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Posts Tagged ‘Istanbul’

In ihrem jüngsten Roman Yeşil Peri Gecesi (Die Nacht der grünen Fee, erschienen im September 2010) berichtet Ayfer Tunç, eine der wichtigen Stimmen der jüngeren türkischen Literatur, aus dem Inneren der Istanbuler Society. Sie erzählt die Geschichte der absichtlichen Selbstdemontage einer hübschen jungen Frau, die ihre Schönheit als Fluch erlebt.

Die kurze glückliche Kindheit der Ich-Erzählerin endet, als der Vater durch einen Unfall verstümmelt und arbeitsunfähig wird und das Mädchen  Mutter und Onkel im Bett überrascht. Der Schock verändert ihr Leben. Fortan wächst in ihr der Hass und sie beginnt, ihre außergewöhnliche Schönheit als Waffe einzusetzen, um die Welt von Männern zu zerstören, die sie begehren oder auch nur ihr Herz zu gewinnen versuchen, wie eben dieser Onkel Süleyman. Um ihn zu vernichten, posiert sie mit 19 scham- und hüllenlos für ein Pornomagazin. Zugleich ist dieser Akt einer der Verzweiflung, hat doch Ali, der einzige Mann, den sie wirklich liebte, sie verlassen. Lange springt sie von Beziehung zu Beziehung, redet sich ein, verliebt zu sein, lässt sich ausnutzen, nutzt selbst aus oder legt es bewusst darauf an, Familien zu zerstören. (mehr …)

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Jeder Tourist träumt davon, für die Dauer seines Aufenthalts dazuzugehören, an- und aufgenommen zu werden, vor allem aber, tiefen Einblick in Leben und Gesellschaft der Menschen im Zielland nehmen zu dürfen. Meist fehlt es jedoch an der nötigen Zeit ebenso wie an Sprachkenntnissen.

Betty Kolodzy, Istanbul WalkingIstanbul-Reisende können sich nun von Betty Kolodzy an die Hand nehmen lassen und mit ihr von Begegnung zu Begegnung schlendern, auf der Straße, zum Tee in einem Geschäft, zu ungeheuren Portionen Mantı, den türkischen Ravioli, im Kreis neugieriger Hausfrauen oder etwa zum Backgammon-Spiel im Teegarten bei Onkel Ibrahim, der unversehens weitergehende Ambitionen entwickelt. Kolodzy hat einige Monate in Istanbul verbracht und sich die Zeit und Muße genommen, auf die vielfältigen Melodien der Menschen in der Megalopolis zu hören, schlaglichtartig einzelne Gesichter auf sehr persönliche Weise aus der Menge herauszuheben und die kleinen Episoden, die ihr Tag für Tag widerfuhren, aufzuschreiben. (mehr …)

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Die türkische Tageszeitung Radikal meldet heute einen Leckerbissen für alle Istanbul-, Krimi- und Ahmet-Ümit-Fans: Der renommierte Autor begibt sich mit LeserInnen, die sich im Verlag Alfa Yayınları zuvor telefonisch anmelden, am 4. Juli 2010 auf „blutige“ Spurensuche an sieben Orten in Istanbul: Hagia Sophia, Çemberlitaş (Konstantinssäule), Topkapı-Palast, Sarayburnu, Yedikule und den Moscheen Fatih Camii und Süleymaniye Camii. Sieben Herrscher, sieben historische Orte, sieben Morde – darum geht es in seinem neuen Buch İstanbul Hatırası (Souvenir aus Istanbul), das vor genau einem Monat bei Alfa Yayınları, Istanbul, erschien – und seither ein Bestseller ist, wie alle Bücher Ümits zuvor auch. Wieder verknüpft Ümit in einer Kriminalerzählung Fakten mit Fiktion, einen Ermittler aus der Gegenwart mit Geschehen in der Vergangenheit. Er ist ein Meister dieses Faches, wie seine zahlreichen türkischen LeserInnen wissen und deutschsprachige LeserInnen es in Patasana (Edition Galata 2009, ebenfalls ein Krimi mit historischen Bezügen) und dem Politkrimi aus dem Geheimdienstmilieu Nacht und Nebel (Unionsverlag, Türkische Bibliothek 2005) ebenfalls erfahren können. Der neue Krimi İstanbul Hatırası bietet überdies tiefe Einblicke und detaillierte Informationen über Istanbul, zugleich Ümits Wahlheimat.

