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Archive for the ‘Veranstaltungen’ Category

Pınar Selek, Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt „Ich habe kein Problem mit Männern, sondern mit Männlichkeit“, erklärt Pınar Selek. Erklären muss die türkische Soziologin in Interviews und auf Veranstaltungen dieser Tage viel: Warum sie als Feministin Studien über Männer anstellt, dazu noch über den Wehrdienst, das „Männlichkeitslabor“ der Nation, warum sie derzeit nicht in die Türkei zurück kann, warum sie im Berliner Exil nun an einem Roman schreibt. In ihrem jüngsten Buch Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt, einer Analyse männlicher Identitäten, berichten 58 Männer von ihren Erfahrungen mit dem in der Türkei obligatorischen Wehrdienst.

Selek, die zu den Gründungsmitgliedern der Istanbuler Frauenkooperative Amargi gehört, greift Themen aus den Brennpunkten der Gesellschaft auf. Als 1996 im Vorfeld zu der Ausstellung HABITAT II brutal gegen Transsexuelle und Transvestiten im Istanbuler Stadtteil Cihangir vorgegangen wurde, nahm sie das zum Anlass für eine Studie über Gewalt gegen Transsexuelle. Der latente türkisch-kurdische Konflikt liegt ihren Artikeln über den Einsatz der türkischen Armee in den Kurdengebieten zugrunde. Dann sah sie, wie der Attentäter, der den armenischen Journalisten Dink ermordet hatte, in Fernsehkameras brüllte: „Pass bloß auf und sei ja vernünftig!“, und stellte sich die Frage, wie aus „einem Kind ein Mörder“ gemacht wird. Die Antwort legt sie mit ihrem jüngsten Buch vor und entlarvt den von Unterwerfung, physischer und psychischer Gewalt geprägten Wehrdienst als jenen Ort, an dem Jungen zu Männern „gebrüht“ werden.

P.E.N. Deutschland verlängerte Seleks Berlin-Stipendium Writers in Exile auf drei Jahre, da eine Rückkehr in ihre Heimat die Autorin akut gefährden würde. Nach einer Explosion im Ägyptischen Basar in Istanbul mit 7 Toten war Selek 1998 als angebliche Attentäterin im Auftrag der kurdischen Arbeiterpartei PKK verhaftet und angeklagt worden. Offensichtlich ein Komplott, denn sie führte zu der Zeit gerade Interviews mit PKK-Angehörigen für eine soziologische Studie durch. Das fast fertige Manuskript wurde beschlagnahmt. Der Prozess endete mit Freispruch, als nicht länger zu leugnen war, dass eine defekte Gasflasche die Explosion ausgelöst hatte. 2009 jedoch kassierte die oberste Instanz den Freispruch. Wieder droht der unbequemen Autorin lebenslange Haft. „Ich musste damit rechnen, für meine Bücher verfolgt zu werden“, äußert Selek im Interview. „Doch ich bin schockiert, als Terroristin verdächtigt zu werden.“

Doch Selek lässt sich nicht mundtot machen. Ganz im Gegenteil. Auch im Exil vertritt sie ihre Thesen und wünscht sich zudem, Antworten ihrer Leser und Leserinnen auf die vielen Fragen zum Thema Männlichkeit auch in Deutschland zu erfahren.

Pınar Selek im Literaturhaus Hamburg

Am Montag, 6.9., war Pınar Selek Gast von Literaturzentrum e.V. und Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg und damit schon zum dritten Mal in Hamburg. Sie plädierte dafür, weder Gender-Problematik getrennt von anderen Themen zu sehen, noch die Wahrnehmung auf eine „ferne Türkei“ zu beschränken und trotz mancher neuer Werte nicht aus den Augen zu verlieren, dass Männlichkeit ein komplexes Bild mit zahlreichen Aspekten auch aus historischer Tradition sei.

Neben den latente Anforderungen an Männer, aktiv zu sein, sich als Besitzer zu gerieren, zu leiten und zu lenken, seinen Besitzstand durchzubringen und zu ernähren, im Extremfall auch mit dem eigenen Leben dafür einzustehen, macht Selek fünf Stufen auf dem Weg zum Mann aus: Beschneidung, Wehrdienst, Arbeitsaufnahme, eine Frau finden und, fünftens, mit dieser Frau mindestens ein Kind, möglichst einen Sohn zu haben. Ein Mann habe sich ständig und überall zu beweisen und werde für seine Männlichkeit ständig zur Rechenschaft gezogen. Hier zeigt sich Männlichkeit als Mechanismus von Macht, die einerseits ausgeübt und andererseits erlitten wird.

Die zwiespältige Situation, als Mann einerseits angespornt zu werden und andererseits Ohrfeigen einstecken zu müssen, erzeuge Angst, könne kaum zu etwas anderem als einer Persönlichkeitsspaltung führen und bringe letztlich Gewalt hervor. Beim Militär, dieser homosozialen, geschlossenen Gemeinschaft, in der es „keine Logik“ gebe, lernt der Mann dann, wem er sich unterzuordnen und wem gegenüber er selbst als der Mächtigere aufzutreten hat. Gewalt lernen Männer allerdings nicht erst beim Militär kennen. Von frühester Kindheit an erleben sie Gewalt als legitim und lernen, sich dazu zu positionieren, sei es durch die Faust oder durch Geld. Beim Militär lernen sie dann hinzu, zu Repression und Provokation von „oben“ zu schweigen, bei der kleinsten Anspielung von „unten“ jedoch das Messer zu ziehen. Selek fragte all die Männer, repräsentativ ausgewählt und von ihr und zwei Freunde interviewt, was die Hauptlehre sei, die sie aus dem Wehrdienst gezogen hätten. „Vernünftig zu sein“, lautete die einhellige Antwort. Also gelernt zu haben, wie man im Leben am besten durchkommt. Für Selek war erschreckend, als Quintessenz diesen Satz zu hören, der sie veranlasst hatte, ihre Studie über männliche Identitäten überhaupt erst anzustellen.

Selek stellte die türkische Gesellschaft auch als eine Gesellschaft der Widersprüche dar. All der Repression und Brutalität zum Trotz gebe es Widerstand. Jede Kritik am Militär sei verboten, ihr Buch aber sei frei erhältlich und die vierte Auflage schon fast wieder ausverkauft. Trotz schärfster Kontrollen und Strafen für Fahnenflüchtige gebe es eine starke antimilitaristische Bewegung, die auch für das Recht auf Wehrdienstverweigerung kämpfe. Auch innerhalb des Militärs flackere immer wieder Widerstand auf, allerdings weniger in großem Stil denn doch meist in kleineren, persönlichen Aktionen. Die meisten versuchten, sich anzupassen. Der zahlreichen Ratschläge zum Trotz, die jeder Wehrpflichtige zuhauf bekomme, sehe jeder vor Ort zu, seinen eigenen Weg zu finden, um durchzukommen.

Auf die Frage nach Veränderungen in den letzten 30 Jahren, nennt Selek in erster Linie den Krieg, der mitten im Land geführt wird. Ihre Studie befasse sich mit dem „normalen“ Wehrdienst, aber es gebe viele Rekruten, die während ihres Wehrdiensts in diesen Krieg geschickt werden und mit traumatischen Erfahrungen zurückkommen. Die Religion des Islam sei indes nicht das Hauptproblem, wie in Deutschland immer wieder unterstellt werde, schlimmer sei die allgemeine Zunahme einer konservativen Geisteshaltung, was allerdings kein türkeispezifisches Problem sei.

Pınar Selek wünscht sich, bald in ihr Land zurückkehren zu können, um vor Ort ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Kampagnen im In- und Ausland unterstützen sie und fordern die Einstellung des erneut gegen sie geführten Verfahrens.

Pınar Selek: Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt. Aus dem Türkischen von Constanze Letsch. Berlin, Orlanda Verlag 2010.

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Gegen das Vergessen

VS-Lesung Antikriegstag 2010 in Hamburg Der VS-Landesverband Hamburg nahm den Antikriegstag am 1. September zum Anlass für eine Lesung gegen den Krieg. Als Gastgeberin erinnerte Pastorin Wiebke Bähnk daran, dass auch die St. Markus-Kirche im Hamburger Stadtteil Hoheluft in ihrer heutigen Form aus den Ruinen der Bombardierung im Juli 1943 neu erstanden sei. Die gemütliche Holzkonstruktion des Dachstuhls sei ein Überbleibsel der Notkirche. Bähnk mahnte, Krieg dürfe kein Mittel der Politik sein, niemals und nirgends, auch nicht in Afghanistan.

Uwe Friesel unterstrich, die Annahme, seit 1945 sei Deutschland nicht mehr nennenswert an Kriegen beteiligt gewesen, sei irrig und las Gedichte und eine Replik auf Wolf Biermann aus früheren Jahren.

Sandro Maier berichtete eindringlich vom Völkermord von Srebrenica 1995, bei dem vor den Augen der Weltöffentlichkeit in der UN-Sicherheitszone über 8000 bosnische Jungen und Männer ermordet wurden. Er stellte auch die Aktion Säule der Schande mit der Sammlung von 16.744 Schuhen in einer Stele in Form der Buchstaben UN vor, zu der mit eigenen Schuhen auch er und Emina Kamber, die Organisatorin des Abends, beigetragen hatten.Pillar of Shame, 16744 shoes for Srebrenica Bilder von der Sammelaktion in Berlin, aufgenommen von Sandro Maier, begleiteten als kleine Ausstellung die Lesung.

