So ist es im deutschsprachigen Raum Usus und sinnvoll, wäre manches Zitat in einer dritten oder gar vierten Rückübersetzung doch kaum noch zu erkennen.
Der türkische Dichter İsmet Özel, der sich einst vom strammen Marxisten zum islamistischen Vordenker wandelte, zeigt sich in seiner Essaysammlung Üç Mesele (Drei Angelegenheiten) von 1978 bewandert in der internationalen Literatur auch der Philosophie und Soziologie und zitierte u.a. Sartre. Seine Wahl fiel auf Sartes Naturbegriff aus dem Plaidoyer pour les intellectuels. Selbstverständlich um den Westen vorzuführen.
Dieser Autor tut der Übersetzerin den Gefallen, die Quelle zu nennen, gar mit Seitenangabe des französischen Originals, wenn auch ohne Angabe der Ausgabe. Aber immerhin. Denn viele, wohl die meisten Autoren haben die Angewohnheit, es beim Namedropping zu belassen, nennen also lediglich den Namen des Zitat-Urhebers. Aus welchem Werk aber das besagte Bon- oder auch Malmot stammt, bleibt Geheimnis des Zitierenden. Hat die Übersetzerin Glück, kann sie durch Nachfrage beim Autor bestenfalls die Quelle in Erfahrung bringen (wobei die so Befragten oft erstaunt über eine solche Nachfrage sind, man könne doch einfach neu übersetzen, meinen sie bzw. tun es bei eigener Tätigkeit auch selbst). Immer noch besseren Falls lässt sich die Quellregion einkreisen. Schlimmstenfalls erfährt sie, der Autor habe dieses Zitat jemandem zugeschrieben, weil er meinte, irgendwo, irgendwann einmal so etwas gelesen oder gehört zu haben … Aber ob es nun ein Ausspruch dieses oder jenen war und ob das Zitat nun wörtlich tatsächlich so lautet, wie er es später verwendet hat … da sei er nun wirklich überfragt …
Bei einem kurzen Zitat ist auch das kein Problem, dann wird aus dem wörtlichen Zitat eben ein indirektes im Konjunktion, und die Übersetzerin ist aus dem Schneider. Bei längeren wörtlichen Zitaten geht das kaum, schon gar nicht bei einem so bekannten Urheber wie Sartre.
Seit Etablierung des Internets haben wir Übersetzer den unschätzbaren Vorteil, Bibliotheken und Antiquariate nicht mehr in Hut und Mantel und aller Eile durchstreifen zu müssen, sondern virtuell vom heimischen Schreibtisch, i.e. Desktop, aus uns rasch einen Überblick zu verschaffen: Ist das Buch übersetzt? Steht es in der örtlichen Bibliothek? Wo sonst ist es möglicherweise zu finden?
Diesmal war es, aufgespürt über das ZVAB, der Bücher-Bär in Mühlheim, der den fraglichen Sartre-Band auf Lager hatte. Ein Segen, wie sich rasch herausstellte, kaum dass die Stelle aufgefunden war. Türkische und deutsche Übersetzung des französischen Originals weichen syntaktisch und semantisch nicht unerheblich voneinander ab. „Der Schöpfer“ hier, „Demiurg“ dort, um nur ein winziges Beispiel zu nennen.
Nicht für jedes Zitat kann ein Buch erworben werden, bei diesem Sartre schien es aber doch lohnend. So wird er auch nicht im Recycling-Verfahren umgehend im Wiederverkauf landen, sondern sich zu den Genossen im Regal gesellen als ein weiterer Kandidat auf der Lesen!-Liste …
Wozu diese Mühe mit Özel und Sartre? Für einen Band mit kulturhistorischen Essays aus der neueren Geschichte der Türkei, der als einer der letzten in der Reihe Türkische Bibliothek im Unionsverlag erscheinen wird.

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