Der literarische Stadtrundgang am Sonntag findet mit einem Essen in der Taverne ihren Abschluss, in der die Romanhelden Hauptkommissar Nevzat und Evgenia sich verliebten.

Es bleibt zu hoffen, dass sich bald ein Verlag im deutschsprachigen Raum findet, der endlich, endlich Ahmet Ümits Werke kontinuierlich auch in deutscher Übersetzung herausgibt.

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Orhan Pamuk, der türkische Literatur-Nobelpreisträger von 2006, schrieb mit seinem im gleichen Jahr auf Deutsch erschienen Buch Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt eine Hommage an seine Heimatstadt am Bosporus, berichtete darin aber auch aus Kindheit und Jugend. Natürlich schrieb Pamuk für Erwachsene. Doch die Idee lag nahe, den berühmten Schriftsteller anhand seiner Kindheitserinnerungen auch jungen LeserInnen vorzustellen. So entstand ein Beitrag für den Bunten Hund, die Zeitschrift für Kinderliteratur im Beltz&GelbergDer Bunte Hund-Verlag. Redaktion und Konzept wurden dort gerade umgekrempelt und 2008 stellte diese einzigartige Literaturzeitschrift für Kinder nach 27 Jahren ihr Erscheinen bedauerlicherweise ganz ein. Der Pamuk-Beitrag fiel unter den Tisch. Aber nun steht er im Netz, mit dem ursprünglichen Text und durch optische Gestaltung bereichert. Ein Ausflug in die Tage, in denen sich die Weichen für den jungen Orhan Pamuk stellten, sicher nicht nur für Kinder. Hier ein Ausschnitt:

Zerzaust und dünn muss der kleine Orhan gewesen sein, als der Koch der Großmutter ihm den Spitznamen „Krähe“ gab, mit dem er dann jahrelang in der Familie gerufen wurde. Die große Familie mit der Großmutter, Onkeln, Tanten und Cousins lebte damals, zu Beginn der 1950er Jahre, im „Pamuk Apartmanı“, einem Pamuk, Istanbul, türkische Ausgabeneu gebauten Wohnhaus mit fünf Stockwerken im Istanbuler Stadtteil Nişantaşı. Orhan wohnte mit den Eltern und seinem Bruder Şevket im vierten Stock. In jeder Etage standen Klaviere, aber Orhan hörte nie, dass jemand darauf spielte …

Kaum hatte er das Alphabet gelernt, sprang in seinem Kopf die  „Lesemaschine“ an: Er las alles und überall, von vorne und von hinten. NEKCUPS NEDOB NED FUA TCHIN zum Beispiel las er auf den Gehwegplatten vor einem Regierungsgebäude, während er von einer Platte zur anderen hüpfte. Am liebsten hätte er gleich auf den Boden gespuckt, aber er fürchtete sich vor den Wachpolizisten vor dem Haus … weiter geht es hier

