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Archive for the ‘Allgemein’ Category

Bücherhalle Alstertal, Blind-Date mit einem Buch 2013Valentinstag – der Tag, an dem es schöne Tradition ist, denen eine Freude zu machen, die man liebt. Was können Bücherwürmer da tun? Bücher beschenken? Doch wohl eher Bücher schenken, auch sich mit einem Buch beschenken. Oder: Sich von einem Buch überraschen lassen. In einer Bibliothek ein hübsch eingepacktes Buch ausleihen und erst zu Hause schauen, womit man die nächsten Stunden oder Tage das Vergnügen hat. Diese Idee, in den Vorjahren schon in den USA praktiziert, findet 2013 auch hierzulande Anklang, in Hamburg zum Beispiel haben sich mehrere Filialen der Öffentlichen Bücherhallen angeschlossen.

Ist das nicht reiner Aktionismus, eine ebenso nette wie öffentlichkeitswirksame Werbeaktion der Bibliotheken? Gegenfrage: Wie wählen wir unsere Lektüre/n aus, wie entscheiden wir in der täglich anschwellenden Bücherflut, was unsere Aufmerksamkeit findet, was wir lesen? (mehr …)

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Blogger schenken Lesefreude zum Welttag des Buches am 23. April verlosen Blogger 2013 ein Buch. Wer den entsprechenden Eintrag vom 23.04. kommentiert, nimmt an der Verlosung am 30.04. teil. BeiBarış Bıçakçı: Unsere große Verzweiflung mir gibt es dann „Unsere große Verzweiflung“ von Barış Bıçakçı (binooki 2012) zu gewinnen – und auf dem Blog eine Leseprobe aus dem Buch mit weiteren Infos dazu.

Mehr zur Aktion:

Blog den Welttag des Buches / Blogger schenken Lesefreude

Wir Buch-Blogger sind Botschafter in Sachen Lesefreude und deswegen ist der Welttag des Buches unser Tag! An diesem besonderen Feiertag wollen wir die Welt mit unserer Begeisterung für Bücher anstecken. Wir werden bloggen wie die Wilden und wir werden Bücher verschenken!

Wie lautet der Plan?

Am 23.4.2013, dem Welttag des Buches, veröffentlichen alle teilnehmenden Blogger einen Beitrag, in dem sie ein Buch verlosen.

Leser, die diese Bücher gewinnen möchten, kommentieren die Beiträge. Verlost werden die Bücher am 30. April. (mehr …)

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Der dritte Montag im Januar ist Martin-Luther-King-Day in den USA – und dem Hamburger Körberforum seit 2010 Anlass für die Martin Luther King Lecture, den Vortrag eines im Sinne Kings engagierten Akteurs für friedliches Miteinander. Am 17. Januar 2011 war Ratna Omidvar, Präsidentin der Maytree-Foundation, Toronto, in dieser Reihe eingeladen, das kanadische Erfolgsmodell Einwanderungsland vorzustellen. Sie tat es mit Leidenschaft, ohne je in Romantisierung abzugleiten oder den kritischen Blick zu verlieren, aber durchaus optimistisch gestimmt und mit kosmopolitischer Kenntnis, gewonnen aus eigener Lebenserfahrung ebenso wie dem jungen internationalen Kooperationsprojekt Cities of Migration. (mehr …)

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Am 9. Mai 2010 wurde der israelische Dan David Prize in der Sparte „Gegenwart“ an die SchriftstellerInnen Margaret Atwood, Kanada, und Amitav Ghosh, Indien, verliehen. Seit der Bekanntgabe dieser Entscheidung wurden beide von breiten Kreisen gebeten, gedrängt bis bedroht, den Preis aus israelischer Hand aus Protest gegen die israelische Palästina-Politik abzulehnen. Beide entschieden sich der massiven und zum Teil das Maß des Erträglichen übersteigenden Reaktionen zum Trotz, die mit 1 Mio. USD pro Sparte dotierte, von Dan David Stiftung und Tel Aviv University gemeinsam verliehene Auszeichnung anzunehmen. Vor allem wollten sie ihr Recht wahren, „für sich selbst zu sehen und zu sprechen“, wie sie in ihrer gemeinsamen Dankesrede konstatierten.

Amitav Ghosh (outlookindia.com) „Ich bin entsetzt über die aufgezwungene Isolation von Gaza, die fortgesetzte Expansion der Siedlungen auf der Westbank und die Unnachgiebigkeit und den Extremismus der gegenwärtigen Regierung in Israel. Meine Sympathien gehören all jenen, die in diesem langen und destruktiven Konflikt gelitten haben und leiden“, lauten Ghoshs Eröffnungsworte. Es folgt u.a. der Hinweis, er glaube nicht an Embargos und Boykotte, wenn es um kulturelle und Bildungsangelegenheiten gehe, und Einrichtungen in diesen Bereichen hätten prinzipiell als „vom Staat autonom“ zu gelten, sonst stünden ebenso Kulturschaffende und Wissenschaftler in Amerika und Großbritannien z.B. im Verdacht, für die Irak-Politik ihrer Länder mitverantwortlich zu sein. Historisch hätten sowohl Indien wie auch Kanada, die Herkunftsländer der Laureaten, ihren Anteil an Blutvergießen und Ungerechtigkeit, so dass zu Selbstgerechtigkeit kein Grund bestehe. (mehr …)

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Çocuk bayramı – Tag des Kindes ist seit Republiksgründung der 23. April in der Türkei. Die UNESCO dagegen erklärte 1995 den 23. April zum Welttag des Buches. In Deutschland machten sich insbesondere Stiftung Lesen und Börsenverein des Deutschen Buchhandels diesen Tag zu eigen. Stiftung Lesen verschenkt in einer Gutscheinaktion für Schulen und Buchhandlungen auch 2010 wieder eine neue Auflage des Büchleins “Ich schenk dir eine Geschichte” an junge LeserInnen.

Liao Yiwu, Fräulein Hallo und der Bauernkaiser Zu einem besonderen “Tag des Lesens” und damit zur Unterstützung der chinesischen Demokratiebewegung und speziell des Autors Liao Yiwu ruft dieser Tage das internationale literaturfestival berlin ilb mit Unterstützung zahlreicher namhafter AutorInnen auf: Am 4. Juni, dem Jahrestag des Massakers vom Tian’anmen-Platz in Beijing 1989, soll mit einer weltweiten Lesung das Werk des Autors Liao Yiwu einer breiteren Leserschaft bekannt gemacht, an das Massaker von 1989 erinnert und China im Blick auf die Menschenrechte dringend gemahnt werden. Wer sich mit einer Lesung an der Aktion beteiligen möchte, wird gebeten, das Berliner Literaturfestival zu informieren unter worldwidereading@literaturfestival.com. Dort liegen auch die für die Lesung ausgewählten Texte Liaos auf Deutsch und Englisch zum Abruf bereit. Darunter auch Der 4. Juni (Auszug in Lettre 81), die sehr persönliche Erinnerung Liaos an die Verfolgung und Haft, die ihm die Veröffentlichung seines Protestgedichts Massaker einbrachte. Ein aktuelles Portrait von Liao brachte FR-China-Korrespondent Bartsch im März 2010.

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Arch+ 195, Mapping Istanbul

ArchPlus, die Zeitschrift für Architektur und Städtebau, legte anlässlich der Urban Age Konferenz Anfang November 2009 in Istanbul eine Istanbul-Ausgabe vor. Mit Macht drängt es die türkische Architekturszene aus dem jahrzehntelangen Schattendasein auf die internationale Bühne, zunehmende Sichtbarkeit soll nicht zuletzt die Durchführung internationaler Fachtagungen in der Stadt herstellen.