Einen sehr persönliche Erzählung über eine Begegnung mit einem Kindersoldaten in Kiwu/Kongo brachte Wolf Cropp zu Gehör und machte Angst als maßgebliche Emotion auf allen Seiten aus. Rund 250.000 Kinder stehen heute weltweit unter Waffen, allein 28.000 davon im Kongo. Junge Menschen, die als Kindersoldaten missbraucht wurden, später in einen normalen Alltag zu integrieren, ist so gut wie unmöglich.

Johanna Renate Wöhlke stellte sich in ihrem Gedicht „Ich bin der Krieg“ satirisch einmal auf die andere Seite. Und Dagmar Seifert las zum Schluss einen Brief aus einer Weihnachtsgeschichte, in dem ein Soldat 1914 froh und selbst überrascht über die spontane Verbrüderung der feindlichen Soldaten an der Front in Flandern nach Hause berichtet.

Den musikalischen Rahmen boten Andreas Buschmann an der Harfe und Emina Kamber mit zwei bosnischen Liedern (s. Foto).

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Eine ungewöhnliche Allianz fand sich am 4. Juni, dem 21. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des „Himmlischen Friedens“ in Peking, in Hamburg zu einer Solidaritätslesung für den chinesischen Autor Liao Yiwu zusammen aus dem 2009 gegründeten Harbour Front Literaturfestival, Literaturhaus Hamburg, dem Kultur- und Theaterzentrum Kampnagel, Thalia Theater, dem kleinen feinen Zusammenschluss aus der Hamburger Literaturszene Macht e.V., bekannt durch das monatliche Literatur-Event Machtclub, und der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“, der es gelang, den Fortbestand des alten Hamburger Gängeviertels zu sichern. Dem Bündnis, das sich die 3-stündige Lesung vierteilte, gelang es, prominente Namen aufzubieten.

Teil I, moderiert von Hans-Juergen Fink, Gastgeber im Namen des Kultur-Ressorts vom Hamburger Abendblatt, wurde von Journalisten und Schauspielerinnen bestritten. Der bekannte TV-Moderator und Autor Ulrich Wickert zitierte Wolf Biermann – die Herrschenden in China hassen Liao, weil sie ihn fürchten –, erzählte von persönlichen Verbindungen nach China und las Adé, du fernes Frankfurt. Liao hatte den Text 2009 geschrieben, nachdem ihm die Ausreise u.a. zur Frankfurter Buchmesse von chinesischer Seite verweigert worden war (SZ v. 14.10.09). Maike Schiller, die als Kultur-Chefin des Abendblatts kürzlich Fink ablöste, las gemeinsam mit der Schauspielerin Franziska Hartmann vom Thalia Theater einen Teil aus dem „Trauermusiker“, dem ersten Interview in Liaos Sammelband Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Den zweiten Teil übernahmen der Journalist und Autor Michael Jürgs und die Thalia-Schauspielerin Karin Neuhäuser, der es gelang, den Text derart lebendig und überzeugend zu präsentieren, dass jede heimische Lektüre dagegen verblasste.

Teil II übernahm Friederike Moldenhauer, Mitinitiatorin und Sprecherin von Macht e.V., mit freien Hamburger Autoren. Stefan Beuse, Benjamin Maack, Michel Abdollahi, Frank Schulz und der Regisseur und Maler Hector Kirschtal lasen nacheinander und leider nicht szenisch den eindringlichen Bericht „Die Familie eines Opfers vom 4. Juni“, ebenfalls aus Fräulein Hallo. Dem Autor und Musiker Benjamin Maack ist zu danken, dass er als einziger, und sei es nur kurz, die Ironie der Location thematisierte: Ausgerechnet in der Axel-Springer-Passage, dem Bauch gewissermaßen der Zentrale des Springer-Konzerns fand die Lesung statt. Es mag auch dieser Örtlichkeit geschuldet sein, dass die Veranstaltung nicht wirklich gut besucht war, denn wer aus der alternativen Szene, die sich die Solidarität mit Liao zu eigen machen könnte, besucht schon eine Veranstaltung bei Springer?

Umso begrüßenswerter war die Beteiligung der Initiative „Komm in die Gänge“ in Person der Sprecherin Christine Ebeling und der Künstlerin Rita Kohel. Erst durch die Instandbesetzung von Seiten einer größeren Gruppe von Kreativen konnte das traditionelle, wenn auch heruntergekommene Gängeviertel 2009 aus den Händen eines Immobilieninvestors, der den Abriss plante, gerettet werden. Der Initiative gelang es, die Stadt zu veranlassen, den bereits abgeschlossenen Verkauf an den niederländischen Investor rückgängig zu machen und den Erhalt des Viertels im Herzen der Stadt und zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zur Springer-Zentrale sicherzustellen. Ebeling verlas eine Solidaritätserklärung und lud Liao Yiwu anlässlich des für den Herbst geplanten Hamburgbesuchs, soweit er nicht erneut von chinesischer Seite an der Ausreise gehindert wird, auch ins Gängeviertel ein. Anschließend brachte sie Liaos offenen Brief vom 09.02.2010 an Kanzlerin Merkel zu Gehör. Liao bat Merkel darum, ihre Verbindungen einzusetzen und auf seine Ausreise hinzuwirken, damit er zur lit.COLOGNE 2010 reisen könne. In letzter Minute wurde Liao dennoch in China aus dem Flugzeug geholt. Rita Kohel las Einsame Seelen, wilde Geister, den offenen Brief, den Liao daraufhin seinen deutschen LeserInnen schrieb, eine lyrische Schilderung, wie er im Gefängnis lernte, die Bambusflöte zu spielen.

Der vierte und letzte Teil wurde vom Literaturhaus bestritten. Hans-Juergen Fink vom Abendblatt und Pastor Frank Engelbrecht lasen szenisch eindrucksvoll Liaos Interview mit dem Bankdirektor, der zum „Konterrevolutionär“ wurde, als er aufschrieb und verbreitete, was er mit eigenen Augen am 4. Juni 1989 aus dem Hotelfenster in Peking beobachtet hatte. Fink beschloss den Abend mit dem Brecht-Zitat: „Weil es so ist, bleibt es nicht so“ und äußerte seine Hoffnung, dass Liao im Herbst der Einladung von Harbour Front Literaturfestival Hamburg und Hamburger Abendblatt folgen könne und sich bei der dann anberaumten Lesung das Publikum zahlreicher einfinde (im bereits gedruckt vorliegenden Programm des Festivals findet sich allerdings kein Hinweis auf Liao).

Im Aufruf zur weltweiten Solidaritätslesung für Liao vom ILB ging es um die Erinnerung an das Massaker vom Tian’anmen-Platz 1989, um die Solidarität mit dem in seiner Heimat unter schwierigsten Bedingungen lebenden Autor Liao, eine kurze Einführung zum Thema hatte Nikolaus Broschek von Human Rights Watch zu Beginn gegeben. Nicht zuletzt sollte Liaos Werk einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Ob Letzteres gelungen ist, ist zumindest für die Hamburger Lesung trotz des prominenten Aufgebots von Veranstalterseite fraglich. Es bleibt zu hoffen, dass Liao Yiwu in nächster Zukunft selbst vor Ort sein kann, um für sich und viele andere in China verfemte Schriftsteller und Intellektuelle zu sprechen.

PS: Liaos Poem „Massaker“, aufgrunddessen er 1990 verurteilt wurde, hat Karin Betz für litprom und die Frankfurter Solidaritätslesung nun auch ins Deutsche übersetzt, in den LiteraturNachrichten von litprom ist es bereits abgedruckt und kann dort in einigen Wochen im Archiv auch online abgerufen werden.

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Babelfish, Adams’ Original wie auch der Yahoo-Übersetzungsdienst, rahmte die Diskussion zum Thema literarisches Übersetzen ein, zu der Christoph Bungartz vom NDR am 26.05.2010 ins Hamburger KörberForum unter dem Titel „Sprachkünstler“ die ÜbersetzerInnen Ursula Gräfe und Hinrich Schmidt-Henkel sowie den renommierten Literaturkritiker Denis Scheck geladen hatte. Tage vorher war die Veranstaltung bereits ausgebucht. Fachpublikum mischte sich mit interessierten Laien, wie stets im KörberForum.

Körberforum, Sprachkünstler-Plakat Immerhin werden Übersetzer mittlerweile auf dem Innenumschlag genannt, nur bei Hörbüchern fallen sie, ohne die der Text gar nicht in deutscher Sprache vorläge, meist unter den Tisch. Eine Übersetzungskritik will Schmidt-Henkel nicht fordern, aber doch, dass zumindest das Übersetzt-Sein eines besprochenen Buches nicht unerwähnt bleibe. Scheck, der vor Jahren selbst als Übersetzer anfing und bekannt dafür ist, stets auch Übersetzer prominent mit einzubeziehen und dies auch von seinen Redakteuren zu verlangen, postuliert, ein Kritiker, der keine Übersetzungskritik leisten könne, sei doch überhaupt unfähig, sprachliche Fähigkeiten zu beurteilen. Der alte Reich-Ranicki-Spruch „Übersetzerfragen sorgen nur für Streit“ bietet Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen. Gräfe, die aus dem Englischen und Japanischen übersetzt, und Schmidt-Henkel, der es gleich mit Französisch, Norwegisch und Italienisch aufnimmt, berichten über ihre Anfänge: Bei Gräfe eher zufällig noch während des Studiums und Schmidt-Henkel, der, wie Gräfe auch, schon an der Uni Übersetzungskurse besuchte, formulierte, es käme wohl zum Übersetzen, wenn in früher Jugend die Faszination am Sprachenlernen mit der am Lesen zusammenfalle, mit 27 habe er dann realisiert, dass Übersetzen ein Beruf sei. Übersetzerstammtische und –verbände bilden wichtige Gegengewichte zu der meist recht einsamen Arbeit am Schreibtisch. Zugleich gehe nichts über den wiederholten Aufenthalt im Land der übersetzten Sprache/n, Gräfe sieht durch häufige ausgedehnte Reisen, die ihr als Freiberuflerin möglich und nötig seien, gar den Ruf des Arbeitens im „stillen Kämmerlein“ Lügen gestraft. Auch sei das Internet zwar eine Hilfe, aber längst nicht ausreichend bei all dem Sprachmaterial, das sich nicht im Wörterbuch finde. „Lexikographisch nicht erfasste Valenzen“ löse man nur durch Zeitungslektüre oder Aufenthalte im Land, formuliert Experte Scheck, der sich erinnert, in der Jugend auf der Suche nach Markennamen fürs Übersetzen durch amerikanische Supermärkte „gerobbt“ zu sein.