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Sema Kaygusuz, die junge türkische Autorin vom Schwarzen Meer, die seit 1995 in Istanbul lebt, träumt im Istanbul-Schwerpunkt der aktuellen Lettre International (Ausgabe 88) von zwei großen Männern: Justinian – als junger Offizier zum Tode verurteilt, rettet ihn ein Traum des Herrschers; Jahre später besteigt er selbst den Thron, um die herunterkommende Metropole Konstantinopel noch einmal zum alten Glanz Ostroms zu führen – und Sultan Mehmet II., Fatih, der Eroberer, genannt, seit er, 900 Jahre nach Justinian, die Stadt dem Christentum entriss und zum Zentrum eines neuen Weltreichs machte. Die ambivalente Beziehung zwischen der Stadt und ihren Herrschern, der Stadt und ihren BewohnerInnen fängt die Autorin in ihrem poetischen Essay in Stimmungsbildern aus Vergangenheit und Gegenwart ein. Die Gewässer mit ihren Fischen, die der Stadt den Rhythmus vorgeben, und Vögeln, die im Sommer zu unwürdigen Müllsammlern verkommen, mit Antiquitätengeschäften, Schichten für immer vergangener Existenzen enthüllend, und pulsierendem Leben rund um die Uhr, der unvermeidbare, allgegenwärtige Lärm wie auch rare Augenblicke der Stille, so im Augenblick des Fastenbrechens im Monat Ramadan … Sema Kaygusuz kennt „ihre“ Stadt, empört sich über touristische Degeneration und bedauert, dass für zahllose Geschichten die Zeit noch nicht reif sei. Sie schließt ihren Istanbulreigen mit einer Anekdote über Isidoros, der Mitte des 6. Jahrhunderts die bei einem Erdbeben schwer beschädigte, einzigartige Hagia Sophia restaurierte und dabei eine Botschaft des Erbauers des „Tempels der göttlichen Weisheit“, seines Onkels Isidoros von Milet, entdeckte, einen Beleg für die – zumindest – geistige Verwandtschaft aller großen Baumeister, der gipfelt in der Erwartung der „Vollendung der Evolution“. Eben darauf richtet auch Kaygusuz, selbst aufgewachsen in der mystischen Tradition des Alevitentums, ihre Hoffnung:  „Erwachen ist beständig, Träume sind ewig. Auf Degeneration folgt unweigerlich Rebellion.“

Die poetisch künstlerischen Fotos von Ara Güler stellen die Verbindung her zwischen dem träumerisch lyrischen Essay Sema Kaygusuz’ und den drei weiteren Beiträgen des Schwerpunkts zu der Stadt, die 2010 den Titel europäische Kulturhauptstadt trägt.

Michel Péraldi geht wissenschaftlich exakt vor, indem er zunächst eine Definition des modernen Begriffs global city liefert: Eine Zentrale von Mitteln und Akteuren ökonomischer wie politischer Macht, ein Kaleidoskop vieler Völker, der Kern eines Nervengeflechts aus Zentrum und Satellitenstädten in der Peripherie, eine Metropole, die durch die hier zentrierte Macht die des Staats und damit das Nationalprinzip unterläuft, die schlimmstenfalls von der eigenen Substanz lebt und das Land auffrisst, bestenfalls aber Produktivität, Kreativität und Entwicklung im ganzen Land initiiert. Mit seinen mindestens 12 Mio. Einwohnern ist Istanbul zweifellos eine global city, ein Sammelbecken für Pendler, Händler, Touristen, Durchreisende aller Art. Péraldi sieht in Istanbul im Gegensatz zu manch anderer Megalopolis Chancen, weil die enorme Triebkraft der in Bewegung geratenen Völkerschaften nicht nur zum Kaufen und Verkaufen reiche, sondern lokale Produktionsapparate in Gang setze. Allerdings werde nicht langfristig Vermögen und Unternehmertum aufgebaut, vice versa: Die Verknüpfung von weiträumig agierendem Handel, internationalem Straßenhandel „aus dem Koffer“, und einer weitgehend informellen Industrie sei weniger „Erbauern“ als vielmehr „Abenteurern“ vorbehalten, Hasardeure spekulieren und verspekulieren sich in großem Stil und rasantem Wechsel. Der Staat gebärde sich räuberisch, statt zu stimulieren und zu fördern; migrantische kleinere und mittlere Unternehmen beuten aus statt konstruktiv zu organisieren. „Der ›Pariakapitalismus‹ ist trotz der heftigen Leidenschaften, die er freisetzt, bedauerlicherweise die Sache einer leidenden Menschheit“, klagt Péraldi am Ende seines mahnenden Essays Weltbasar am Bosporus.

