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Archive for the ‘Bücher’ Category

Aris Fioretos, Mary (Hanser 2016)Mary schweigt in der Folter, sie schweigt, als sie wegen ihres Schweigens auf eine Gefängnisinsel verbannt und zweimal über Wochen allein in einer Bucht, der Müll- und Begräbnisbucht, ausgesetzt wird. Mit jedem Wort, das weiß sie, kann sie sich nur gefährden. Und Dimos ebenso, den Linksrevolutionär, der den illegalen Sender an der Universität organisiert. Vor allem aber, der Sonne, die sie in sich heranwachsen weiß. Dem kleinen Wesen einen Namen zu geben, traut sie sich vorerst nicht. Nicht Türkei 2016/17, sondern ein ungenannt bleibendes Land 1973/74, das sich leicht als Griechenland identifizieren lässt, bildet den Hintergrund für Aris Fioretos’ jüngsten Roman Mary (Hanser, 2016). Der schwedische Autor mit griechischem Vater, dessen Migrationserfahrungen er im vorangegangenen Semi-Roman Die halbe Sonne nachzeichnete, arbeitet als Angehöriger der Nachfahrengeneration nun die Studentenrevolten November 1973, die den Anfang vom Ende der letzten griechischen Militärdiktatur markierten, zunächst aber zur Verschärfung der Lage beitrugen, aus ungewöhnlicher Perspektive auf.

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Kejo, Ro Jin, Sujet-Verlag 2012 „Es war einmal ein hungriger Löwe, der bezeichnete jeden Ort, den er betrat, als sein Reich …“ Mit leiser Stimme, fast schüchtern liest der syrisch-kurdisch-deutsche Autor Berzan Kejo am 21. Juli 2016 in der Hamburger Werkstatt3 aus seinem autobiographischen Roman Ro Jîn – Sonne des Lebens. Kejo wirkt älter als auf dem Autorenfoto, enttäuschter vielleicht, sicher desillusionierter. Das Buch sei sein „Beitrag zum syrischen Volksaufstand als staatenloser Syrer aus dem Ausland“, betont Kejo im anschließenden Podiumsgespräch. Er lässt keinen Zweifel daran, wie sehr er auch nach 30 Jahren Exil mit seinem Heimatland mitfühlt und mitleidet, wie frustriert aber auch er über die Jahre als Flüchtling in Deutschland ist. (mehr …)

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„In Beyoğlu/Istanbul vom Ehemann zu Tode geprügelt“, „13-Jährige von Vater, Onkel und Bruder missbraucht“, „Vom eigenen Großvater vergewaltigt“, „Schülerin beging Selbstmord nach Vergewaltigung durch Lehrer“ – nahezu täglich kommen aus der Türkei Meldungen über Gewalt gegen Frauen, Morde an Frauen und sogenannte Frauen- und Mädchenselbstmorde. Der Prozess gegen den Lehrer, der angeklagt ist, seine 17-jährige Schülerin Cansel vergewaltigt zu haben, die sich anschließend das Leben nahm, beginnt heute.

Burce Bahadir, Ölü Kadinlar Memleketi Auch der Fernsehjournalistin Burçe Bahadır ging das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen über die Hutschnur und sie machte sich an eine Doku mit Betroffenen. Das Thema durchzusetzen, erwies sich als extrem schwierig. Viele hätten aufgegeben, doch Bahadır ist hartnäckig, es gelingt es ihr schließlich, Interviews zu führen. Sie will vor allem eines: verstehen! Zuhören, die Wahrheit erfahren, wissen, was Männer dazu treibt, (ihre) Frauen zu misshandeln, missbrauchen, umzubringen, was Frauen erleiden, bis sie ihrerseits den sie quälenden Partner töten, warum man sich nicht einfach trennt… Aus dem Material für die TV-Doku entstand das beeindruckende Reportagenbuch Ölü Kadınlar Memleketi / Land der toten Frauen: das Portrait einer Gesellschaft, in der Männergewalt allzu oft als normal oder gar gerechtfertigt gilt.