Was nun macht eine „gute Übersetzung“ aus? Dasselbe wie einen guten Originaltext auch. Wenn man einem Text die Übersetzung nicht anmerke, stilistisch in erster Linie. Schmidt-Henkel plädiert für die „eigene Stimme des Übersetzers“, die erkennbar bleiben müsse, auch wenn er sie immer anderen Autoren leihe. „Wenn die Sprache eines Buchs gelungen ist, dann hat der Übersetzer seine Arbeit gut gemacht. Nicht, wenn er unsichtbar ist“, bringt es die in der Einführung des Abends zitierte Isabell Bogdan in einer ihrer wunderbaren Kolumnen auf den Punkt. Gräfe tritt mit Nachdruck dafür ein, gegebenenfalls neue Wörter ins Deutsche einzuführen. Sie bevorzuge zwar die Arbeit mit Glossaren, mancher Verlag sehe das aber nicht gern. Scheck erinnert daran, dass unsere deutsche Sprache selbst auf eine große Übersetzungsleistung – Luthers Bibelübersetzung – zurückgehe, allerdings seien nicht alle Kulturen schon immer vom Segen des Übersetzens überzeugt gewesen: Im klassischen Griechenland etwa sei gar nicht übersetzt worden. Die Übersetzung, längst als eigenständiges Werk nach Urheberrecht anerkannt, sei, so Schmidt-Henkel, zugleich „letzte Gelegenheit, das Original zu verbessern“, was mancher Verlag implizit auch fordere.

v.l. Denis Scheck, Ursula Gräfe, Hinrich Schmidt-Henkel, Christoph Bungarts (Foto: Jann Wilken)

"Sprachkünstler" (Foto: Jann Wilken)

Während Gräfe die zu übersetzenden Charaktere mit Bekannten vergleiche und ihnen dann deren Duktus gebe, sprach Schmidt-Henkel aus, was wohl alle Schreibenden kennen: Manchmal muss man aufstehen, herumlaufen, damit aus der Bewegung heraus das Wort, der Satz, die Formulierung komme. Mehrfach wird die Russisch-Übersetzerin Swetlana Geier zitiert an diesem Abend. „Nase hoch“ lautet ihr Motto, man übersetze nicht Wörter, sondern Texte und: Die Übersetzerin dürfe sich nicht gleich einer Raupe durch den Text fressen, sondern sollte wie ein Vogel leicht darüber fliegen.

In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des VdÜ prangert Schmidt-Henkel die schlechten finanziellen Bedingungen von hauptberuflichen LiteraturübersetzerInnen an: Nach Normseiten (30 Zeilen à 60 Anschläge) bezahlt, muss ein Übersetzer mindestens 100 Seiten im Monat schaffen, um einen Umsatz von rund € 2000 zu machen – wobei hier schon ein Spitzensatz von € 20,00 pro Normseite veranschlagt sei. Das Nettoeinkommen beläuft sich dann etwa auf die Hälfte, wie bei anderen Freiberuflern auch. Realistisch aber seien bei anspruchsvoller Literatur oft nicht mehr als 60 Seiten im Monat, bei gut 8 Stunden Übersetzungsarbeit täglich, wobei Zeit für Recherche, Verwaltung usw. noch unberücksichtigt sei. Scheck sieht sich bemüßigt, Partei für die Verlage zu ergreifen: Es sei keinesfalls so, dass diese auf dem Geld säßen und es den Übersetzern vorenthielten. Schmidt-Henkel bestätigt das unter Vorbehalt. Hätten Verlage früher durchweg 40% vom Ladenpreis eines Buches einstreichen können, seien es heute selten mehr als 30. Schon 1€ mehr pro Buch mache da für alle etwas aus. Doch während er für steigende Buchpreise plädiert, sieht Scheck die Lösung in einem dritten Weg: Übersetzer müssten zunehmend sichtbar werden. Übersetzen sei ein spannendes Handwerk, vielleicht kein „Zuschauersport“, aber man könne doch mit dem Thema Säle füllen – so könnten ÜbersetzerInnen sich ihr Auskommen verdienen „wie ein guter deutschsprachiger Schriftsteller auch“ (denn entgegen landläufiger Meinung „leben“ die wenigsten Autoren von ihren Buchtantiemen, sondern verdienen an Lesungen und Preisen). Auch wenn es eine gerichtliche Empfehlung an Verlage gibt, ab dem 5001. verkauften Exemplar Übersetzer mit 0,4% am Ladenpreis zu beteiligen, wie Moderator Bungartz einwirft, ist eine solche Regelung bisher nicht verbindlich durchgesetzt. Scheck ergänzt, dass in den letzten 20 Jahren Übersetzerhonorare nicht gestiegen sind, was bedeutet, sie sind aufgrund der Inflation real gesunken. Nebenbei Taxi zu fahren, ist für ÜbersetzerInnen aber unrealistisch, da Verlage hoch professionelle Arbeit in vorgegebenen Zeiträumen verlangen, stellt Schmidt-Henkel klar, der durchaus noch Spielraum bei den Verlagen sieht, da diese ja auch die in den vergangenen Jahren gestiegenen Papierpreise ohne großen Aufschrei bezahlten.

In der Fragerunde am Schluss rückt Schmidt-Henkel noch das Vorurteil zurecht, Originale alterten nicht: Sie scheinen nur deshalb nicht zu altern, weil sie immer wieder neu übersetzt würden. Beide ÜbersetzerInnen verneinen, sich stark nach dem Klang und Rhythmus der Ausgangssprache richten zu können. Gräfe meint, es komme auf die Visualisierung der Szenik an und man müsse sich den Stil des Autors vergegenwärtigen. Schmidt-Henkel bringt zu guter Letzt noch die griffige Devise, für einen guten Übersetzer gelte es, „zu schreiben wie der Autor mit den Mitteln der eigenen Sprache“.

Statt einer Pause gab es in der Mitte Kostproben aus Werken der beiden ÜbersetzerInnen. Schmidt-Henkel stellte einen norwegischen Autor vor und Gräfe hatte das noch unredigierte Manuskript des im Herbst erscheinenden neuen Haruki Murakami mitgebracht. Ein kurzes Anlesen in der jeweiligen Originalsprache verlieh dem informativen Abend einen Hauch von Exotik, wie er für „Sprachkünstler“ Alltag ist.

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Zurück zur Natur wollte vor Jahren die bekannte türkische Autorin Latife Tekin, die neun war, als ihre Familie im Zuge der massenhaften Landflucht in die Großstadt migrierte. Als erfolgreiche Literatin und verantwortungsbewusste Mutter fand sie den Kompromiss in einem Dorf bei Bodrum, dem FirstClass-Ferienort an der Ägäis. Mit dem Ortswechsel wandelten sich ihre Themen. Schilderte sie in ihrem Frühwerk vorrangig Binnenmigration und Entwicklung der explodierenden Gecekondus, irregulär errichteter Vorstadtsiedlungen, schrieb sie als politisch bewusste Autorin eine Zeitlang hauptsächlich „politische Träume“ und ist heute bei einer Art öko-utopischer Prosa angekommen.

In einer Lesung am 17. Mai 2010 im Arbeitsbereich Turkologie der Uni Hamburg bot Tekin, eine der wichtigsten weiblichen Stimmen der Post-1980er-Strömung und Meisterin des magischen Realismus, einen Querschnitt aus ihrem Werk, ideal zum Kennenlernen, und stellte zugleich die Umweltstiftung Akademie Gümüşlük in Bodrum vor, deren langjährige Vorsitzende sie ist. In deutscher Sprache liegt von ihren mittlerweile acht Romanen und weiteren Erzählbänden bisher nur ihr furioser zweiter Roman von 1985 vor: Der Honigberg (Org.Titel: Berci Kristin Çöp Masalları, aus dem Türk. v. Harald Schüler, Unionsverlag). Aus Latife Tekin, Der Honigbergdiesem Konglomerat von Geschichten aus und über das Leben in den Gecekondus, die mehr sind als Slums aber sehr viel weniger als Vorstadtidylle, las Tekin gemeinsam mit Maren Fittschen von der Hamburger Turkologie zu Beginn den Bericht des Glücksspielers Lado und seiner vier Ehen. Fittschen besorgte auch die Moderation des Abends, Jun. Prof. Catharina Dufft gab eine Einführung zur Person und Tevfik Turan dolmetschte in bewährter Weise. Dem Team der Hamburger Turkologie sei Dank dafür, eine so wichtige Autorin aus dem rein türkischen Umfeld von Generalkonsulat und türkischer Gemeinde, wo bereits am Vortag eine Lesung mit ihr stattgefunden hatte, geholt und einem breiteren Publikum präsentiert zu haben.