Istanbul wird grün (arch+ Heft 195) bietet ein ebenso buntes wie sachkundiges Panorama der in rasantem Wandel befindlichen Metropolregion am Bosporus: ein historischer Abriss der urbanen Entwicklung; Chancen und Probleme der Gecekondus, einst illegal errichteten informellen Siedlungen, wie auch der Gated Communities, dem pilzartig aus dem Boden schießenden Modell städtischer Festungen; die vielgehassten Müteahhits, private, zudem selbst ernannte Bauunternehmer; Wohnungsbaupolitik à la turca; Probleme in Ausbildung und Berufspraxis türkischer Architekten; Struktur und Wandel öffentlicher Räume; Ansätze zur Lesbarmachung sozialgeografischer Gesichtspunkte anhand von relationalen Karten; ökologische Fragen wie auch neue stadtplanerische Arbeitsweisen, konkret der Parametrismus als neuer internationaler Stil, dazu eine Vielzahl von Fallbeispielen in Zentrum und Peripherie der ausufernden Megalopolis … Grün weist den Essays, Interviews, Berichten als die Farbe des Islam, des Geldes, der Zugänglichkeit, der Natur und der Hoffnung grob die Richtung. Zum Selbstverständnis der Redaktion gehört eine kritische Grundhaltung. Eine Zeitleiste von den byzantinischen Anfängen bis zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 rundet das mit knapp 150 Seiten buchstarke Heft ab.

arch+ 195, Parametrismus

In seinem Beitrag Auf der Suche nach einer zeitgenössischen türkischen Architektur erläutert Ömer Kanıpak, international renommierter Architekt, Gründer des Architekturzentrums „Arkitera“ (2000) und Herausgeber zweier Fachzeitschriften, die mangelnde Präsenz von Architektur in den türkischen Medien und von türkischer Architektur auf internationaler Ebene: In der Türkei selbst werde Architektur nach wie vor „eher als Ingenieurtätigkeit denn als kulturelle Leistung“ verstanden; die Kontrolle des prosperierenden heimischen Bauwesens durch Müteahhits, „private Unternehmer, die sowohl die Aufgaben der Baufirma als auch des Architekten und Investors übernehmen“, behindere massiv die Etablierung qualifizierter, selbstbewusster Architekten und Architekturbüros im Land.

Über eigene Erfahrungen mit den berüchtigten Müteahhits berichtet Hüsnü Yeğenoğlu, Architekt in Amsterdam, in Apartkondu oder warum ich Howard Roark hasse und den Müteahhit liebe. Sein ökonomischer Entwurf für ein 1987 geerbtes Grundstück im Istanbuler Stadtteil Şişli wird von Umständen, Kommissionären und Müteahhits im Laufe von zehn Jahren zu einer Bauruine verhunzt, von den Leuten im Viertel, das in eben diesem Zeitraum von einer informellen Siedlung mit Frei- und Parkflächen zum intensiv bebauten Hochhausquartier mutierte, wegen seiner Monumentalität hämisch „chinesische Mauer“ genannt. Yeğenoğlu, klug genug, sich irgendwann auf das „offene Spiel der Kräfte“ einzulassen, statt auf eigenen Vorstellungen, Entwürfen und Möglichkeiten zu beharren, plädiert zynisch dafür, endlich den „neuen Helden, den korrupten, bauernschlauen Müteahhits“ ein Denkmal zu setzen: „Sie bauen Istanbul.“

arch+ 195, Yegenoglu

Warum die Regierungspartei AKP bei den letzten Kommunalwahlen in einigen Istanbuler Stadtteilen massiv an Stimmen verlor, erklären Ulus Atayurt und Ayşe Çavdar in Die Gecekondus als politische Bewährungsprobe: Von der Armutsrhetorik zur Abrisswirtschaft frappierend: Nicht aus ideologischen Gründen wanderten die WählerInnen ab, „sondern aus Sorge vor dem Abriss ihres Stadtquartiers.“ Denn im Zuge des aktuellen Stadtumbaus wurden bereits über 9000 illegale Bauten abgerissen, um zeitgemäßen urbanen Projekten Raum zu geben. Informelle Siedlungen, Gecekondu (wörtlich: „über Nacht gebaut“, nach der überkommenen Regelung, ein Bau, der bis zum Morgen ein Dach habe, dürfe nicht abgerissen werden), entstanden seit den 1950er Jahren in allen türkischen Großstädten im Zuge der Landflucht, die einsetzte, als unter dem Einfluss des Marshallplans monokulturelle Agrarwirtschaft gefördert wurde statt landwirtschaftlicher Kleinbetriebe. Die Stadtbevölkerung explodierte, der Staat duldete stillschweigend die illegale Bautätigkeit, teilweise sogar auf privatem Grund. Abrisse waren die Ausnahme. Im Laufe der Jahre wurden Gecekondu-Viertel mal mehr mal weniger legal infrastrukturell erschlossen, in den 1970er Jahren im Zuge der starken Arbeiterbewegungen mutierten manche gar zu sozialistischen „Mustervierteln“: „Jeder Familie ein Gecekondu, gerechte Aufteilung der Grundstücke in Abhängigkeit vom jeweiligen Wohnraumbedarf, Entwicklung gesunder Häuser unter Miteinbeziehung linksgerichteter Architekten und Ingenieure, Angleichung  der Beiträge für Gemeinschaftsausgaben und –gebäude.“ Nach dem Militärputsch von 1980 setzte dann parallel zu verstärkter Kontrolle der Gecekondu-Viertel ein Transformationsprozess ein: 1984 erließ Ministerpräsident Özal eine Amnestie, die vormals vernachlässigten bzw. sich selbst überlassenen Quartiere wandelten sich in Rendite-Gebiete. 1984 ist auch das Gründungsjahr von TOKI, der staatlichen Wohnbaubehörde. Sollten zunächst Wohnbaukooperativen unterstützt werden, wurde die Behörde zusehends zum Monopolbetrieb, der heute quasi den Immobilienmarkt des Landes kontrolliert (ausführliche Einzeldarstellungen auch zu diesem Thema finden sich im Heft). Manchen Gecekondu-Erbauern war es gelungen, vom mittellosen Zuwanderer auf illegalem Grund zum Appartement-Besitzer aufzusteigen. „Die politischen Grenzziehungen“, heißt es konsequenterweise in der Rückschau auf die Kommunalwahl vom März 2009, „verlaufen in den Städten parallel zu eigentumsrechtlichen Verteilungsfragen, die sich zur Zeit im Umbruch befinden.“

arch+ 195, Urban Ecopolis

Im Umbruch befinden sich seit Jahrzehnten schon die öffentlichen Räume, die angesichts des nicht nachlassenden Bevölkerungszuwachses, Istanbul hat mittlerweile offiziell 12 Mio. Einwohner, nicht nur knapper werden, sondern zunehmend Umwidmung erfahren. Deniz Güner, Dozent in Izmir und Herausgeber des Architekturführers „Izmir 2005“, geht in seinem Beitrag Wandel der Öffentlichkeit soweit, von Istanbul als einer „Stadt der privaten Küsten“ zu sprechen. Durch eine Vielzahl von Umwandlungs- und Revitalisierungsprojekten stehen die ohnehin begrenzten öffentlichen Räume an den Küstenzonen unter starkem ökonomischem Druck, so dass Parks und Plätze „Stück für Stück ihren öffentlichen Charakter verlieren“. Güner verweist allerdings darauf, dass der Kampf zwischen öffentlichem und privatem Raum keinesfalls neu sei, vielmehr sei er „das Produkt einer Mentalität, die durch seit Jahrhunderten übliche soziale Praktiken im Zusammenhang mit Zugehörigkeits- und Hoheitsgebieten entstand“. Straßen und Plätze wurden seit jeher als „Reserven betrachtet, die sich dem privaten Raum angliedern ließen“ (Güner zitiert Uğur Tanyeli). Um seine These zu untermauern und zugleich den Unterschied der Konzepte von Öffentlichkeit und Privatem in Europa und der Türkei aufzuzeigen, zieht Güner das Beispiel des in der türkischen Gesellschaft traditionell beliebten Picknicks heran (man denke an Konflikte auf Grünflächen auch in mancher deutschen Großstadt in den frühen Jahren der Arbeitsmigration): „Jedes Picknick hat ein territoriales Zentrum. [Dass es sich dabei konkret um eine Wolldecke o.ä. handelt, fiel leider der redaktionellen Bearbeitung des Artikels zum Opfer.] Von ihm aus wird der Raum durch das Knüpfen von Handlungs- und Beziehungsnetzen in Besitz genommen … Damit die Teilnehmer des Picknicks an der Straße ‚imaginäre Häuser’ bauen und dort ein Gefühl des ‚Wir sind unter uns’ schaffen können, müssen sie sich als ‚unsichtbare Masse’ betrachten …“ In Europa basiere die Unterscheidung von öffentlicher und privater Sphäre auf Sichtbarkeit, auf Städte multipler Identitäten wie Istanbul jedoch sei dieses Raumkonzept nicht anwendbar. Für einen adäquaten Diskurs über Istanbul müssten zunächst „Begriffe für eine außerwestliche Moderne gebildet“ werden.