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Karakaşlı, Dört Kozalak Wenn Prüfungen bevorstehen im türkischen Schulsystem, Prüfungen, die nicht nur über die weitere Bildungskarriere, sondern schier über den weiteren Lebenslauf entscheiden, setzt das Leben für Monate aus. Dann ist nur noch Lernen angesagt, mit Privatlehrern und Lerninstituten, das ist Ausnahmezustand für die ganze Familie. Und wird für viele Jugendliche zum Horror. Die armenisch-türkische Autorin Karin Karakaşlı bringt in ihrem zweiten Jugendroman Dört Kozalak (Vier Tannenzapfen, 2014), jüngst zum Jugendbuch des Jahres 2014 gewählt, zwei Mädchen, zwei Jungen und zwei Lehrer zusammen, um im Prüfungsmarathon zu bestehen. Der Autorin und Lehrer Osman liegt dabei besonders am Herzen, dass die vier Jugendlichen, die einen Teil des Istanbuler multikulturellen Mosaiks repräsentieren, einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander entwickeln. (mehr …)

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Hayko Bagdat, Salyangoz (Inkilâp 2014)Schreibt neue Texte anstelle derer, die ihr unzulänglich findet! Organisiert neue Aktionen anstelle derer, deren Form euch nicht gefällt!“ Nicht Opfer sein, nicht darauf warten, dass andere handeln, sondern selbst aktiv werden, offen und wahrhaftig sein im Namen der Menschlichkeit – das besticht an Salyangoz (Die Schnecke), dem ersten Buch (2014) von Hayko Bağdat, in dem der armenisch-griechische Publizist uns durch sein Leben und damit über die Landkarte der Diskriminierung und Selbstbehauptung der letzten 40 Jahre in der Türkei führt. Mit Wortmeldungen in Radio, TV und Kolumnen, erinnert sei nur an seinen Aufschrei „Utanç duyuyorum“ (25.07.15, „Ich empfinde Scham!“) nach dem Anschlag von Suruç, wo er das stereotype menschenverachtende Verhalten breiter Kreise anprangerte und einmal mehr die gängigen Community-Grenzen in der türkischen Gesellschaft zu sprengen versuchte, ist Bağdat zu einer Art Gewissen der Nation geworden.

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Alpan Sagsöz, Als wir Libellen waren Ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrem Vater, ein Anwalt in den besten Jahren auf der Flucht vor sich selbst – als ihre Wege sich keineswegs zufällig kreuzen, scheint nur einen Augenblick lang die Welt für beide in Ordnung, bis erneut alles aus den Fugen gerät. Sie nutzen aber die Krisen zur Reifung und stellen sich dem stets unberechenbaren Leben mit neuem Elan. Flott bis flapsig, stylish bis spritzig fabuliert der Kölner Autor Alpan Sağsöz in seinem jüngsten, nur als eBook veröffentlichten Roman Als wir Libellen waren (Berlin 2015) drauflos, stellenweise „wie ein Baum bearbeitender Specht nach einem überzuckerten Espresso“, wie es an einer Stelle im Buch heißt. Doch was sich wie Fastfood aus der Creative Writing-Küche anlässt, gewinnt an Tiefe, als die Protagonisten aus dem Alltag katapultiert und auf sich selbst zurückgeworfen werden.

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Menekşe Toprak, Ağıtın Sonu „Aber sicher ist es möglich, das Leben leicht zu nehmen! Was einem zustößt, kann man auch als neuen Weg auffassen, statt als Katastrophe!“ Fatma (37) hat ihren gutdotierten Job in einer internationalen Firma im Ausland verloren und kommt, ausgestattet mit finanziellen Mitteln für mindestens ein Jahr, nach einer Ewigkeit erstmals wieder in die Türkei. Ein wenig auf Jobsuche, mehr aber auf der Suche nach sich selbst und einer erfüllenden Beziehung. Zunächst sitzt sie allerdings wegen Lodos, dem Istanbuler Fön, auf einer der Inseln fest. Menekşe Topraks zweiter Roman Ağıtın Sonu (Das Ende der Klage) ist, so sagt die Autorin, das Produkt intensiver Auseinandersetzung mit dem Leben und den Beziehungen von Frauen und Männern in Ost und West und in einer Metropole wie Istanbul im Besonderen. Das Anfang 2014 erschienene Buch erhielt Ende April 2015 den Duygu-Asena-Romanpreis „Die Frau hat noch immer keinen Namen“* als „ein Text, der eine in der globalen Ökonomie agierende junge Frau aus der Türkei mit all ihren Kämpfen und Sehnsüchten auf ehrliche Weise schildert und die emotionale Dimension der Protagonistin in Harmonie mit dem gesellschaftlichen Kontext gestaltet“ (Begründung der Jury).

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