Auf das Frühwerk, geprägt laut Tekin vom Fehlen personaler Helden und dramatischer Handlung, folgte ein Ausschnitt aus Unutma Bahçesi (Der Garten des Vergessens), die gelesenen Ausschnitte hatte exklusiv für die Veranstaltung Tevfik Turan übersetzt, ebenso die Kurzgeschichte am Schluss. Unutma Bahçesi (2004) ist laut Autorin „eine Zusammenkunft des Denkens mit der Latife Tekin, Unutma Bahçesi Natur“ und eine Hommage an Vergessen und Erinnern. „Erinnerungen mehren sich, je mehr man vergisst“, heißt es im Prolog. Hier verarbeitete die Autorin Erfahrungen und Gedanken aus ihrer Zeit bei der Stiftung Gümüşlük Akademisi, gegründet von einem türkischen Remigranten, der als Ingenieur in der deutschen Atomindustrie gearbeitet hatte und hier das Gegenteil umsetzen und zugleich an antike griechische Akademien anknüpfen wollte. Tekin richtete dort zunächst eine Abteilung für Literatur ein, sah sich aber bald schon umfassend engagiert. „Utopien und Anti-Utopien“ zugleich seien die so entstandenen Texte.

Rüyalar ve Uyanışlar Defteri (Schreibheft des Träumens und Erwachens) Tekins jüngstes Buch von 2009, ist ein Sammelband mit „Träumen“ und Erzählungen aus den letzten Jahren. Die Autorin verriet, dass sie stets Heft und Stift mit ans Bett nehme, um Fetzen und Gedanken aus Träumen unmittelbar festhalten zu können. „Alles, was ich über das Leben weiß, habe ich in Träumen erfahren“, sagte schon Emin, Protagonist eines ihrer früheren Romane. Sie selbst bedauert allerdings, das Gros ihrer Träume zu vergessen. Traumsprache sei eine ideale Form auch politischer Diskurse, für die herkömmliche Sprache nicht ausreiche.  Als Träume und mit einer guten Portion Humor formuliert Tekin politische Fantasien: der Putsch-General von 1980, Kenan Evren, etwa wird auf dem im Traum in ein Gericht verwandelten Flughafen von Ankara verurteilt (enthalten in Muinar von 2006); Kanzlerin Merkel fordert Tekin zum Duell und verlangt Zugeständnisse auf türkischem Territorium … Träume seien amüsant zu lesen, kämen gut an, machten beim Schreiben Spaß und man könne in ihnen alles Mögliche zur Sprache bringen. „Nur so ist das Leben in der Türkei zu ertragen“, verkündet Tekin lächelnd, während in der ersten Reihe im Publikum vor ihr der türkische Generalkonsul mit Gefolge sitzt. Gelesen wird aus diesem traumhaften Buch allerdings kein Traum, sondern die Erzählung Beyaz Ağaç (Der Latife Tekin, Rüyalar ve Uyanışlar Defteriweiße Baum), eine Art Kindheitserinnerung, in der die Schwestern Tekin erfüllt sind vom Spiel mit Steinen und alles, was springt, hüpft, fliegt, auch stürmische Menschen, den „Froschblick“ haben.

Tekin outete sich als Sympathisantin eines Öko-Feminismus und wird anschließend mit der Frage konfrontiert, ob es denn auch einen Öko-Machismo gebe. Ja, meint sie, offenbar seien die Empfindungen von Frauen andere als die von Männern, wenn es um Themen wie erneuerbare Energien gehe, „Frauen geht es darum, Energieverbrauch zu reduzieren, Männern eher um neue technische Formen“. Die Welt empfinde sie mit anderen Frauen als „weibliches Wesen“, während Männer eher eine Art pornographisches, von Gewalt, Hauen und Stechen geprägtes Verhältnis zur Welt hätten. Ihr Schreiben sei auch eine Zivilisationskritik, denn erst im Laufe zunehmender „Zivilisierung“ habe der Mensch das „Licht“ verloren, in dem er in früheren Zeiten geborgen gewesen sei. Diese verloren gegangene Harmonie sei nur in der Liebe wiederzufinden, nur Liebende strahlten Licht ab wie auch Kinder und seien in seinem Schein glücklich. Habe Tekin als junge Autorin noch gemeint, schreibend die Welt verändern zu können, und entsprechend unbedarft drauflos geschrieben, sei ihr inzwischen doch die Unschuld abhanden gekommen. Ernst nehme sie das Schreiben allerdings auch heute noch nicht. Zum Schluss bringt sie die Metapher einer Papiertröte mit dem Wunsch, jeder möge das Glück haben, sich zweimal im Leben zu verlieben: Beim ersten Mal in der Jugend entfalte man sich in die Welt hinaus, blase gleichsam in die sich entrollende Tröte, beim zweiten Mal in reiferen Tagen rolle die Tröte sich wieder ein, das in die Welt „Hinausposaunte“ kehre als reicher Schatz zu einem zurück. Am Ende blieb das Gefühl, die 1957 in der Provinz Kayseri geborene Autorin Tekin sei reifer geworden, abgeklärter, fähiger und williger, das Ganze im Blick zu haben; literarisch aber bleiben ihre frühen Werke unerreicht.

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Go Turkish Library!

Go Turkey lautet das Dauermotto des Reiselands Türkei, das auf der Internationalen Tourismusmesse ITB in Berlin vom 10.-14. März 2010 Partnerland war. Nicht zuletzt aus diesem Anlass wurde in diesem Jahr die Türkische Bibliothek von Unionsverlag und Robert Bosch Stiftung mit dem ITB-BuchAward (die offizielle Bezeichnung ist tatsächlich ein solcher Denglisch-Zwitter!) in der Sparte Literarisches Reisebuch ausgezeichnet. „Die Auseinandersetzung mit türkischer Literatur ermöglicht deutschen Jugendlichen und Erwachsenen – darunter auch etliche mit türkischem Familienhintergrund – eine vorurteilsfreie und einfühlsame Annäherung an die Kultur und Lebenswelt in der Türkei“, heißt es im Votum der Jury.

Als Preisträgerin war die Türkische Bibliothek mit einem eigenen Stand auf der ITB vertreten. Hier wurden die von der Stiftung Lesen gestaltete Ausstellung und von Verlagsseite die bisher erschienenen 17 Bände der Türkischen Bibliothek präsentiert. Eine Oase der Literatur im lärmenden Betrieb der Reisemesse, die sich „The World’s Leading Travel Trade Show“ nennt, wobei die beiden letzten Worte das eigentliche Motto sind: Business und Show.

Umso erfreulicher, dass sich doch so manche/r am Stand der Türkischen Bibliothek einfand und Interesse an der Literatur bekundete. Einige beließen es bei einem kurzen Blick auf Prospekte und Büchertisch, andere nahmen sich Zeit für die Ausstellung, blätterten ausgiebig in einzelne Bände hinein und stellten den Stand-Betreuerinnen etliche Fragen. Darunter so interessierte wie die nach Unterrichtsmaterialien (die im Verlag an der Ruhr vorliegen), nach einzelnen AutorInnen, aber natürlich auch ganz lebenspraktische, z.B. wo man in Berlin am besten Türkisch lernen könne, warum denn keine Kochbücher in der Reihe erscheinen …

In der Preisverleihung am 12. März ging die Türkische Bibliothek in der Menge gepriesener Bücher, Verlage und AutorInnen fast unter. 15 Minuten Laudatio für 13 ausgezeichnete Werke sprechen für sich. Dass eine türkische Folklore-Gruppe aus Stuttgart mit Schwarzmeertänzen ihre „einstimmenden“ fünf Minuten zudem auf rund das Vierfache ausdehnen durfte, mag ein Hinweis dafür sein, welcher Stellenwert der Literatur auf der ITB tatsächlich zukam.

Am 13. März konnte die Türkische Bibliothek sich zudem in der Culture Lounge mit einer Lesung präsentieren. Es sollte die Anthologie Von Istanbul nach Hakkari. Eine Rundreise in Geschichten (2005) sein, die hier als unmittelbar reisetauglicher Band eingehender vorgestellt wurde. Nach einer Filmpräsentation über Panoramagemälde in Dresden und Leipzig und vor einer koreanischen Teezeremonie … In einem solchen Umfeld kann in einer knappen Stunde  einem Publikum, das zumeist weniger der Literatur als vielmehr um der Möglichkeit zum Verschnaufen halber kommt, nur ein Fächer von Appetizern, von Teasern gewissermaßen geboten werden. So hatte ich es in der Mehrzahl mit einem Laufpublikum zu tun, das 10-20 Minuten blieb, wenn es ihm gefiel, oder gegenteiligen Falls auch nach 2-3 Minuten schon sich wieder in den Rausch des Prospektesammelns stürzte.

Das Interesse an der Projektpräsentation hielt sich in Grenzen, den vier ausgewählten Texten aber gelang es stets aufs Neue, HörerInnen für eine Weile in den Bann zu ziehen. Und der Stapel ausgelegter Prospekte war am Ende der Lesung verschwunden. Mancher war doch neugierig geworden.

Ob ein literarisches Angebot auf einer Tourismusshow wirklich Sinn macht, bleibt fraglich. Doch wenn nur zehn oder fünfzehn der Vielen, die einen Prospekt der Türkischen Bibliothek mitnahmen, durch diese Präsentation aufmerksam geworden sind auf das Projekt, die Idee weitertragen, den einen oder anderen Band lesen – und sei es anlässlich der nächsten Türkei-Reise – und damit neue Einblicke in die türkische Kultur und Literatur bekommen, dann hat sich der Aufwand gelohnt.