Das mag auch auf die in Istanbul – wie auch manch anderen Millionenstädten weltweit – zur bevorzugten Wohnform der Eliten avancierenden Gated Communities zutreffen. Festung Istanbul. Gated Communities und die sozio-urbane Transformation der Stadt hat Tim Rieniets vom Urban Research Studio an der ETH Zürich seinen Beitrag über die Ausbreitung geschlossener Wohnkomplexe in Istanbul überschrieben (zuvor erschienen in Public Istanbul. Spaces and Spheres of the Urban, Bielefeld 2008). Von den Motiven, die Menschen zum Entschluss für „ein Leben hinter Mauern“ veranlassen – „das Bedürfnis nach Sicherheit, sozialer Homogenität, gehobenem Lebensstandard und gesellschaftlichem Status“ – bis zu einer erstaunlichen Wechselwirkung im sozialen Leben von Stadtteilen, in denen solche „Festungen“ entstehen, reicht sein Fokus. In Istanbul wird mittlerweile „fast jedes“ neue Wohnbauprojekt in Form von Gated Communities geplant, in der Öffentlichkeit finde jedoch noch kein Diskurs darüber statt. Diese neue Wohnform sei nicht nur „Ausdruck für Wohlstand und westlichen Lebensstil“, sondern zugleich ein „Gegenentwurf zur alten und informellen Stadt“. Begegnungen zwischen den ursprünglichen Ortsansässigen und den Community-Bewohnern finden keineswegs im öffentlichen Raum und zufällig statt, sondern im Rahmen eines „hierarchischen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses“: Durch die neuen Wohnkomplexe wächst der Bedarf für den Service-Sektor, gedeckt wird er durch die einem niedrigeren Bildungs- und Lohnsektor angehörende Lokalbevölkerung in Form von Gärtnern, Hausmeistern, Kindermädchen und Sicherheitsbediensteten. Hier finde statt, was als eine Folge von Globalisierungsprozesse längst erkannt sei: die „ungeplante räumlich-ökonomische Symbiose“, die „räumliche Konzentration von Arm und Reich“, die „Entstehung neuer, sozialer, ökonomischer und räumlicher Muster auf lokalem Maßstab“. Soziale Segregation pur? Keineswegs, meint Rieniets: „Die sozialen und wirtschaftlichen Disparitäten bieten beiden Seiten relative Vorteile“: Arbeitskräfte für Dienstleistungen für die Elite, Verdienstmöglichkeiten für die „Dorfbewohner“, die wiederum die Möglichkeit erhalten, in ihr eigenes Lebensumfeld zu investieren und es damit aufzuwerten. Für Istanbul vermerkt Rieniets eine „politisch gewollte“ Transformation zu einem „Dienstleistungszentrum von internationaler Bedeutung“ parallel zur großräumigen Erneuerung erdbebengefährdeter Gebiete. Es werde Inseln geben, an denen beide Seiten von den neuen Exklusivkonzepten profitieren, an anderer Stelle aber werden Bewohner weichen müssen, was Anlass zur Sorge gebe: Hier sei Istanbuls in den vergangenen Jahrzehnten bewiesene „große Fähigkeit zur Integration“ gefährdet.

Was könnte spannender sein, als die Entwicklung einer Metropole aus erster Hand und eigener Anschauung mitzuerleben? Vor der nächsten Istanbul-Reise sei jedem, der die „europäische Kulturhauptstadt 2010“ über den touristisch begrenzten Fokus hinaus kennenlernen möchte, empfohlen, arch+ Nr. 195 zur Hand zu nehmen, darin zu blättern, an Skizzen, Plänen, Bildern hängen zu bleiben und sich immer wieder festzulesen. Im gut sortierten Zeitschriftenhandel steht das Heft noch im Regal und ist ansonsten beim Verlag zu beziehen, auf der Website stehen einige Artikel zum Download bereit.

„Istanbul wird grün“ ARCH+ 195, November 2009, ISSN 0587-3452

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Paulo Coelho goes Pirate

Erreichbarkeit steigern (Bild: dpa)

In der Frankfurter Rundschau vom 30.12.09 plädiert der Bestseller-Autor Coelho für ein Umdenken in Sachen E-Books. Sein Alchimist, weltweit mittlerweile über 65 Millionen Mal verkauft, war vom russischen Verlag 1999 verramscht worden: keine 3000 Exemplare waren über die Ladentische gegangen. Kurzerhand stellt Coelho eine bereits im Netz kursierende Raubkopie der russischen Übersetzung zum kostenlosen Download auf seine Seite. Daraufhin verkauft sich die Wiederauflage der russischen Version in einem neuen Verlag innerhalb von rund drei Jahren eine Million Mal, wohlgemerkt: der Printauflage. Der Rechteinhaber der russischen Übersetzung selbst hatte seinerzeit die Raubkopie in Umlauf gebracht.

Um auch Übersetzungen in anderen Sprachen zugänglich zu machen und so möglicherweise den Verkauf der Printversion zu steigern, sammelt Coelho nun alle Links zu Filesharing-Seiten und macht sein eigenes Portal auf: pirate-coelho. Fast alle seine Bücher stehen dort in mehreren Sprachen seit 2005 zum kostenlosen Download bereit – und der Verkauf der gedruckten Bücher in den Buchläden nimmt weiter zu. Erst als sein Vorgehen nach einem Vortrag 2007 in München von Medien aufgenommen wird, melden sich einige Verleger mit Protesten bei ihm. Offenbar kann er sie jedoch davon überzeugen, dass „die klassische Art des Vertriebs von der Filesharing-Variante profitierte“, denn er darf seine „Piraterie“ weiterbetreiben.

„Die Leute fingen an, meine Bücher am Bildschirm zu lesen, dann aber gingen sie in einen Buchladen und kauften eine gedruckte Ausgabe – was auf Dauer praktischer und billiger ist“, erklärt Coelho und schließt: „Wenn man mich heute vor die Wahl stellte, entweder für drei Millionen Dollar ein Buch zu schreiben, das von drei Leuten gelesen wird, oder ein Buch zu schreiben, für das ich nur drei Dollar bekomme, das aber von drei Millionen Menschen gelesen wird, dann würde ich mich für letzteres entscheiden. Ich bin überzeugt, dass die meisten Schriftsteller das genauso sehen.“

Solange die Existenz eines Schriftstellers (und Übersetzers) angemessen gesichert ist, dürfte Coelho Recht haben. Es wird also Zeit, sich parallel zur Vermarktung von Büchern und E-Books der Zukunft Gedanken über die Grundsicherung ihrer UrheberInnen zu machen, dazu gehört sicher nicht zuletzt eine konstruktive Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen, wie u.a. Götz Werner es propagiert.