Asu Aksoy würdigt in Istanbuls Öffnung die neue „Perspektive der Weltzugewandtheit“ und zunehmend „selbstbewusst, globalisiert und liberal“ erscheinende Gesinnung Istanbuls, „Zentrum des türkischen Fortschritts“ und „Mikrokosmos Anatoliens“ zugleich, die das Land anstiften könnte, die „Überbleibsel seiner Selbstbezüglichkeit“, verantwortlich für Provinzialismus, Isolation und Marginalisierung der Türkei bislang, zu überwinden. Gleichzeitig warnt sie vor sozialen Verwerfungen: In traditionellen Innenstadtquartieren werde Gentrifizierung als Projekt betrieben, die staatliche Wohnbaubehörde TOKI plane, in den nächsten 20 Jahren „die Hälfte der heute bestehenden Gebäude“ abzureißen, ohne gesamtstädtische Agenda und zeitgleich mit einem großflächigen Privatisierungsprozess sei dies bereits in vollem Gang,  wodurch Verdrängungsprozesse ausgelöst würden, die die „Kluft zwischen Privilegierten und Ausgeschlossenen“ weiter wachsen ließe, mit potenziell explosiven Folgen. Die – seit 16 Jahren islamistische – Stadtverwaltung setze massiv auf Umbau und Urbanisierung, um die nach wie vor rasant anwachsende Metropole zu einem „Finanz-, Kultur-, Messe- und Tourismuszentrum“ zu machen (Bürgermeister Kadir Topbaş). Öffentliche Räume werden radikal in kontrollierte kommerzielle Räume umgewandelt, Kultur werde benutzt, um Stadtvisionen und Lifestyle – für die finanzstarke Elite – zu entwickeln und etablieren. Die Öffnung im Großen zieht die Abschottung in geschlossenen Wohngebieten für jene nach sich, die es sich leisten können. Der Rest, das Gros der Bevölkerung, die zunehmend in bediente Elite und dienende Unterschichtsmassen zerfällt, wird ausgegrenzt und verdrängt. Aksoy plädiert für eine „frische Perspektive, die darauf baut, dass ein anderes globales Modell möglich ist“, damit das derzeitige neoliberale Programm nicht in ein „finsteres Szenario“ abgleite.

Musikalisch findet der Istanbul-Exkurs seinen Ausklang mit einem ABC der türkischen Musik von Derya Bengi: Von A wie Arabesk, der türkischen Variante orientalischer Lamentierromantik, über Hiphop à la turca, türkische Kunstmusik und politische Protestsongs bis Z wie Zildjian, der armenischen Familie, die 1623 in Istanbul die Zimbeln („zil“) erfand und seit den 1920er Jahren in den USA mit Becken und Zimbeln aus Serienproduktion den Klang von Jazz und Rock mitgeprägt hat.

„Er ist sehr schön, aber es fehlen noch so viele Dinge“, wird Arabesk-Star Orhan Gencebay zitiert – sein Urteil über Fatih Akıns Film Crossing The Bridge: The Sound of Istanbul gilt auch für das viel zu kurze Istanbul-Special in Lettre 88. Devam! – Fortsetzung wünscht sich die Leserin nach der Lektüre …

Lettre International 88 ist bis Anfang/Mitte Juni noch im Zeitschriftenhandel zu bekommen, anschließend wie auch bereits jetzt über die Website.

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Arch+ 195, Mapping Istanbul

ArchPlus, die Zeitschrift für Architektur und Städtebau, legte anlässlich der Urban Age Konferenz Anfang November 2009 in Istanbul eine Istanbul-Ausgabe vor. Mit Macht drängt es die türkische Architekturszene aus dem jahrzehntelangen Schattendasein auf die internationale Bühne, zunehmende Sichtbarkeit soll nicht zuletzt die Durchführung internationaler Fachtagungen in der Stadt herstellen.

Istanbul wird grün (arch+ Heft 195) bietet ein ebenso buntes wie sachkundiges Panorama der in rasantem Wandel befindlichen Metropolregion am Bosporus: ein historischer Abriss der urbanen Entwicklung; Chancen und Probleme der Gecekondus, einst illegal errichteten informellen Siedlungen, wie auch der Gated Communities, dem pilzartig aus dem Boden schießenden Modell städtischer Festungen; die vielgehassten Müteahhits, private, zudem selbst ernannte Bauunternehmer; Wohnungsbaupolitik à la turca; Probleme in Ausbildung und Berufspraxis türkischer Architekten; Struktur und Wandel öffentlicher Räume; Ansätze zur Lesbarmachung sozialgeografischer Gesichtspunkte anhand von relationalen Karten; ökologische Fragen wie auch neue stadtplanerische Arbeitsweisen, konkret der Parametrismus als neuer internationaler Stil, dazu eine Vielzahl von Fallbeispielen in Zentrum und Peripherie der ausufernden Megalopolis … Grün weist den Essays, Interviews, Berichten als die Farbe des Islam, des Geldes, der Zugänglichkeit, der Natur und der Hoffnung grob die Richtung. Zum Selbstverständnis der Redaktion gehört eine kritische Grundhaltung. Eine Zeitleiste von den byzantinischen Anfängen bis zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 rundet das mit knapp 150 Seiten buchstarke Heft ab.