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Ein Großaufgebot wichtiger Stimmen der zeitgenössischen türkischen Literatur kam am 30.11. und 1.12.09 im Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg zusammen: Sechs AutorInnen, ein Kulturjournalist und eine Verlegerin aus Istanbul, zwei deutsche Autoren mit türkischem Hintergrund, eine deutsche Autorin mit Türkei-Erfahrung, dazu eine Reihe VertreterInnen der deutschsprachigen Kultur- und Verlagsszene, die sich um die Vermittlung türkischer Literatur hierzulande bemühen.

Auf Initiative der Leiterin des Istanbuler Goethe-Instituts, Claudia Hahn-Raabe, und Verena Noltes vom Zusammenschluss der deutschsprachigen Literaturhäuser Literaturhaus.net, beide auch als kompetente Podiumsleitung selbst im Einsatz, behandelten Fachleute auf dem für beide Vormittage angesetzten Symposium Zwischen zwei Welten in fünf Podien Themen wie Zeitgenössische türkische Literatur, Literatur aus der Türkei auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und im Austausch mit deutschsprachigen Literatureinrichtungen, Fragen der Übersetzung und interkulturelle Literatur deutschtürkischer Autoren. Abends lasen die AutorInnen Müge İplikçi, Murat Uyurkulak, Şebnem İşigüzel, Mario Levi, Petra Morsbach, Zafer Şenocak, Sema Kaygusuz, Ayfer Tunç und Nevfel Cumart aus ihren Werken. Die türkischen Gäste repräsentierten eine junge Generation von Literaten, die das jahrzehntelange lähmende Schweigen in der Türkei seit Ende der 1990er Jahre entschlossen und ebenso beredt wie niveauvoll brechen.

Der Kulturjournalist Cem Erciyes von der renommierten Istanbuler Tageszeitung Radikal wies auf die massive Zunahme von Romanpublikationen auf dem türkischen Buchmarkt nach 2000 hin, bedauerte aber, dass es nach wie vor an qualifizierten ÜbersetzerInnen mangele, weshalb die ebenso umfangreiche wie niveauvolle zeitgenössische türkische Literatur nach wie vor unzureichend in westlichen Sprachen zugänglich sei. Erst mit dem Übersetzungsförderungsprojekt TEDA des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums von 2005 sei Bewegung in die Sache gekommen. Obwohl mittlerweile zu unterschiedlichsten Themen offen geschrieben werde, bedauerten viele Kritiker in der Türkei, dass Themen wie der Militärputsch von 1980 und der Kurdenkonflikt nach wie vor unzureichend bearbeitet seien.

Nach einer guten Medienpräsenz aufgrund des Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2008 weisen die Reaktionen bei Medien und Leserschaft 2009 einen Fächer von freundlichem Desinteresse bis hin zu Berührungsängsten auf, merkte Monika Carbe, Literaturübersetzerin und Rezensentin, in ihrem Referat an. Allerdings sei das wohlwollende Schulterklopfen in deutschen Feuilletons endlich ernsthafter Literaturkritik gewichen. Carbes Auffassung, insbesondere die zweite Einwanderergeneration habe großen Lesehunger und enormes Interesse an türkischer Literatur in deutscher Sprache, stieß allerdings auf Skepsis.

So meinte der Züricher Verleger Lucien Leitess vom Unionsverlag, in dem seit 2005 die auf 20 Bände angelegte Türkische Bibliothek mit bislang unübersetzten Meilensteinen der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint, die zweite und dritte Migrantengeneration müsse erst noch zur Leserschaft werden. Zugleich unterstrich auch er die Bedeutung qualifizierter Übersetzungen und berichtete von Projekten zur Förderung von ÜbersetzerInnen im Rahmen der Türkischen Bibliothek. Kaum ein anderes Projekt arbeite derart textintensiv im Dialog zwischen HerausgeberInnen, Lektorat und ÜbersetzerInnen. Inzwischen liege eine Vielzahl guter Übersetzungen vor, die Leserschaft sei allerdings nach wie vor dünn gesät. Leitess zeichnete die Rezeption türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum und damit auch die Übersetzungstätigkeit anhand politischer Großwetterlagen nach. Während 1960 die erste Übersetzung von Yaşar Kemals Memed mein Falke mit großem Publikumserfolg herauskam, wandelte sich die Lage mit der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei 1961 und dem Eintreffen der ersten „Gastarbeiter“. Türkische Literatur rückte hierzulande an den Rand der Publizistik, die Motivation der wenigen Literaturförderer war größer als der Markt. Schnell und schmerzlich erfuhren engagierte Verlage, dass persönliche Beziehungen zu türkischen MitbürgerInnen noch lange nicht zum Interesse an türkischer Literatur führen. Lange wurde türkische Literatur nicht im Feuilleton, sondern von Auslandsredaktionen behandelt. In diesem Zusammenhang stellte Leitess auch das Motto der Tagung in Frage. Zwischen zwei Welten passe doch eher zur Geisteshaltung der 70er Jahre. Abgründe dieser Art hätten nicht länger Bestand, auch der Brücken bedürfe es kaum noch, denn heute bestimmten das Verhältnis der Literaturen in erster Linie Parallelitäten und Gleichzeitigkeiten. Der türkische Buchmarkt verzeichne als einer der wenigen weltweit noch Zuwächse.

Die Wende für die Rezeption zeitgenössischer türkischer Literatur kam in drei großen Schritten: 1997 erhielt Yaşar Kemal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 2006 Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis und 2008 war die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Mit einem Augenzwinkern verwies auch Leitess auf das türkische Übersetzungsförderungsprogramm TEDA, dort sei möglicherweise etwas zu lernen, denn statt AutorInnen in die Welt auszusenden, lade das Ministerium Medienvertreter freigebig ins Land ein, um vor Ort zu repräsentieren.

Die türkische Verlegerin Müge Gürsoy Sökmen von Metis, einem der renommiertesten und engagiertesten türkischen Verlage, von Leitess ob ihres vergleichbaren Ansatzes als seine Zwillingsschwester in Istanbul bezeichnet, berichtete von einem Paradigmenwechsel: 2008 seien türkische Verlage erstmals auf Augenhöhe an Verlage aus aller Welt herangetreten, um Rechte zu verkaufen, während in all den Jahren zuvor der Schwerpunkt auf dem Einkauf von Rechten für Übersetzungen ins Türkische gelegen habe. Die Türkei ist heute eines der Länder mit der größten Anzahl unabhängiger Verlage. Auf einem Übersetungssymposium im Mai 2009 in Istanbul war deutlich geworden, dass zwar alle Lektorate und Verlage „literarische Kriterien“ in den Vordergrund stellten, wenn es um Publikationsentscheidungen gehe. Zur Beurteilung der Qualität türkischer Originale bestünden jedoch kaum Kapazitäten, da werde auf Bücher und Autoren zurückgegriffen, die bereits auf Englisch erschienen seien. Gürsoy zitierte zwei Umfragen der Literaturzeitschrift Notos über die „40 türkischen AutorInnen, die das vergangene Jahrhundert prägten“, und über die „Meister der Zukunft“. Zum eigenen Erstaunen stellte sie fest, dass rund 50% der genannten AutorInnen bereits in deutscher Übersetzung vorliegen. Gürsoy bedauerte allerdings, kaum die Chance zu bekommen, AutorInnen aus verschiedenen Ländern mit einem gemeinsamen Thema präsentieren zu können.

Als leidgeprüfte Verlegerin führte Gürsoy anschließend das leidige Cover-Thema vor: Ein Buch wie Murathan Mungans Tschador, das im Original mit einem minimalistischen abstrakten Cover erschien, wurde in Übersetzungen zum Teil stark orientalisiert. So präsentiert die italienische Ausgabe klischeehaft eine schwarz verhüllte Frau. Die Präsentation von Literatur habe doch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Rezeption, Akzeptanz und Image bei der Leserschaft. Insgesamt aber scheine ihr die übermäßige Exotisierung auf dem literarischen Markt im Westen endlich überwunden.

Es schloss sich die Frage nach der Präsenz im deutschsprachigen Feuilleton an. „Ab dem 51. Buch wird es schwierig, Rezensionen unterzubringen“, äußerte Verleger Leitess, nicht pro Verlag, sondern von der Bestsellerliste. Bettina Berns von der Robert Bosch Stiftung, die sich maßgeblich um die Förderung türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum kümmert und u.a. auch hinter dieser Tagung stand, berichtete, die ersten Bände der Türkischen Bibliothek seien sehr gut und breit besprochen worden, später aber sei das Interesse abgeebbt. Nicht weil die nachfolgenden Bände etwa schlechter gewesen seien, sondern weil einfach der News-Faktor des Projekts nicht mehr getragen habe. Auch gut besprochene Bücher können es im Verkauf sehr schwer haben. Ebenso lehre die Erfahrung, dass insbesondere bei Veranstaltungen, die stark von Publikum mit türkischem Migrationshintergrund frequentiert seien, die Buchhändler anschließend meist enttäuscht ihre Auslagen wieder einpackten. Der Verkauf sei dort besonders gering, auch wenn der Autor gut ankomme. Im Umkehrschluss bedeute dies allerdings keinen durchschlagenden Verkaufserfolg bei hauptsächlich „deutsch“ besuchten Lesungen. Inwieweit für den enttäuschenden Verkauf die durchweg stattlichen Preise der zunächst gebunden erscheinenden Bücher verantwortlich sein könnten, stand hier nicht zur Diskussion.

Podiumsleiterin Sibylle Thelen von der Stuttgarter Zeitung, ausgewiesene Kennerin der türkischen Literatur, die 2008 selbst ein Istanbul-Buch vorlegte, berichtete von eigenen Erfahrungen mit desinteressierten Verlagen. „Wen interessiert denn schon türkische Kultur?“, heiße es da. Entscheidend sei stets die Nachfrage der KäuferInnen. Dazu wies Verleger Leitess darauf hin, wie buchfern schon die Ausbildung auch an den Universitäten heute sei. Kopiert werde in rauen Mengen, Bücher aber blieben liegen.