Essay von Paulo Coelho: „König der Piraten. Wie das gedruckte Wort vom Medium Internet profitieren kann“ (aus dem Engl. v. Andrian Widmann) in Frankfurter Rundschau v. 30.12.09, S. 37.

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Souvenirs von einer Reise mit nach Hause zu nehmen, ist ein weit verbreiteter Brauch. Noch wochenlang kann so ein kleines Erinnerungsstück im heimischen Alltag das Flair von Urlaub und fremden Orten verströmen. Meist kommen zu dem Stück selbst noch Ort, Atmosphäre und Umstände, unter denen es erworben wurde.

Nimmt der eine auch Musik mit, greift ein anderer nach Büchern. Beides darf als dynamisch gelten, weist es doch über sich selbst ebenso hinaus wie über den besuchten Ort. Während Musik selten allein den konkreten Ort betrifft und erst im Zusammenklang mit einer bestimmten Erinnerung einen Raum, eine Atmosphäre oder Begebenheit zum Klingen bringt, kann ein Buch direkt, ja, eng fokussiert sein. Das ist Sinn und Zweck eines Großteils von Regionalliteratur, wie sie mancherorts mittlerweile Regalmeter einnimmt. Davor drängeln sich neben wenigen Reisenden in erster Linie Ortsansässige, die nach dem neuesten Band „ihrer Autorin“ schauen, gepriesen von Lokalsender bis Lokalblatt und beworben mit gut besuchten Lesungen vor Ort.

Als Reisende/r findet man diese Regionalliteratur in Buchhandlungen nahe dem Eingangsbereich neben Stadt- und Wanderplänen, Mundartlexika, regionalen Schwänken, Bildbänden, Kirchen- und literarischen Stadtführern. Krimis, historische wie aktuelle, je nach Region unterschiedlich gewichtet, führen die Liste an. Auch Liebes- oder Frauenromane finden sich hier und da. Meist zudem Bände mit Memoiren oder Biografien lokaler Persönlichkeiten. Auch letztere können spannende Lektüre bieten, hier soll es aber um Belletristik gehen.

In Freiburg entschied ich mich 2004 für Astrid Fritz’ Hexe von Freiburg und bekam erst dadurch tieferes Verständnis für die Kämpfe um die religiöse Eigenständigkeit der im katholischen Umfeld gelegenen Stadt, die Ort und EinwohnerInnen bis heute prägt. Fritz gelang mit dem auf historischen Tatsachen basierenden Krimi über das Schicksal einer Frau ein solcher Erfolg, dass mehrere Anschlussbände folgten, die sicher meiner Aufmerksamkeit entgangen wären, hätte ich nicht den ersten Band damals als Regionalliteratur vor Ort erworben und in schlafloser Nacht im Hotel zu lesen begonnen. Astrid Fritz ist insofern eine Ausnahmeerscheinung, als sie nicht nur höchst spannend und lesbar und zudem historisch fundiert schreibt, sondern auf Anhieb den Sprung in einen renommierten Großverlag und den bundesweiten Literaturbetrieb schaffte.

Auch das jüngste Beispiel, aus Stuttgart, Elisabeth Kabateks Laugenweckle zum Frühstück aus dem schwäbischen Regionalverlag Silberburg, ist Kandidat für einen größeren Durchbruch. Kabatek legt mit ihrer spritzigen Humoreske einen flotten „Freche-Frauen-Roman“ vor, auf erstaunlich hohem Niveau. Zudem weiht sie ihre Leserinnen in Stuttgarter Lokalverhältnisse ein: Was unterscheidet den Westen vom Osten, wo liegen Szenekneipen und innerstädtische Partymeile, warum wird ein gewisses Stuttgarter Wohngebiet ironisch als „Engeleinflugschneise“ bezeichnet, was hat es mit dem Kehrwochenexamen für Zugezogene auf sich, pardon, für Rei’gschmeckte … Für die Normalreisende mit Hotelaufenthalt öffnen sich Türen in eine Region, von denen sie nie etwas ahnte. Selbst das schwäbische Nachsilble gewinnt durch den Band erheblich an Sympathie.

Dass Leon, der nette Nachbar von Kabateks Stuttgarter Ich-Erzählerin Line, sich ausgerechnet als Hamburger Ingenieur entpuppt, erfuhr ich auf der 5-stündigen Rückfahrt von Stuttgart nach Hamburg. Solcherlei „Zufälle“ ergeben sich eben. So hatte ich aus Berlin einen Krimi von Felix Huby mitgenommen, den ersten Fall von Ermittler Peter Heiland. Der war gerade von der Schwäbischen Alp nach Berlin versetzt worden. Dass eine meiner nächsten Reisen wiederum mich ins Schwabenländle führen würde, hatte ich justament erfahren.

In Bamberg verdoppelte ich den Regio-Effekt und nahm Zwischentief an der Regnitz aus dem örtlichen Collibri-Verlag mit, und zwar in der Buchhandlung Collibri in der Austraße. Da musste die Kassiererin dann auch gleich noch einen Firmenstempel vorn ins Buch drücken. Regio-Effekt hoch drei. Gegenüber im Regionalregal einer Buchhandlungskette bestand die Wahl zwischen diversen Krimis, historisch wie aktuell, natürlich lag dort auch das Bamberg-Quiz aus. Eine schöne Idee, vielerorts anzutreffen, aber für den durch- und alleinreisenden, nur wenige Stunden oder Tage verweilenden Gast meist doch zu speziell. Und wieder hatte ich es im gewählten Regionalband – der nur insofern Anklänge an einen Krimi hat, als ein Richter die Hauptrolle spielt – mit einem Zugereisten zu tun, diesmal aus München. Er quält sich im Bamberger Amt, kämpft mit Kleinstadtgepflogenheiten und omnipräsentem Katholizismus.

In Konstanz griff ich einen „Bodensee-Krimi“ und hatte unvermutet einen Umweltthriller in der Hand, der weit über die Region hinaus lesbar wäre, disqualifizierte er sich nicht durch streckenweise latent xenophobe Anklänge. Die Reihe Bodensee-Krimis ist eine von vielen, die gleich eine ganze Region abdecken, da hat man dann die Qual der Wahl: Welcher Band konzentriert sich auf den Ort, an dem man gerade ist? Oder mag man doch lieber gleich übergreifend agierenden Helden und Verbrechern folgen, nur um zu erfahren, dass das Weinlokal im Nachbarort viel angesagter ist und man auch noch die Aussichtsterrasse im nächsten Badeort verpasst hat?

In Bern fiel die Wahl auf Friedrich Glauser. Die Reise von Stadt zu Stadt in der deutschsprachigen Schweiz war zu rasant, bot zu wenig Oasen, um sich in Zürich, Basel, Winterthur u.a. jeweils einzeln nach geeigneter Lektüre umzusehen. Glausers Wachtmeister Studer bot da das rechte Maß – zeitlicher, räumlicher und atmosphärischer – Distanz und Ruhe, und ist doch mitten aus dem Schweizer Leben gegriffen, wie ständige Neuauflagen der Bücher des bereits 1938 verstorbenen eigenwilligen Autors beweisen.

Im nichtdeutschsprachigen Ausland gibt es die Möglichkeit, englisch- oder lokalsprachige Regionallektüre zu erwerben oder aber im Voraus oder Nachhinein sich nach Übersetzungen umzuschauen. Oslo erlebte so ein Nachwirken als Drehscheibe internationaler organisierter Kriminalität in Jon Ewos Krimi Torpedo. Nur wenige Tage vor der Lektüre war ich durch Grønland gelaufen, ohne zu ahnen, was sich hinter manchen Fassaden abspielt. Als Multikulti-Kiez outet sich das Viertel allerdings auch ohne vertiefte Interna-Kenntnisse.