arch+ 195, Parametrismus

In seinem Beitrag Auf der Suche nach einer zeitgenössischen türkischen Architektur erläutert Ömer Kanıpak, international renommierter Architekt, Gründer des Architekturzentrums „Arkitera“ (2000) und Herausgeber zweier Fachzeitschriften, die mangelnde Präsenz von Architektur in den türkischen Medien und von türkischer Architektur auf internationaler Ebene: In der Türkei selbst werde Architektur nach wie vor „eher als Ingenieurtätigkeit denn als kulturelle Leistung“ verstanden; die Kontrolle des prosperierenden heimischen Bauwesens durch Müteahhits, „private Unternehmer, die sowohl die Aufgaben der Baufirma als auch des Architekten und Investors übernehmen“, behindere massiv die Etablierung qualifizierter, selbstbewusster Architekten und Architekturbüros im Land.

Über eigene Erfahrungen mit den berüchtigten Müteahhits berichtet Hüsnü Yeğenoğlu, Architekt in Amsterdam, in Apartkondu oder warum ich Howard Roark hasse und den Müteahhit liebe. Sein ökonomischer Entwurf für ein 1987 geerbtes Grundstück im Istanbuler Stadtteil Şişli wird von Umständen, Kommissionären und Müteahhits im Laufe von zehn Jahren zu einer Bauruine verhunzt, von den Leuten im Viertel, das in eben diesem Zeitraum von einer informellen Siedlung mit Frei- und Parkflächen zum intensiv bebauten Hochhausquartier mutierte, wegen seiner Monumentalität hämisch „chinesische Mauer“ genannt. Yeğenoğlu, klug genug, sich irgendwann auf das „offene Spiel der Kräfte“ einzulassen, statt auf eigenen Vorstellungen, Entwürfen und Möglichkeiten zu beharren, plädiert zynisch dafür, endlich den „neuen Helden, den korrupten, bauernschlauen Müteahhits“ ein Denkmal zu setzen: „Sie bauen Istanbul.“