Während Bernd Goldmann, Leiter der Villa Concordia, für die die Tagung die erste Erfahrung mit türkischer Literatur wie auch mit einem Event dieser Größenordnung war, auf die Stipendiatsmöglichkeiten und Aktivitäten seines Hauses fokussierte, konnte der Leiter des Literaturhauses Salzburg, Tomas Friedmann, aus der Praxis berichten. Die Istanbuler Autorin Ayfer Tunç war im Rahmen des Stadtschreiberprojekts Yakın Bakış – Der nahe Blick 2008 knapp einen Monat bei ihm in Salzburg zu Gast. Optimistisch meinte Friedmann, die Literatürhäuser öffneten sich für türkische Literaturen, den Plural betonte er, es gehe um Diskurs, Kommunikation und immer um das Individuum. Die türkische Gegenwartsliteratur sei seit den 90er Jahren mit erheblichen „Übersetzungsoffensiven“ vorbildlich repräsentiert und werde bewusst auch in die Literaturhäuser geholt. Friedmanns Diktum, mit der hohen Präsenz der Türkei in den Schlagzeilen, sei marketingtechnisch auch der Literatur gedient, stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. Friedmann äußerte auch, er komme nicht auf die Idee, türkische Literatur in der türkischen Community zu bewerben, denn bei kanadischer Literatur etwa setze er ja auch nicht auf kanadisches Publikum. Mögen den LeiterInnen anderer literarischer Foren bei diesen Worten die Ohren klingen. Erst im Frühjahr 2009 fanden im Literaturhaus Salzburg Türkische Literaturtage im Rahmen der Reihe Europa der Muttersprachen statt, während nach wie vor manch anderes deutsches Literaturhaus mit der Bemerkung abwinkt, man habe gar nicht das Publikum für türkische Literatur.

Die universitäre Seite vertrat Karin Yeşilada, derzeit Paderborn, mit einem Beitrag über ihr Schwerpunktthema türkisch-deutsche Literatur, die auf Deutsch in Deutschland entstehe und Gegenstand der Germanistik sei, im Unterschied zur türkischen Literatur. Als Germanistin wünscht Yeşilada sich verstärkt den Einsatz deutscher Turkologen bei der Vermittlung türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Anstrengungen von deutscher Seite seien gerade deshalb unabdingbar, weil eine türkische Kulturpolitik, speziell Literaturförderung, traditionell nicht stattfand und erst jüngst zaghaft sprieße.

Das letzte Podium gehörte den beiden deutschen Dichtern und Schriftstellern Zafer Şenocak und Nevfel Cumart. So unterschiedlich sie Sozialisierung, Selbstverständnis und Sujets auch sein mögen, schreiben doch beide in beiden Sprachen, übersetzen auch und leisten einen erheblichen Beitrag zur Kulturvermittlung. Şenocak erklärte es für gefährlich, stets auf den Migrationshintergrund abzuheben. Stattdessen, so sein Plädoyer, sei da ein Hinterland, wie jeder Autor es habe. Wohltuend sei seine Erfahrung im Ausland, wo stärker die Texte im Vordergrund stünden, weniger die Person des Autors. Cumart leistet gewissermaßen literarische Basisarbeit und geht mit seinen Gedichten und Erfahrungen häufig auch in Schulen. Auch diese beide Autoren, auf die vordergründig das Tagungsmotto noch am ehesten zutrifft, verwahrten sich gegen den Titel „Zwischen zwei Welten“. Wenn schon, dann gebe es viele Welten, in denen man sich bewege, dazwischen aber liege nichts, wo man sich verorten könnte.

Im einfühlsamen Autorengespräch vor und nach den sehr kurzen türkischen und etwas längeren deutschen Textlesungen vermittelte Recai Hallaç, selbst u.a. Übersetzer, Motivationen und Hintergründe. „Ich bin Istanbuler“, sagte stolz Mario Levi, und er glaube nicht, dass irgendjemand ein größeres Anrecht darauf habe, sich als solcher zu bezeichnen: Seine Familie lebt seit über 500 Jahren in der Stadt am Bosporus. In Istanbul war ein Märchen (Suhrkamp 2008) verarbeitete der türkisch-jüdische Autor seine Eindrücke der multikulturellen Metropole. Seine Übersetzerin Barbara Yurtdaş hatte vormittags einen Einblick in die Kunst des Übersetzens aus einer Sprache gegeben, deren Kenntnis allein nicht ausreiche, um kulturelle, soziale und politische Konnotationen adäquat zu übertragen. Was Murat Uyurkulak mit seinem Protagonisten Yusuf im Roman Zorn (Unionsverlag 2008) und dessen Erfahrungen während und nach dem Militärputsch von 1980 verbindet, warum Sema Kaygusuz beim Schreiben ihres neuen Romans weinte, in dem sie einen Teil der Familiengeschichte rund um ihre Großmutter, die das Massaker an den kurdischen Alewiten von 1938 überlebte, dass Ayfer Tunç vor Wut darüber, den Putsch von 1980 ungesühnt zu finden, den damaligen Putschistenführer Kenan Evren zur Witzfigur in ihrem großen Roman über die türkische Gesellschaft mit über 300 Figuren machte, all das und vieles mehr erfuhr das Publikum an diesen beiden intensiven Abenden. Mit einer halben Stunde pro AutorIn ist allerdings weder einer Person noch ihrem Werk gerecht zu werden ist. Allenfalls konnte ein Eindruck entstehen, ein Anreiz, sich verstärkt dem Thema türkische Literatur zu widmen, die noch eine Vielzahl ungehobener Schätze birgt und deren Potenzial auf dieser ambitionierten Tagung nur angedeutet werden konnte.

Auch in diesem Sinne wäre dem Symposium eine höhere Präsenz von Medien und Verlagen im Publikum zu wünschen gewesen.

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Nehmen Sie ein Gedicht mit!

Yesim Agaoglu, sie sind gekommen… fordert Yeşim Ağaoğlu. Ein kurzes Zögern, Kuratorin Beral Madra wiederholt die Aufforderung, viele greifen zu: sie sind gekommen / ihre namen und hüte zurücklassend / mit alten frachtern zerbrochen / in der schärfsten stunde der nacht … sie sind gekommen / waren boten unendlicher häfen der einsamkeit … Dann ein Berliner Stadtplan, darauf all die ankommenden Menschen – als Modellbau-Figuren. Migration ist ein Thema, eines unter vielen auch hier in der Akademie der Künste am Pariser Platz in der Ausstellung Boden unter meinen Füße, nicht den Himmel. In diesem Teil der Trilogie Istanbul Next Wave, der umfangreichsten Schau türkischer moderner Kunst im Ausland (lt. Klaus Staeck), zeigen 17 Künstlerinnen ihre Perspektiven, ihre Positionen in der zeitgenössischen Kunst.

Wie rasch auch modernste Kunst, selbst temporäre Aktionskunst von der Realität eingeholt werden kann, erlebt Halil Altındere: Erst in Berlin erfuhr er, dass auch hierzulande Autos abgefackelt werden. Sein umgestürzter Halil AltindereStreifenwagen mit laufendem Blaulicht und Polizeifunk vor dem Eingang der Akademie der Künste im Hanseatenweg, das Projekt von 2005 konnte hier erstmals realisiert werden, war als Provokation gedacht, „als Angriff auf die hier gültigen Werte“. Die Ausstellung Sechs Positionen kritischer Kunst aus Istanbul reflektiert mit Bildern und Installationen politische Wendepunkte wie auch aktuelle Befindlichkeiten in der Türkei. Kurator Çetin Güzelhan nennt auch persönliche Gründe für diesen kritischen Schwerpunkt. Als er in den 80er Jahren als DAAD-Stipendiat nach Deutschland kam, sei er oft mit der Behauptung konfrontiert gewesen, in der Türkei gäbe es keine Streitkultur. „Mit dieser Ausstellung beweise ich das Gegenteil.“

İrfan Önürmen schafft in seinen Skulpturen aus Zeitungspapier, stahlhart wirken sie wie aus Beton, eine neue Art „Gedächtnis der Menschheit“, wie Johannes Odenthal, Programmbeauftragter der Akademie, würdigt. Sein Bagdad-Museum wie auch die Fabrik des Terrors sprechen für sich selbst – eine Ausnahme in dieser Ausstellungstrilogie, wo die Besucherin ohne Erläuterungen, die auch der Katalog nur sparsam gibt, sich durchaus  ratlos fühlen kann. Doch wer ein Werk wahrnimmt, ist stets Teil des Kunstprozesses: Er schafft in der Rezeption sein ganz persönliches Kunstwerk, seine Interpretation mag von der Intention des Künstlers abweichen. Wahrhaftig sind sie beide.

Auf der Pressevorbesichtigung führen einige KünstlerInnen von Werk zu Werk. Şükran Moral gibt in einem ihrer Videos der Migration Gesichter: Es sind Menschen, die kommen, keine Schemen auf obskuren Booten. Blut haftet dominiert in Farbe, Format, Geräusch und unermüdlicher BewegSükran Moral, Apokalypse (Ausschnitt)ung den Raum, Balkan Naci İslimyeli bezieht sich in seiner Videoinstallation auf Shakespeares Lady Macbeth, die vergeblich ihre Hände in Unschuld zu waschen versucht. Verstörender noch wirkt Şükran Morals Installation Kıyamet / Apokalypse: Körper, in Leichentüchern aufgereiht, darüber scheinbar schwebend die Aktfotografie einer schwangeren Frau, gekreuzigt.

