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Posts Tagged ‘Zitat’

Was macht die Übersetzerin, trifft sie auf Zitate aus einer Fremdsprache im Text? Blind durchübersetzen? Das Original heraussuchen und einsetzen? Überprüfen, ob es eine deutsche Übersetzung gibt und ggfs. diese einsetzen? Ja, und zwar mit Angabe der Quelle. So ist es im deutschsprachigen Raum Usus und sinnvoll, wäre manches Zitat in einer dritten oder gar vierten Rückübersetzung doch kaum noch zu erkennen.
Der türkische Dichter İsmet Özel, der sich einst vom strammen Marxisten zum islamistischen Vordenker wandelte, zeigt sich in seiner Essaysammlung Üç Mesele (Drei Angelegenheiten) von 1978 bewandert in der internationalen Literatur auch der Philosophie und Soziologie und zitierte u.a. Sartre. Seine Wahl fiel auf Sartes Naturbegriff aus dem Plaidoyer pour les intellectuels. Selbstverständlich um den Westen vorzuführen.
Dieser Autor tut der Übersetzerin den Gefallen, die Quelle zu nennen, gar mit Seitenangabe des französischen Originals, wenn auch ohne Angabe der Ausgabe. Aber immerhin. Denn viele, wohl die meisten Autoren haben die Angewohnheit, es beim Namedropping zu belassen, nennen also lediglich den Namen des Zitat-Urhebers. Aus welchem Werk aber das besagte Bon- oder auch Malmot stammt, bleibt Geheimnis des Zitierenden. Hat die Übersetzerin Glück, kann sie durch Nachfrage beim Autor bestenfalls die Quelle in Erfahrung bringen (wobei die so Befragten oft erstaunt über eine solche Nachfrage sind, man könne doch einfach neu übersetzen, meinen sie bzw. tun es bei eigener Tätigkeit auch selbst). Immer noch besseren Falls lässt sich die Quellregion einkreisen. Schlimmstenfalls erfährt sie, der Autor habe dieses Zitat jemandem zugeschrieben, weil er meinte, irgendwo, irgendwann einmal so etwas gelesen oder gehört zu haben … Aber ob es nun ein Ausspruch dieses oder jenen war und ob das Zitat nun wörtlich tatsächlich so lautet, wie er es später verwendet hat … da sei er nun wirklich überfragt …
Bei einem kurzen Zitat ist auch das kein Problem, dann wird aus dem wörtlichen Zitat eben ein indirektes im Konjunktion, und die Übersetzerin ist aus dem Schneider. Bei längeren wörtlichen Zitaten geht das kaum, schon gar nicht bei einem so bekannten Urheber wie Sartre.
Seit Etablierung des Internets haben wir Übersetzer den unschätzbaren Vorteil, Bibliotheken und Antiquariate nicht mehr in Hut und Mantel und aller Eile durchstreifen zu müssen, sondern virtuell vom heimischen Schreibtisch, i.e. Desktop, aus uns rasch einen Überblick zu verschaffen: Ist das Buch übersetzt? Steht es in der örtlichen Bibliothek? Wo sonst ist es möglicherweise zu finden?
Diesmal war es, aufgespürt über das ZVAB, der Bücher-Bär in Mühlheim, der den fraglichen Sartre-Band auf Lager hatte. Ein Segen, wie sich rasch herausstellte, kaum dass die Stelle aufgefunden war. Türkische und deutsche Übersetzung des französischen Originals weichen syntaktisch und semantisch nicht unerheblich voneinander ab. „Der Schöpfer“ hier, „Demiurg“ dort, um nur ein winziges Beispiel zu nennen.
Nicht für jedes Zitat kann ein Buch erworben werden, bei diesem Sartre schien es aber doch lohnend. So wird er auch nicht im Recycling-Verfahren umgehend im Wiederverkauf landen, sondern sich zu den Genossen im Regal gesellen als ein weiterer Kandidat auf der Lesen!-Liste …
Wozu diese Mühe mit Özel und Sartre? Für einen Band mit kulturhistorischen Essays aus der neueren Geschichte der Türkei, der als einer der letzten in der Reihe Türkische Bibliothek im Unionsverlag erscheinen wird.

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