Mancher Band Regionalliteratur verführte schon dazu, sich im Nachhinein eingehender mit einzelnen Aspekten der örtlichen Geschichte, Politik oder soziokulturellen Umgebung zu beschäftigen. So wurde in Münster durch den historischen Krimi Der Tote im Friedenssaal das Motto der Stadt als „Friedensstadt“ lebendig. Hier wurde 1648 der westfälische Friede unterzeichnet. Autor Jürgen Kehrer macht, trotz literarischer Schwächen, mit zeitgenössischen Personen aus den damals in Münster tagenden Delegationen wie auch der einheimischer Bevölkerung Geschichte anschaulich. Er hat kein Geschichtsbuch geschrieben, zum Glück; den historischen Hintergrund nachzuschlagen, bleibt der Leserin Option.

Noch ein Wort zu den AutorInnen: Es sind keineswegs immer Redakteurinnnen der Lokalzeitung oder pensionierte Studienräte vom Orte, die sich an das Vorhaben Regionalroman machen. Nein, gestandene Krimiautoren, selbst Tatort-Drehbuchautoren, Juristen, Philologen, bekannte SchriftstellerInnen, die unter Pseudonym auch lokal zur Tat schreiten, ehemalige Patienten der Psychiatrie oder vormals Drogenabhängige, Zugezogene oder auch nur zum Zweck des Abfassens eines ebensolchen Buches vorübergehend Residierende oder Recherchierende, sie alle tragen dazu bei, das Genre bunt und immer wieder überraschend zu machen. Enttäuschungen sind die Ausnahme. Vor allem dann, wenn die Leserin bereit ist, über literarische Defizite zugunsten des Lokalkolorits hinwegzulesen.

Gerade bei kurzen Reisen, beruflich oder privat, an einen wenig oder gar nicht bekannten Ort, wo zum Kennenlernen die Zeit nicht reicht, durch Begegnungen aber doch ein erster Kontakt zur Region bzw. zu den Menschen der Region entsteht, ist Regionalliteratur in der Lage, flüchtige Beziehungen zu vertiefen, auf jeden Fall aber die Reise zu verlängern und angemessen ausklingen zu lassen. (Es soll auch „Banausen“ geben, die Regionalliteratur im Voraus per Versand bestellen, zur Reisevorbereitung, nun, jedem das Seine …)

Es gibt sie überall, die Romane mit Lokalkolorit, fast überall. In Essen suchte ich vergeblich. Dabei schreit eine Location wie die alte Zeche Zollverein doch geradezu nach einem dort verorteten Krimi! So wie Ulrich Koehler den unsäglichen NS-Komplex in Prora/Rügen für einen Thriller ersten Grades aufgriff und moderne Gentechnologie-Problematik mit dem geschichtsträchtigen Ungetüm verknüpfte. Kann es daran liegen, dass die Essener erst jüngst beginnen, sich positiv mit ihrem lokalen Lebensmittelpunkt zu identifizieren? So die Anregung der jungen Autorin und Ruhrgebietkennerin Fatma Uzun. Damit wäre auch erklärt, warum an Orten wie Hamburg etwa Regionalliteratur durch alle Genres und Erzählzeiten boomt.

Hier vor Ort aber kommt mich kaum die Lust an, Regionallektüre zu wählen. Hier bin ich zu Hause und kann täglich durch die Quartiere laufen und den Menschen begegnen, die diese Bücher transportieren. Sollte ich aber wieder einmal längere Zeit andernorts hausen, griffe ich vermutlich gern zu Hamburger Regionalia. Der nächste Regionalband von der nächsten Reise aber wird mir zuverlässig die Rückfahrt verkürzen, den Reiseeindruck um Tage verlängern und mit Glück unvermutete Einblicke in Land und Leute gewähren.

Erwähnte Regionalliteratur:

Bamberg: Hans Neubauer, Zwischentief an der Regnitz (Bamberg 1995)

Bamberg: Nevfel Cumart, Bamberg-Quiz (Düsseldorf 2008)

Berlin: Felix Huby, Der Heckenschütze (Frankfurt 2005)

Bern: Friedrich Glauser, Schlumpf Erwin Mord (Zürich 1995-2005)

Freiburg: Astrid Fritz, Die Hexe von Freiburg (Reinbek 2003)

Konstanz: Manfred Megerle, Seehaie (Köln 2008)

Münster: Jürgen Kehrer, Tod im Friedenssaal (Münster u.a. 1997)

Oslo: Jon Ewo, Torpedo, aus d. Norwegischen v. Christel Hildebrandt (Zürich 2000)

Rügen: Ulrich Koehler, Der Fluch der Gene. Auf Rügen vermisst. (Frankfurt 2002)

Stuttgart: Elisabeth Kabatek, Laugenweckle zum Frühstück (Tübingen 2008)

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Nehmen Sie ein Gedicht mit!

Yesim Agaoglu, sie sind gekommen… fordert Yeşim Ağaoğlu. Ein kurzes Zögern, Kuratorin Beral Madra wiederholt die Aufforderung, viele greifen zu: sie sind gekommen / ihre namen und hüte zurücklassend / mit alten frachtern zerbrochen / in der schärfsten stunde der nacht … sie sind gekommen / waren boten unendlicher häfen der einsamkeit … Dann ein Berliner Stadtplan, darauf all die ankommenden Menschen – als Modellbau-Figuren. Migration ist ein Thema, eines unter vielen auch hier in der Akademie der Künste am Pariser Platz in der Ausstellung Boden unter meinen Füße, nicht den Himmel. In diesem Teil der Trilogie Istanbul Next Wave, der umfangreichsten Schau türkischer moderner Kunst im Ausland (lt. Klaus Staeck), zeigen 17 Künstlerinnen ihre Perspektiven, ihre Positionen in der zeitgenössischen Kunst.

Wie rasch auch modernste Kunst, selbst temporäre Aktionskunst von der Realität eingeholt werden kann, erlebt Halil Altındere: Erst in Berlin erfuhr er, dass auch hierzulande Autos abgefackelt werden. Sein umgestürzter Halil AltindereStreifenwagen mit laufendem Blaulicht und Polizeifunk vor dem Eingang der Akademie der Künste im Hanseatenweg, das Projekt von 2005 konnte hier erstmals realisiert werden, war als Provokation gedacht, „als Angriff auf die hier gültigen Werte“. Die Ausstellung Sechs Positionen kritischer Kunst aus Istanbul reflektiert mit Bildern und Installationen politische Wendepunkte wie auch aktuelle Befindlichkeiten in der Türkei. Kurator Çetin Güzelhan nennt auch persönliche Gründe für diesen kritischen Schwerpunkt. Als er in den 80er Jahren als DAAD-Stipendiat nach Deutschland kam, sei er oft mit der Behauptung konfrontiert gewesen, in der Türkei gäbe es keine Streitkultur. „Mit dieser Ausstellung beweise ich das Gegenteil.“

İrfan Önürmen schafft in seinen Skulpturen aus Zeitungspapier, stahlhart wirken sie wie aus Beton, eine neue Art „Gedächtnis der Menschheit“, wie Johannes Odenthal, Programmbeauftragter der Akademie, würdigt. Sein Bagdad-Museum wie auch die Fabrik des Terrors sprechen für sich selbst – eine Ausnahme in dieser Ausstellungstrilogie, wo die Besucherin ohne Erläuterungen, die auch der Katalog nur sparsam gibt, sich durchaus  ratlos fühlen kann. Doch wer ein Werk wahrnimmt, ist stets Teil des Kunstprozesses: Er schafft in der Rezeption sein ganz persönliches Kunstwerk, seine Interpretation mag von der Intention des Künstlers abweichen. Wahrhaftig sind sie beide.