Unmittelbar vor der Presseführung im Hanseatenweg der GAU: Eine Skulptur stürzt um, zerschellt auf dem Holzfußboden. Kann es Zufall sein, dass der – bereits 1976 jung verstorbene – Künstler Altan Gürman gerade dieses Werk als unvollendet bezeichnet hatte?

Zum Projekt Istanbul Next Wave. Gleichzeitigkeit – Parallelen – Gegensätze. Zeitgenössische Kunst aus Istanbul. gehören auch die Exponate aus der Sammlung des Istanbul Modern von 1928-2008, kuratiert von Levent Çalıkoğlu, im Martin-Gropius-Bau als drittem Standort in Berlin. Çetin Güzelhan bringt zur Feier des 20. Jubiläums ihrer Städtepartnerschaft die Metropolen Istanbul und Berlin zusammen, eröffnet neue, ungewohnte Perspektiven auf das moderne Kunstgeschehen in Istanbul. Der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbaş nimmt den gleichzeitigen 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls zum Anlass für den frommen Wunsch, es mögen endlich auch all die anderen Mauern in den Köpfen fallen. Fast alle KünstlerInnen sind zur Eröffnung aus Istanbul angereist, ein Teil der Werke ist hier erstmalig ausgestellt. Der Katalog bietet mit zahlreichen ergänzenden Texten, Statements der KünstlerInnen wie auch Kurzessays über teilnehmende KünstlerInnen und ihr Schaffen mehr als reine Dokumentation.

Bedri Baykam (Ausschnitt)Eine einzigartige Gelegenheit, türkische Kunst jenseits gängiger Klischees kennenzulernen. Inwieweit es allerdings gelingt, das Projekt in die „hiesige türkische Community“ hineinzutragen, wie Johannes Odenthal postuliert, bleibt abzuwarten. Dankenswert ist schon sein Anliegen, zeitgenössische türkische Kunst hier auf Augenhöhe in die Mitte der Gesellschaft zu stellen. Nicht wer dieselbe Sprache spricht versteht einander, sondern wer dieselben Gefühle teilt, zitierte Kadir Topbaş bei der Eröffnung nicht von ungefähr den osmanischen Mystiker Mevlana Celaleddin Rumi.

Istanbul Next Wave läuft, begleitet von einer Vielzahl kultureller Veranstaltungen, noch bis zum 3. bzw. 17. Januar 2010 in Berlin.

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3. Nacht des WissensUnsere Gesellschaft wird u.a. als eine des Wissens bezeichnet, da nimmt es nicht Wunder, dass die am 7. November 2009 in Hamburg veranstaltete – mittlerweile dritte – Nacht des Wissens mit einem riesigen Angebot von rund 60 teilnehmenden Einrichtungen aufwartete. Kaum möglich, auch nur einen Bruchteil davon wahrzunehmen.

Dennoch, frisch gewagt ist halb gewonnen. Drei Termine hatte ich mir herausgesucht, allesamt Vorträge, keines der zahlreichen spannenden Mitmachangebote.

18.00 Uhr Hauptgebäude der Universität, Hörsaal J: „Forschungsschwerpunkte der Geisteswissenschaften“. Den Beginn machen Area Studies, wie sie neudeutsch heißen. In einem Parforce-Ritt geht es durch drei Regionalstudienbereiche. Prof. Dr. Gunia referiert die Geschichte der Verflechtungen Hamburgs mit Lateinamerika und des Lateinamerika-Zentrums an der Uni, Prof. Dr. Schäffauer geht in die Praxis. Sein Bezug ist der SZ-Artikel „Da waren’s nur noch drei“ vom 7.11.09 über die BRIC-Staaten (sog. Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China) bzw. die zugehörige Karikatur: Indien rennt verkrampft voran, China verdreht hinterdrein, an dritter Stelle sprintet frisch Brasilien – ein langbeiniges farbiges Girl im Bikini – Russland, abgeschlagen, gibt auf. Schäffauer hat es auf die Beine der Brasilianerin abgesehen und führt klischeehafte Bilder aus europäischer Wahrnehmung Lateinamerikas vor, das nackte Bein, das im Proviantkorb steckende „frisch erbeutete“ Bein steht für die bedrohlich wirkende, unbekannte Fremde – die Welt der Menschenfresser. Zugleich impliziert es die Mehrdeutigkeit „nackten Fleisches“ wie auch des Begriffs „vernaschen“. Hans Staden mit seinem Brasilienbuch von 1557 und ein moderner Comic über seine Entführung und rituelle Schlachtung durch die Tupi-Indianer an der brasilianischen Küste führt das Bein als ikonographisches Element vor Augen. Staden ist Opfer eines Missverständnisses: „Den vernaschen wir“, rufen die Tupi-Frauen zu seiner Begrüßung. Der Comic zeigt die sexuelle Konnotation, Staden aber versteht es als „auffressen“. Da ist der Topos geboren, den es zu hinterfragen gilt. Schäffauer macht daraus ein Plädoyer fürs Sprachenlernen, für (inter-)kulturelle Studien – für ein Studium der Lateinamerika-Studien!

Prof. Dr. Vogt von der Abteilung für Sprache und Kultur Japans am AAI entführt uns in der folgenden Viertelstunde nach Japan, speziell zum Phänomen der Migration. Migrant ist, wer länger als ein Jahr in einem Land lebt, dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt, stellt sie die UN-Definition von Migration voran. 190 Millionen Migranten zählt die UN weltweit, 90% davon in direkter oder mittelbarer Arbeitsmigration. Asiens Bedeutung als Immigrationsregion wächst, Migration feminisiert sich rasant, nationale Arbeitsmärkte auch in Nicht-Immigrationsländern öffnen sich zunehmend, das sind Vogts Thesen Am Fallbeispiel Japan, das bis 1990 jede Form der Zuwanderung ablehnte, schildert sie den Wandel eines klassischen Nicht-Immigrationslands zum Einwanderungsland de facto. Koreaner und Chinesen, letztere hauptsächlich zum Studium oder Berufspraktikum, die anschließend im Land bleiben, bilden die Haupteinwanderungsgruppen, hinzu kommen ethnische Japaner, die in zweiter oder dritter Generation aus Brasilien zurückwandern. Während die offizielle Zuwanderungspolitik (policy output) noch immer auf Hochqualifizierte und temporäre Beschränkung setzt, sieht die Praxis (policy outcome) längst anders aus: auch weniger Qualifizierte kommen, und bleiben. Als die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt ist Japan auf Zuwanderung angewiesen, der Pflegesektor explodiert, so gab es 2008 und 2009 erstmals Anwerbeverträge: Aus Indonesien und den Philippinen dürfen je 1000 Personen ins Land, bekommen ein Training in Sprache und Pflegesektor und müssen für beides anschließend ins Examen. Offiziell haben sie nach 3 Jahren das Land wieder zu verlassen. Wie war das mit der Arbeitsmigration nach Deutschland in den 50er/60er Jahren? So alt es mittlerweile ist, Max Frisch Ausspruch von den Arbeitskräften, die man rief, ist in aller Munde: Es kamen Menschen.Afrika-Asien-Institut

Als dritte in der Runde stellt Jun.Prof. Dr. Catharina Dufft mit der Turkologie und dem 2008 gegründeten TürkeiEuropaZentrum TEZ ihren Arbeitsbereich vor. In einem gelungenen Kurzreferat weist sie auf die zunehmende Bedeutung der türkischen Literatur als Weltliteratur auch in Deutschland hin. Obwohl in Deutschland eine lange Übersetzungstradition aus dem Türkischen besteht (Beispiel: Yakup Kadris Karaosmanoğlus Klassiker Der Fremdling wurde schon 1939 übersetzt) und durch die Arbeitsmigration in den 70er Jahren das Interesse zunahm (Beispiel: reihenweise Übersetzung der Dorfromane Yaşar Kemals), damit allerdings auch bestehende Klischees Bestätigung fanden, konnte die sozialrealistische romantische Literatur erst seit 2005 mit dem plötzlichen Interesse an Orhan Pamuk durch die in der Türkei längst vorherrschende postmoderne Literatur ersetzt werden. Auch die türkische Literatur rückt von der Peripherie ins Zentrum, verstärkt durch hochqualifizierte Übersetzungen, die sie vom Image des Exotisch-Seltsamen befreien und auf Augenhöhe bringen. Inzwischen ist sie – ebenso wie die Turkologie, der es um den soziopolitischen und kulturellen Hintergrund wie auch nicht zuletzt um Völkerverständigung geht – im globalen Kontext angekommen.

20.00 Uhr Kontrastprogramm: „Immer nur Schietwetter in Hamburg?“ provoziert der Deutsche Wetterdienst. Die Korridore sind mit Neugierigen und bereitwillig Auskunft gebenden „Wetterfröschen“ überfüllt. Und ein Drittel der auf den Vortrag Wartenden, auch ich, muss unverrichteter Dinge wieder abziehen: der Hörsaal im Seewetteramt ist überfüllt. Ausbeute aus der Bernhard-Nocht-Straße: zahlreiche visuelle Eindrücke und ein fantastisches Satellitenfoto von 1986.

Auch ohne den Bus-Shuttle sind alle Veranstaltungsorte gut zu erreichen. Die unverhoffte Pause bietet Zeit für einen Kaffee im Klima(Nacht)Café im Geomaticum am Schlump. Familien mit Kindern, junge Paare, StudentInnen oder solche, die es noch werden wollen, Rentnerpaare, Einzelpersonen jeden Alters, so sind wir alle auf der Jagd nach Schnäppchen und Häppchen des Wissens in Einrichtungen, die Fachfremden nicht alltäglich Einblick gewähren. Manche lassen sich treiben, andere gehen gezielt und geplant vor, manche picken sich Highlights oder Nischenprodukte heraus, andere wollen so viel wie möglich mitbekommen oder kombinieren mit Parallelangeboten.