arch+ 195, Yegenoglu

Warum die Regierungspartei AKP bei den letzten Kommunalwahlen in einigen Istanbuler Stadtteilen massiv an Stimmen verlor, erklären Ulus Atayurt und Ayşe Çavdar in Die Gecekondus als politische Bewährungsprobe: Von der Armutsrhetorik zur Abrisswirtschaft frappierend: Nicht aus ideologischen Gründen wanderten die WählerInnen ab, „sondern aus Sorge vor dem Abriss ihres Stadtquartiers.“ Denn im Zuge des aktuellen Stadtumbaus wurden bereits über 9000 illegale Bauten abgerissen, um zeitgemäßen urbanen Projekten Raum zu geben. Informelle Siedlungen, Gecekondu (wörtlich: „über Nacht gebaut“, nach der überkommenen Regelung, ein Bau, der bis zum Morgen ein Dach habe, dürfe nicht abgerissen werden), entstanden seit den 1950er Jahren in allen türkischen Großstädten im Zuge der Landflucht, die einsetzte, als unter dem Einfluss des Marshallplans monokulturelle Agrarwirtschaft gefördert wurde statt landwirtschaftlicher Kleinbetriebe. Die Stadtbevölkerung explodierte, der Staat duldete stillschweigend die illegale Bautätigkeit, teilweise sogar auf privatem Grund. Abrisse waren die Ausnahme. Im Laufe der Jahre wurden Gecekondu-Viertel mal mehr mal weniger legal infrastrukturell erschlossen, in den 1970er Jahren im Zuge der starken Arbeiterbewegungen mutierten manche gar zu sozialistischen „Mustervierteln“: „Jeder Familie ein Gecekondu, gerechte Aufteilung der Grundstücke in Abhängigkeit vom jeweiligen Wohnraumbedarf, Entwicklung gesunder Häuser unter Miteinbeziehung linksgerichteter Architekten und Ingenieure, Angleichung  der Beiträge für Gemeinschaftsausgaben und –gebäude.“ Nach dem Militärputsch von 1980 setzte dann parallel zu verstärkter Kontrolle der Gecekondu-Viertel ein Transformationsprozess ein: 1984 erließ Ministerpräsident Özal eine Amnestie, die vormals vernachlässigten bzw. sich selbst überlassenen Quartiere wandelten sich in Rendite-Gebiete. 1984 ist auch das Gründungsjahr von TOKI, der staatlichen Wohnbaubehörde. Sollten zunächst Wohnbaukooperativen unterstützt werden, wurde die Behörde zusehends zum Monopolbetrieb, der heute quasi den Immobilienmarkt des Landes kontrolliert (ausführliche Einzeldarstellungen auch zu diesem Thema finden sich im Heft). Manchen Gecekondu-Erbauern war es gelungen, vom mittellosen Zuwanderer auf illegalem Grund zum Appartement-Besitzer aufzusteigen. „Die politischen Grenzziehungen“, heißt es konsequenterweise in der Rückschau auf die Kommunalwahl vom März 2009, „verlaufen in den Städten parallel zu eigentumsrechtlichen Verteilungsfragen, die sich zur Zeit im Umbruch befinden.“

arch+ 195, Urban Ecopolis

Im Umbruch befinden sich seit Jahrzehnten schon die öffentlichen Räume, die angesichts des nicht nachlassenden Bevölkerungszuwachses, Istanbul hat mittlerweile offiziell 12 Mio. Einwohner, nicht nur knapper werden, sondern zunehmend Umwidmung erfahren. Deniz Güner, Dozent in Izmir und Herausgeber des Architekturführers „Izmir 2005“, geht in seinem Beitrag Wandel der Öffentlichkeit soweit, von Istanbul als einer „Stadt der privaten Küsten“ zu sprechen. Durch eine Vielzahl von Umwandlungs- und Revitalisierungsprojekten stehen die ohnehin begrenzten öffentlichen Räume an den Küstenzonen unter starkem ökonomischem Druck, so dass Parks und Plätze „Stück für Stück ihren öffentlichen Charakter verlieren“. Güner verweist allerdings darauf, dass der Kampf zwischen öffentlichem und privatem Raum keinesfalls neu sei, vielmehr sei er „das Produkt einer Mentalität, die durch seit Jahrhunderten übliche soziale Praktiken im Zusammenhang mit Zugehörigkeits- und Hoheitsgebieten entstand“. Straßen und Plätze wurden seit jeher als „Reserven betrachtet, die sich dem privaten Raum angliedern ließen“ (Güner zitiert Uğur Tanyeli). Um seine These zu untermauern und zugleich den Unterschied der Konzepte von Öffentlichkeit und Privatem in Europa und der Türkei aufzuzeigen, zieht Güner das Beispiel des in der türkischen Gesellschaft traditionell beliebten Picknicks heran (man denke an Konflikte auf Grünflächen auch in mancher deutschen Großstadt in den frühen Jahren der Arbeitsmigration): „Jedes Picknick hat ein territoriales Zentrum. [Dass es sich dabei konkret um eine Wolldecke o.ä. handelt, fiel leider der redaktionellen Bearbeitung des Artikels zum Opfer.] Von ihm aus wird der Raum durch das Knüpfen von Handlungs- und Beziehungsnetzen in Besitz genommen … Damit die Teilnehmer des Picknicks an der Straße ‚imaginäre Häuser’ bauen und dort ein Gefühl des ‚Wir sind unter uns’ schaffen können, müssen sie sich als ‚unsichtbare Masse’ betrachten …“ In Europa basiere die Unterscheidung von öffentlicher und privater Sphäre auf Sichtbarkeit, auf Städte multipler Identitäten wie Istanbul jedoch sei dieses Raumkonzept nicht anwendbar. Für einen adäquaten Diskurs über Istanbul müssten zunächst „Begriffe für eine außerwestliche Moderne gebildet“ werden.