Auf der Pressevorbesichtigung führen einige KünstlerInnen von Werk zu Werk. Şükran Moral gibt in einem ihrer Videos der Migration Gesichter: Es sind Menschen, die kommen, keine Schemen auf obskuren Booten. Blut haftet dominiert in Farbe, Format, Geräusch und unermüdlicher BewegSükran Moral, Apokalypse (Ausschnitt)ung den Raum, Balkan Naci İslimyeli bezieht sich in seiner Videoinstallation auf Shakespeares Lady Macbeth, die vergeblich ihre Hände in Unschuld zu waschen versucht. Verstörender noch wirkt Şükran Morals Installation Kıyamet / Apokalypse: Körper, in Leichentüchern aufgereiht, darüber scheinbar schwebend die Aktfotografie einer schwangeren Frau, gekreuzigt.

Unmittelbar vor der Presseführung im Hanseatenweg der GAU: Eine Skulptur stürzt um, zerschellt auf dem Holzfußboden. Kann es Zufall sein, dass der – bereits 1976 jung verstorbene – Künstler Altan Gürman gerade dieses Werk als unvollendet bezeichnet hatte?

Zum Projekt Istanbul Next Wave. Gleichzeitigkeit – Parallelen – Gegensätze. Zeitgenössische Kunst aus Istanbul. gehören auch die Exponate aus der Sammlung des Istanbul Modern von 1928-2008, kuratiert von Levent Çalıkoğlu, im Martin-Gropius-Bau als drittem Standort in Berlin. Çetin Güzelhan bringt zur Feier des 20. Jubiläums ihrer Städtepartnerschaft die Metropolen Istanbul und Berlin zusammen, eröffnet neue, ungewohnte Perspektiven auf das moderne Kunstgeschehen in Istanbul. Der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbaş nimmt den gleichzeitigen 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls zum Anlass für den frommen Wunsch, es mögen endlich auch all die anderen Mauern in den Köpfen fallen. Fast alle KünstlerInnen sind zur Eröffnung aus Istanbul angereist, ein Teil der Werke ist hier erstmalig ausgestellt. Der Katalog bietet mit zahlreichen ergänzenden Texten, Statements der KünstlerInnen wie auch Kurzessays über teilnehmende KünstlerInnen und ihr Schaffen mehr als reine Dokumentation.

Bedri Baykam (Ausschnitt)Eine einzigartige Gelegenheit, türkische Kunst jenseits gängiger Klischees kennenzulernen. Inwieweit es allerdings gelingt, das Projekt in die „hiesige türkische Community“ hineinzutragen, wie Johannes Odenthal postuliert, bleibt abzuwarten. Dankenswert ist schon sein Anliegen, zeitgenössische türkische Kunst hier auf Augenhöhe in die Mitte der Gesellschaft zu stellen. Nicht wer dieselbe Sprache spricht versteht einander, sondern wer dieselben Gefühle teilt, zitierte Kadir Topbaş bei der Eröffnung nicht von ungefähr den osmanischen Mystiker Mevlana Celaleddin Rumi.

Istanbul Next Wave läuft, begleitet von einer Vielzahl kultureller Veranstaltungen, noch bis zum 3. bzw. 17. Januar 2010 in Berlin.

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3. Nacht des WissensUnsere Gesellschaft wird u.a. als eine des Wissens bezeichnet, da nimmt es nicht Wunder, dass die am 7. November 2009 in Hamburg veranstaltete – mittlerweile dritte – Nacht des Wissens mit einem riesigen Angebot von rund 60 teilnehmenden Einrichtungen aufwartete. Kaum möglich, auch nur einen Bruchteil davon wahrzunehmen.

Dennoch, frisch gewagt ist halb gewonnen. Drei Termine hatte ich mir herausgesucht, allesamt Vorträge, keines der zahlreichen spannenden Mitmachangebote.

18.00 Uhr Hauptgebäude der Universität, Hörsaal J: „Forschungsschwerpunkte der Geisteswissenschaften“. Den Beginn machen Area Studies, wie sie neudeutsch heißen. In einem Parforce-Ritt geht es durch drei Regionalstudienbereiche. Prof. Dr. Gunia referiert die Geschichte der Verflechtungen Hamburgs mit Lateinamerika und des Lateinamerika-Zentrums an der Uni, Prof. Dr. Schäffauer geht in die Praxis. Sein Bezug ist der SZ-Artikel „Da waren’s nur noch drei“ vom 7.11.09 über die BRIC-Staaten (sog. Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China) bzw. die zugehörige Karikatur: Indien rennt verkrampft voran, China verdreht hinterdrein, an dritter Stelle sprintet frisch Brasilien – ein langbeiniges farbiges Girl im Bikini – Russland, abgeschlagen, gibt auf. Schäffauer hat es auf die Beine der Brasilianerin abgesehen und führt klischeehafte Bilder aus europäischer Wahrnehmung Lateinamerikas vor, das nackte Bein, das im Proviantkorb steckende „frisch erbeutete“ Bein steht für die bedrohlich wirkende, unbekannte Fremde – die Welt der Menschenfresser. Zugleich impliziert es die Mehrdeutigkeit „nackten Fleisches“ wie auch des Begriffs „vernaschen“. Hans Staden mit seinem Brasilienbuch von 1557 und ein moderner Comic über seine Entführung und rituelle Schlachtung durch die Tupi-Indianer an der brasilianischen Küste führt das Bein als ikonographisches Element vor Augen. Staden ist Opfer eines Missverständnisses: „Den vernaschen wir“, rufen die Tupi-Frauen zu seiner Begrüßung. Der Comic zeigt die sexuelle Konnotation, Staden aber versteht es als „auffressen“. Da ist der Topos geboren, den es zu hinterfragen gilt. Schäffauer macht daraus ein Plädoyer fürs Sprachenlernen, für (inter-)kulturelle Studien – für ein Studium der Lateinamerika-Studien!

Prof. Dr. Vogt von der Abteilung für Sprache und Kultur Japans am AAI entführt uns in der folgenden Viertelstunde nach Japan, speziell zum Phänomen der Migration. Migrant ist, wer länger als ein Jahr in einem Land lebt, dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt, stellt sie die UN-Definition von Migration voran. 190 Millionen Migranten zählt die UN weltweit, 90% davon in direkter oder mittelbarer Arbeitsmigration. Asiens Bedeutung als Immigrationsregion wächst, Migration feminisiert sich rasant, nationale Arbeitsmärkte auch in Nicht-Immigrationsländern öffnen sich zunehmend, das sind Vogts Thesen Am Fallbeispiel Japan, das bis 1990 jede Form der Zuwanderung ablehnte, schildert sie den Wandel eines klassischen Nicht-Immigrationslands zum Einwanderungsland de facto. Koreaner und Chinesen, letztere hauptsächlich zum Studium oder Berufspraktikum, die anschließend im Land bleiben, bilden die Haupteinwanderungsgruppen, hinzu kommen ethnische Japaner, die in zweiter oder dritter Generation aus Brasilien zurückwandern. Während die offizielle Zuwanderungspolitik (policy output) noch immer auf Hochqualifizierte und temporäre Beschränkung setzt, sieht die Praxis (policy outcome) längst anders aus: auch weniger Qualifizierte kommen, und bleiben. Als die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt ist Japan auf Zuwanderung angewiesen, der Pflegesektor explodiert, so gab es 2008 und 2009 erstmals Anwerbeverträge: Aus Indonesien und den Philippinen dürfen je 1000 Personen ins Land, bekommen ein Training in Sprache und Pflegesektor und müssen für beides anschließend ins Examen. Offiziell haben sie nach 3 Jahren das Land wieder zu verlassen. Wie war das mit der Arbeitsmigration nach Deutschland in den 50er/60er Jahren? So alt es mittlerweile ist, Max Frisch Ausspruch von den Arbeitskräften, die man rief, ist in aller Munde: Es kamen Menschen.Afrika-Asien-Institut