Matthias Hort: Naturgefahren21.30 Uhr Geomaticum, H2. „Naturgefahren – Erdbeben, Tsunamis und Vulkane“ verspricht Prof. Dr. Matthias Hort vom Institut für Geophysik. Und er hat nicht zu viel versprochen. Von den Voraussetzungen der Erde als dynamischen System geht es in einer professionellen PowerPoint-Präsentation durchs Erdinnere, über Schichten, Platten, Krusten. Strömungen verschieben Material, Platten driften auseinander, tauchen wieder ab, verkeilen sich, da ist der Vulkanausbruch, das Erdbeben. P- und S-Wellen werden als primäre, rasche Kompressionswellen und sekundäre langsamere, wellenförmige Scherwellen entlarvt. Erst die danach einsetzenden Love- oder Ravleigh-Wellen aber dringen an die Oberfläche und sind destruktiv. Ein Foto zeigt den ältesten bekannten Erdbebenmelder aus China (132 n. Chr.): Goldene Kugeln fallen aus Drachenmäulern in Froschmäuler, wenn die Erde bebt, der Seismograph konnte daran die Richtung des Bebens ablesen. Entwickelte Wiechert 1898 noch eine mechanische Konstruktion zur Aufzeichnung, das sogenannte Horizontalpendel, funktionieren die Seismometer von heute nach elektromagnetischem Prinzip. Sie überziehen in dichtem Netz die Erde, noch hauptsächlich landgestützt, doch auch Hydrophone, Messeinrichtungen für den Meeresboden, sind bereits im Einsatz. Hort erläutert die aus den Medien geläufigen Begriffe Epizentrum (das nur die vertikale Projektion auf der Erdoberfläche des eigentlichen Ursprungs im Erdinneren ist, des Hypozentrums), Magnitude, Richter-Skala, zeigt, wie die Berechnung der Stärke erfolgt, fasziniert das Publikum mit der Schilderung stehender Wellen, die die Erde zum Schwingen bringen, geht auf das Problem, um nicht zu sagen die Unmöglichkeit der präzisen Vorhersage ein. Mit der Entstehung von Tsunamis, die im Gegensatz zu Erdbeben, von denen täglich ca. 50 spürbare weltweit auftreten, nur extrem selten sind, und dem Aufstieg von Gasblasen im Magma der Vulkane kommt Vogt zu dem Punkt, der offenbar viele interessiert: Die Abkühlung des Klimas nach einem Vulkanausbruch ist nicht der Verdunklung der Asche in der Atmosphäre zuzuschreiben, sondern Schwefelsäuretröpfchen, die das Sonnenlicht verstärkt reflektieren und extrem lange zum Abbau brauchen, viel länger als Asche in der Atmosphäre je verbleibt, Jahre nämlich.

Fazit fürs nächste Jahr: Gezielt Schwerpunktthemen ansteuern und unbedingt einen Plan B dabei haben, Überfüllung ist vorprogrammiert!

Interessant wäre nun noch eine Studie dazu, ob und inwieweit ein solches Event nachhaltig ist bzw. sein kann. Vielleicht eine Anregung für die Hamburger Wissenschaftssenatorin Gundelach, eine solche Studie über die Nach- und Auswirkungen der Nacht des Wissens auf das teilnehmende Publikum in Auftrag zu geben und im nächsten Jahr vorstellen zu lassen?

(Die Veranstalter wünschen sich Feedback zur Nacht des Wissens.)

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Kultgedichte (Unionsverlag 2008)Mit einem Abend im Rahmen des 5. Literatürk-Festivals in Essen ging am 28. Oktober 2009 die musikalisch-literarische Reihe horizonte, flammen und lieder – türkische Kult- und Lieblingsgedichte“ zu Ende. Insgesamt fünf Veranstaltungen führten uns von Mai bis Oktober 2009 von Hamburg über Lübeck und Münster nach Essen. Mit der Reihe wurde der im Herbst 2008 im Züricher Unionsverlag in der Reihe Türkische Bibliothek erschienene Band Kultgedichte / Kült Şiirleri vorgestellt.

Die Herausgeber Erika Glassen und Turgay Fişekçi hatten zahlreiche Persönlichkeiten aus der türkischen Kulturszene gebeten, ihr Lieblingsgedicht bzw. eines zu benennen, das ihrer Meinung nach Kultstatus habe, und ihre Auswahl in einem kurzen Essay zu begründen. Heraus kam eine höchst subjektive Sammlung von 42 Gedichten – zweisprachig türkisch-deutsch abgedruckt – und 42 kurzen Essays. „Weder sind die Befragten repräsentativ für die türkische Gesellschaft, noch die ausgewählten Gedichte für die türkische Poesie“, schreibt Erika Glassen in ihrem Vorwort, das selbst nicht nur einen Einblick in das poetische Schaffen in der Türkei gibt, sondern zugleich einen wunderbar lyrischen Ausblick auf die Texte, die den geneigten Leser in diesem besonderen Band erwarten. Die Stimmung des Bandes ist geprägt vom berühmten hüzün, der besonderen türkischen Spielart der Melancholie. Er bietet einen einzigartigen Einblick in Befindlichkeiten und Lebensgefühl der türkischen Gesellschaft.

horizonte, flammen und lieder

Demir Gökgöl u. Rüdiger Zietz 5.6.9 in Hamburg

Neun Gedichte (von Kemal Özer über Bejan Matur bis Refik Durbaş) wählten wir für unsere Lesereihe aus, rezitiert von Demir Gökgöl auf den beiden Hamburger Veranstaltungen und von Gülseren Doğaner in Lübeck, Münster und Essen.

Neben Ausschnitten aus den aufschlussreichen und sehr persönlichen Essays bot der Abend zudem einen Überblick über die Entwicklung der türkischen Lyrik sowie eine kurze Einführung in die Reihe Türkische Bibliothek. Rüdiger Zietz rundete mit seiner Flamenco-Gitarre den Abend ab und begleitete zudem die Rezitatoren höchst einfühlsam bei der Lesung der deutschen Gedicht-Texte. Überall ernteten wir begeisterten Applaus.

Türkische Literatur ist beileibe kein Selbstgänger

Die Akquise allerdings war schwierig. Viele deutsche Veranstalter wollten sich nicht auf das „Wagnis türkische Literatur“ einlassen. Der eine hatte „schon eine türkische Veranstaltung in diesem Jahr“, der andere wollte uns gleich in die Räume der lokalen Türkischen Gemeinde verlagern und hätte dann der Form halber einen Mitarbeiter vorbeigeschickt. Von manchen erhielten wir gar nicht erst eine Rückmeldung. Die Reihe war veranstaltet vom Hamburger Kulturzentrum Werkstatt 3 und gefördert von der Robert Bosch Stiftung und fast überall von mehreren Kooperationspartnern (darunter selbstverständlich auch die Türkische Gemeinde) mitgetragen. In Lübeck, Münster und Essen fanden die Veranstaltungen im Rahmen von Festivals statt und waren größtenteils über Erwarten gut besucht.

In einem Interview von Radio Kaktus e.V. Münster wurde ich gefragt, ob es so etwas wie ein Aha-Erlebnis gebe. Aber ja! Wer erst einmal den Weg zu uns gefunden hat, ist durchweg begeistert und angeregt, sich weiter auf türkische Literatur und Lyrik einzulassen. Das Problem liegt jedoch darin, VeranstalterInnen und sachfremdes Publikum überhaupt erst zu interessieren.

Es ist nichts Neues, dass nach einem Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse das zu diesem Anlass gleißend aufgeflammte Interesse an einer Literatur eklatant wegbricht. So erwies sich auch die massive Publikationstätigkeit türkischer Literatur ab Spätherbst 2008 als Strohfeuer, das Funken nur in zwei Richtungen sprüht: Im vergangenen Jahr haben vereinzelt LeserInnen und VeranstalterInnen Feuer gefangen und wagen sich experimentehalber doch noch einmal an ein türkisches Thema. Ansonsten sind es die bewährten Veranstalter und das Stammpublikum, die weiter – relativ einsam auf weiter Flur – die Fahne hochhalten. Während mit der Türkischen Bibliothek im Zeitraum 2005-2010 erstmals eine nachhaltige, umfangreiche Förderung der Übersetzung und Vermittlung von türkischer Literatur im deutschen Sprachraum aufgelegt wurde, bleibt die Vermittlung an der „Rezipientenfront“ – dazu gehören neue LeserInnen, vor allem aber VeranstalterInnen als Multiplikatoren – ein Kampf. Trotz mancher Rückschläge macht das begeisterte Feedback nach jeder einzelnen Veranstaltung aber doch Mut, Schritt um Schritt weiter voranzuschreiten. Wir freuen uns auf die Schlangenkönigin 2010 …

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India Week 2009Wie Geschichte lebendig und historische Literatur mitreißend wird, führten am 24. Oktober Studierende des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg vor. Im Rahmen der Indischen Woche in Hamburg bestritten sie mit einem überzeugenden Konzept die einzige literarische Veranstaltung der Reihe: Vier Szenen aus der indischen Geschichte in drei großen Romanen berühmter indischer Autoren: Shashi Tharoor, Wrindawanlal Warma und Salman Rushdie.
Gleich zu Beginn wies die hervorragende studentische Moderatorin darauf hin, dass historische Romane, so sehr die Autoren auch um sachliche Fakten der Erzählzeit bemüht sein mögen, stets gefärbt sind durch die Lebensumstände und Zeit ihrer Autoren. (mehr …)

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