Das mag auch auf die in Istanbul – wie auch manch anderen Millionenstädten weltweit – zur bevorzugten Wohnform der Eliten avancierenden Gated Communities zutreffen. Festung Istanbul. Gated Communities und die sozio-urbane Transformation der Stadt hat Tim Rieniets vom Urban Research Studio an der ETH Zürich seinen Beitrag über die Ausbreitung geschlossener Wohnkomplexe in Istanbul überschrieben (zuvor erschienen in Public Istanbul. Spaces and Spheres of the Urban, Bielefeld 2008). Von den Motiven, die Menschen zum Entschluss für „ein Leben hinter Mauern“ veranlassen – „das Bedürfnis nach Sicherheit, sozialer Homogenität, gehobenem Lebensstandard und gesellschaftlichem Status“ – bis zu einer erstaunlichen Wechselwirkung im sozialen Leben von Stadtteilen, in denen solche „Festungen“ entstehen, reicht sein Fokus. In Istanbul wird mittlerweile „fast jedes“ neue Wohnbauprojekt in Form von Gated Communities geplant, in der Öffentlichkeit finde jedoch noch kein Diskurs darüber statt. Diese neue Wohnform sei nicht nur „Ausdruck für Wohlstand und westlichen Lebensstil“, sondern zugleich ein „Gegenentwurf zur alten und informellen Stadt“. Begegnungen zwischen den ursprünglichen Ortsansässigen und den Community-Bewohnern finden keineswegs im öffentlichen Raum und zufällig statt, sondern im Rahmen eines „hierarchischen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses“: Durch die neuen Wohnkomplexe wächst der Bedarf für den Service-Sektor, gedeckt wird er durch die einem niedrigeren Bildungs- und Lohnsektor angehörende Lokalbevölkerung in Form von Gärtnern, Hausmeistern, Kindermädchen und Sicherheitsbediensteten. Hier finde statt, was als eine Folge von Globalisierungsprozesse längst erkannt sei: die „ungeplante räumlich-ökonomische Symbiose“, die „räumliche Konzentration von Arm und Reich“, die „Entstehung neuer, sozialer, ökonomischer und räumlicher Muster auf lokalem Maßstab“. Soziale Segregation pur? Keineswegs, meint Rieniets: „Die sozialen und wirtschaftlichen Disparitäten bieten beiden Seiten relative Vorteile“: Arbeitskräfte für Dienstleistungen für die Elite, Verdienstmöglichkeiten für die „Dorfbewohner“, die wiederum die Möglichkeit erhalten, in ihr eigenes Lebensumfeld zu investieren und es damit aufzuwerten. Für Istanbul vermerkt Rieniets eine „politisch gewollte“ Transformation zu einem „Dienstleistungszentrum von internationaler Bedeutung“ parallel zur großräumigen Erneuerung erdbebengefährdeter Gebiete. Es werde Inseln geben, an denen beide Seiten von den neuen Exklusivkonzepten profitieren, an anderer Stelle aber werden Bewohner weichen müssen, was Anlass zur Sorge gebe: Hier sei Istanbuls in den vergangenen Jahrzehnten bewiesene „große Fähigkeit zur Integration“ gefährdet.

Was könnte spannender sein, als die Entwicklung einer Metropole aus erster Hand und eigener Anschauung mitzuerleben? Vor der nächsten Istanbul-Reise sei jedem, der die „europäische Kulturhauptstadt 2010“ über den touristisch begrenzten Fokus hinaus kennenlernen möchte, empfohlen, arch+ Nr. 195 zur Hand zu nehmen, darin zu blättern, an Skizzen, Plänen, Bildern hängen zu bleiben und sich immer wieder festzulesen. Im gut sortierten Zeitschriftenhandel steht das Heft noch im Regal und ist ansonsten beim Verlag zu beziehen, auf der Website stehen einige Artikel zum Download bereit.

„Istanbul wird grün“ ARCH+ 195, November 2009, ISSN 0587-3452

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