Als dritte in der Runde stellt Jun.Prof. Dr. Catharina Dufft mit der Turkologie und dem 2008 gegründeten TürkeiEuropaZentrum TEZ ihren Arbeitsbereich vor. In einem gelungenen Kurzreferat weist sie auf die zunehmende Bedeutung der türkischen Literatur als Weltliteratur auch in Deutschland hin. Obwohl in Deutschland eine lange Übersetzungstradition aus dem Türkischen besteht (Beispiel: Yakup Kadris Karaosmanoğlus Klassiker Der Fremdling wurde schon 1939 übersetzt) und durch die Arbeitsmigration in den 70er Jahren das Interesse zunahm (Beispiel: reihenweise Übersetzung der Dorfromane Yaşar Kemals), damit allerdings auch bestehende Klischees Bestätigung fanden, konnte die sozialrealistische romantische Literatur erst seit 2005 mit dem plötzlichen Interesse an Orhan Pamuk durch die in der Türkei längst vorherrschende postmoderne Literatur ersetzt werden. Auch die türkische Literatur rückt von der Peripherie ins Zentrum, verstärkt durch hochqualifizierte Übersetzungen, die sie vom Image des Exotisch-Seltsamen befreien und auf Augenhöhe bringen. Inzwischen ist sie – ebenso wie die Turkologie, der es um den soziopolitischen und kulturellen Hintergrund wie auch nicht zuletzt um Völkerverständigung geht – im globalen Kontext angekommen.

20.00 Uhr Kontrastprogramm: „Immer nur Schietwetter in Hamburg?“ provoziert der Deutsche Wetterdienst. Die Korridore sind mit Neugierigen und bereitwillig Auskunft gebenden „Wetterfröschen“ überfüllt. Und ein Drittel der auf den Vortrag Wartenden, auch ich, muss unverrichteter Dinge wieder abziehen: der Hörsaal im Seewetteramt ist überfüllt. Ausbeute aus der Bernhard-Nocht-Straße: zahlreiche visuelle Eindrücke und ein fantastisches Satellitenfoto von 1986.

Auch ohne den Bus-Shuttle sind alle Veranstaltungsorte gut zu erreichen. Die unverhoffte Pause bietet Zeit für einen Kaffee im Klima(Nacht)Café im Geomaticum am Schlump. Familien mit Kindern, junge Paare, StudentInnen oder solche, die es noch werden wollen, Rentnerpaare, Einzelpersonen jeden Alters, so sind wir alle auf der Jagd nach Schnäppchen und Häppchen des Wissens in Einrichtungen, die Fachfremden nicht alltäglich Einblick gewähren. Manche lassen sich treiben, andere gehen gezielt und geplant vor, manche picken sich Highlights oder Nischenprodukte heraus, andere wollen so viel wie möglich mitbekommen oder kombinieren mit Parallelangeboten.

Matthias Hort: Naturgefahren21.30 Uhr Geomaticum, H2. „Naturgefahren – Erdbeben, Tsunamis und Vulkane“ verspricht Prof. Dr. Matthias Hort vom Institut für Geophysik. Und er hat nicht zu viel versprochen. Von den Voraussetzungen der Erde als dynamischen System geht es in einer professionellen PowerPoint-Präsentation durchs Erdinnere, über Schichten, Platten, Krusten. Strömungen verschieben Material, Platten driften auseinander, tauchen wieder ab, verkeilen sich, da ist der Vulkanausbruch, das Erdbeben. P- und S-Wellen werden als primäre, rasche Kompressionswellen und sekundäre langsamere, wellenförmige Scherwellen entlarvt. Erst die danach einsetzenden Love- oder Ravleigh-Wellen aber dringen an die Oberfläche und sind destruktiv. Ein Foto zeigt den ältesten bekannten Erdbebenmelder aus China (132 n. Chr.): Goldene Kugeln fallen aus Drachenmäulern in Froschmäuler, wenn die Erde bebt, der Seismograph konnte daran die Richtung des Bebens ablesen. Entwickelte Wiechert 1898 noch eine mechanische Konstruktion zur Aufzeichnung, das sogenannte Horizontalpendel, funktionieren die Seismometer von heute nach elektromagnetischem Prinzip. Sie überziehen in dichtem Netz die Erde, noch hauptsächlich landgestützt, doch auch Hydrophone, Messeinrichtungen für den Meeresboden, sind bereits im Einsatz. Hort erläutert die aus den Medien geläufigen Begriffe Epizentrum (das nur die vertikale Projektion auf der Erdoberfläche des eigentlichen Ursprungs im Erdinneren ist, des Hypozentrums), Magnitude, Richter-Skala, zeigt, wie die Berechnung der Stärke erfolgt, fasziniert das Publikum mit der Schilderung stehender Wellen, die die Erde zum Schwingen bringen, geht auf das Problem, um nicht zu sagen die Unmöglichkeit der präzisen Vorhersage ein. Mit der Entstehung von Tsunamis, die im Gegensatz zu Erdbeben, von denen täglich ca. 50 spürbare weltweit auftreten, nur extrem selten sind, und dem Aufstieg von Gasblasen im Magma der Vulkane kommt Vogt zu dem Punkt, der offenbar viele interessiert: Die Abkühlung des Klimas nach einem Vulkanausbruch ist nicht der Verdunklung der Asche in der Atmosphäre zuzuschreiben, sondern Schwefelsäuretröpfchen, die das Sonnenlicht verstärkt reflektieren und extrem lange zum Abbau brauchen, viel länger als Asche in der Atmosphäre je verbleibt, Jahre nämlich.

Fazit fürs nächste Jahr: Gezielt Schwerpunktthemen ansteuern und unbedingt einen Plan B dabei haben, Überfüllung ist vorprogrammiert!

Interessant wäre nun noch eine Studie dazu, ob und inwieweit ein solches Event nachhaltig ist bzw. sein kann. Vielleicht eine Anregung für die Hamburger Wissenschaftssenatorin Gundelach, eine solche Studie über die Nach- und Auswirkungen der Nacht des Wissens auf das teilnehmende Publikum in Auftrag zu geben und im nächsten Jahr vorstellen zu lassen?

(Die Veranstalter wünschen sich Feedback zur Nacht des Wissens.)

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Am 30. Oktober 2009 war die türkische Schriftstellerin Ayfer Tunç in Tunc, Harflere Bölünmüs ZamanEssen zu Gast, ihre Lesung in der VHS fand im Rahmen des 5. Literatürk-Festivals statt. In der anschließenden Diskussion berichtete sie auch über ihre Erfahrungen mit E-Books bzw. elektronischen Büchern.

Auf der Internetplattform altkitap.com, die sich selbst als online-Verlag bezeichnet, stehen insgesamt fünf Bücher der Istanbuler Kult-Autorin zum kostenlosen Download zur Verfügung. Eines davon – die Essay-Sammlung Harflere Bölünmüş Zaman – ist ausschließlich in dieser Form zu haben.

Als Ayfer Tunç hört, dass das Thema ePublishing hier gerade auf der Frankfurter Buchmesse zwar wieder einmal heiß und kontrovers diskutiert wurde, im breiten Lesepublikum aber noch relativ wenig Erfahrungen mit diesem neueren Medium bestehen, lacht sie und sagt: „Bei uns ist das ein altes Thema und unsere Erfahrungen damit sind durchweg positiv.“

Murat Gülsoy, renommierter Autor und einer der Gründer der Plattform altkitap.com, sitzt im Publikum, auch er als Gast des Literatürk-Festivals aus altkitap.comIstanbul angereist. Seit nunmehr neun Jahren sei der erste türkische Online-Verlag im Netz und die Resonanz großartig. Ayfer Tunç selbst hat gute Resultate damit erzielt, zunächst einzelne oder auch mehrere Kapitel ihrer Bücher online zu stellen. Jedes Mal sei das eine hervorragende Reklame für das gedruckte Buch gewesen. Auch die ersten 50 Seiten ihres aktuellen Romans Bir Deliler Evinin Yalan Yanlış Anlatılan Kısa Tarihi waren zunächst im Netz zugänglich und sicher mit für den guten Absatz des gedruckten Buches verantwortlich, erklärt sie.

Sie nennt drei Hauptgründe für ePublishing:

1. Texte und Bücher, die es schwer haben, von der Buchhandlung aus ihre „richtigen“ LeserInnen zu finden, erreichen über die Möglichkeit des Downloads spielend ihre Zielgruppe.

2. Manche Fachbücher, Nischentexte zu Spezialthemen und viele akademische Bücher haben es in gedruckter Form schwer. Die „Normalleserschaft“ interessiert sich nicht für sie. Die fachinteressierte Leserschaft ist über die ganze Welt verstreut und hat ihrerseits Schwierigkeiten, an das gesuchte Buch heranzukommen. Hier bietet wiederum der Internetdownload die Lösung.

3. Als Werbekampagne für neue Bücher ist das ePublishing eine einmalige Chance. Verkauft sich in der Türkei ein Buch sehr gut, handele es sich um einen Absatz von 5-10.000 Exemplaren. Im ePublishing aber liege das Minimum der Downloads bei rund 30.000 pro Angebot.

Wichtig sei, dass der Download kostenlos ist. Dies ist, so Tunç, „in gewissem Sinn eine kulturelle Dienstleistung.“

Seit 2005 schreibt altkitap.com zudem jährlich einen Erzählwettbewerb aus, Interesse und Teilnahme daran sind um ein Vielfaches höher als bei den vielen anderen literarischen Ausschreibungen in der Türkei. „Wir erreichen ein anderes Publikum, das wiederum andere Themen und Formen in die Literatur hineinträgt“, sagt Tunç und: „Das Internet mag uns manchmal als tiefe, dunkle Höhle erscheinen, in der wir verlorengehen könnten. Aber es gibt darin auch so unendlich viele Bereiche neu zu entdecken.“

„Ich liebe das Buch als Objekt“, meint Ayfer Tunç abschließend, „aber ich denke, wir sollten neuen Möglichkeiten gegenüber aufgeschlossen sein und das darin steckende Potenzial erkennen.“

Sicher, der türkische Buchmarkt ist kaum mit dem deutschsprachigen zu vergleichen, Erfahrungen mit neuen Medien, wo auch immer sie gemacht werden, sind jedoch zweifellos für uns alle von Interesse.

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Auch nach dem chinesischen Ehrengast-Auftritt auf der Frankfurter BuFamilienname Wangchmesse steht offenbar so manche/r noch mit chinesischen Namen auf Kriegsfuß. Frau Lingyuan und Herr Yan oder Frau Luo und Herr Mo? Die Aussprache sei hier außen vor gelassen (Hinweise dazu gibt es hier). Ärgerlich für die Leserin aber ist es, wenn BibliothekarInnen und BuchhändlerInnen unsicher in der Identifikation von Vor- und Familiennamen sind und in ein und derselben Einrichtung chinesische AutorInnen mal unter dem Vor-, mal unter dem Familiennamen eingeordnet sind.

Dabei ist es ganz einfach: Der Familienname steht im Chinesischen vorn, es folgt der individuelle Name bzw. Vorname und ggfs. an dritter Stelle der Generationsname.

Luo Lingyuan ist dementsprechend Frau Luo und unter „Luo“ im Regal einzuordnen, auch wenn sie seit 1990 in Deutschland lebt und 2007 den Adelbert-von-Chamisso-Preis erhielt. Das ändert noch lange nicht ihren Familien- in einen Vornamen.

Yu Hua hoffe ich unter Y zu finden, nicht unter H. Sein Buch Brüder ist noch so brandneu, dass es unter Neuerscheinungen steht und BuchhändlerInnen die Qual der Einordnungsentscheidung noch vor sich haben.

Natürlich gibt es Chinesen, die für uns westliche AusländerInnen ihre Namen im Vorhinein anpassen, meist mit einem westlichen Vornamen versehen, wie Emily Wu oder Philip Chen – stopp! Letzterer ist kein Autor, sondern Mitarbeiter vom Fengshui-Detektiv C.F. Wong in den Büchern von Nury Vittachi.

Vittachi wiederum schreibt Englisch und demonstriert eine der prominenten Ausnahmen, ist er doch ein „chinesischer Autor“, der gar kein Chinese ist, sondern aus Sri Lanka stammt. Wie wir es gewohnt sind, ist sein zweiter Name der Familienname, Nury aber der Vorname.

Zu kompliziert? Dann hier noch den einfachsten Fall: Es wird nur ein Name geführt, sei es als Pseudonym oder Verkürzung wie bei Xinran. Die Autorin steht notgedrungen unter X. Ihre Bücher erscheinen nur unter diesem Namen, der eigentlich ihr Vorname ist, heißt sie doch mit vollem Namen Xue Xinran.

Ebenso einfach ist es bei A Lai bzw. Alai. Sein Name besteht im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen (阿来), was auf einen Familien- (A) und einen Vornamen (Lai) hindeutet. In allen westlichen Sprachen ist daraus Alai geworden. Dieser tibetisch-chinesische Autor ist, wie man es auch dreht und wendet, stets unter A zu finden.

Außerhalb der Literatur wissen wir alle, dass Ban Ki-moon mit Familiennamen Ban heißt. Also verhält es sich mit der Namensreihenfolge im Koreanischen wie im Chinesischen.

Liebe BibliothekarInnen und BuchhändlerInnen und alle, die Ihr Bücher einsortiert, habt Erbarmen mit uns Lesehungrigen auf der Suche nach chinesischen AutorInnen und ordnet sie konsequent unter dem Familiennamen ein!

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“Der Strom der Geschichte schwemmt die kleinen Geschichten der Individuen fort und lässt sie untergehen, die Woge des Vergessens löscht sie aus dem Gedächtnis der Welt. Schreiben bedeutet vor allem auch, am Ufer entlanggehen, stromaufwärts fahren, schiffbrüchige Existenzen auffischen und Strandgut wiederauffinden, das sich an den Ufern verfangen hat, um es zeitweilig auf einer Arche Noah aus Papier unterzubringen …”
So Claudio Magris, Preisträger des Friedenspreises des Börsenvereins des dt. Buchhandels 2009, in seiner Dankesrede am 18. Oktober in der Paulskirche. Die diesjährige Buchmesse stand im Zeichen des Ehrengasts China und der Diskussion über E-Books und die Zukunft gedruckter Bücher. Wird aus der “Arche Noah aus Papier”, wie Magris sie noch postuliert, ein virtuelles Boot im worldwidesea?
Ob der Diskussion mit und über Dissidenten wie auch der Konflikte mit der offiziellen Delegation gingen Inhalte und Protagonisten der zeitgenössischen chinesischen Literatur in Frankfurt ein wenig unter, Werk und Wirken des Friedenspreisträgers Magris gar waren vielfach nur noch eine Randnotiz wert. Er hat sich den Frieden auf die Fahnen geschrieben und tritt für ein neues, offenes Europa ein: “Auf Europa wartet die Aufgabe, sich den neuen Kulturen der neuen Europäer aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern.” Nur so kann es in die Zukunft gehen, für uns alle, die wir lesen, schreiben, übersetzen, kulturelle Brücken bauen … gilt diese Aufforderung in besonderem Maße. “Uns selbst in Frage zu stellen und offen zu werden für den größtmöglichen Dialog mit anderen Wertesystemen”, sagt Magris weiter, vergisst aber auch nicht, eine Grenze – die letzte Grenze – zu ziehen, um ein “winziges, aber präzises und nicht mehr verhandelbares Quantum an Werten … an für immer erworbenen Werten, die nicht mehr zur Diskussion gestellt werden …” Diese Werte gilt es herauszufiltern, auszusieben wie Goldsplitter. Mein Beitrag dazu kann darin liegen, hier Strandgut aus dem Alltag des Lesens, Schreibens und Übersetzens unter die Lupe zu nehmen.

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