In ihrem jüngsten Roman Yeşil Peri Gecesi (Die Nacht der grünen Fee, erschienen im September 2010) berichtet Ayfer Tunç, eine der wichtigen Stimmen der jüngeren türkischen Literatur, aus dem Inneren der Istanbuler Society. Sie erzählt die Geschichte der absichtlichen Selbstdemontage einer hübschen jungen Frau, die ihre Schönheit als Fluch erlebt.
Die kurze glückliche Kindheit der Ich-Erzählerin endet, als der Vater durch einen Unfall verstümmelt und arbeitsunfähig wird und das Mädchen Mutter und Onkel im Bett überrascht. Der Schock verändert ihr Leben. Fortan wächst in ihr der Hass und sie beginnt, ihre außergewöhnliche Schönheit als Waffe einzusetzen, um die Welt von Männern zu zerstören, die sie begehren oder auch nur ihr Herz zu gewinnen versuchen, wie eben dieser Onkel Süleyman. Um ihn zu vernichten, posiert sie mit 19 scham- und hüllenlos für ein Pornomagazin. Zugleich ist dieser Akt einer der Verzweiflung, hat doch Ali, der einzige Mann, den sie wirklich liebte, sie verlassen. Lange springt sie von Beziehung zu Beziehung, redet sich ein, verliebt zu sein, lässt sich ausnutzen, nutzt selbst aus oder legt es bewusst darauf an, Familien zu zerstören. Als Gün stirbt, die einzige echte Freundin, die sie je hatte, heiratet sie Osman, einen Schönling, Versager und Schwächling, der von der Illusion lebt, irgendwann mit seiner Musik, die keiner hören will, doch noch groß herauszukommen. Die beiden lieben sich auf ihre Weise, hängen aneinander, verletzen einander. Als das vom Schwiegervater geerbte Geld und Gut verbraucht ist, wird die Lage prekär und das Schicksal der beiden gerät in die Hände des skrupellosen Schwagers Teoman. Er ist es auch, über den sich der Kontakt zu Uluçmüdür ergibt, dem Onkel von Teomans Braut und Polizeichef von Istanbul, der sogleich ein Auge auf die schöne Heldin wirft. Nicht ahnend, dass er damit sein eigenes Verhängnis in die Wege leitet.
Nur scheinbar läuft der Roman auf die eine Nacht hinaus, in der die Ich-Erzählerin ihrer „Liebe die Flügel stutzt“, die einen Wendepunkt, den letzten in ihrem Lebens darstellen soll. So hat sie es geplant und ist bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen, auch wenn das bedeutet, mit dem Leben zu bezahlen: In dieser Nacht zeichnet sie auf Video auf, was in ihrem eigenen Schlafzimmer geschieht, gegen ihren Willen, eingefädelt vom Schwager, geduldet vom Ehemann, ausgeführt vom Polizeichef. Das ist ihre Rache für alles, was ihr ein Leben lang angetan wurde. In dieser Nacht, die sie zulässt und aufzeichnet, um den mächtigen Mann um Kopf und Kragen und den Schwager um Ehe- und Unternehmerglück zu bringen, scheint das Geschehen im Buch und das Leben der namenlos bleibenden Protagonistin zu kulminieren.
Tatsächlich aber ist der erwartete, ersehnte Zenit nicht das Geschehen dieser Nacht, sondern der Ausbruch des Skandals, sprich: die Nachricht in den Medien. Als die endlich kommt – vom ersten bis zum letzten Kapitel wartet sie darauf – muss die Ich-Erzählerin allerdings enttäuscht feststellen, dass es um ihre Person gar nicht geht. Niemand interessiert sich für ihr Leid, für ihr Leben. Es geht allein um das Politikum, um die Verwicklung des Polizeichefs in diese Geschichte mit Sex, Drogen und Prostitution. Damit trifft die Autorin einmal mehr den Nerv der geschilderten Schicht: Es geht nie um das Geschehen selbst, sondern immer nur um dessen Darstellung bzw. Vermarktung.
Die – titelgebende – Nacht der grünen Fee ist eine Reminiszenz auf eine der wenigen Nächte unbeschwerter Fröhlichkeit kurz nach der Veröffentlichung der Pornoaufnahmen vor gut zwanzig Jahren. Vier Freunde, darunter die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Gün, öffnen eine ins Land geschmuggelte Flasche des berühmt berüchtigten Absinths, wollen die grüne Fee tanzen lassen. Ihre Unbeholfenheit im Umgang mit dem Getränk, ihre Enttäuschung über die nicht erfüllte Erwartung der Ekstase mögen symbolisch für die nur halb bewusste, immer wieder enttäuschte Lebensführung der Protagonistin stehen.
Autorin Ayfer Tunç denunziert in Die Nacht der grünen Fee Scheinmoral und Lifestyle einer exklusiven, selbsternannten Elite, die von der eigenen Illusion berauscht ist. Mit feiner Ironie reitet sie eine bitterböse Attacke gegen die Finanzschickeria, für die Status(symbole) und Äußerlichkeiten alles bedeuten und die in den letzten Jahren nicht nur in den türkischen Metropolen als eine Folge zunehmender Gentrifizierung ganzer Stadtteile zunehmend sichtbar geworden ist. Innere Werte gelten nichts bzw. fehlen völlig, Blendwerk, protzige Finanzkraft und Vergnügungssucht ersetzen jeden tieferen Sinn. Städte, die ihr Wachstum auf Konsum immer teurerer, immer sinnfernerer Produkte gründen, brauchen eine solche Schicht, die sich ihrerseits eine eigene Lebensumwelt in Gated Communities schafft und den Rest der Bevölkerung nur noch als willfähriger, stets verfügbare Dienerschaft wahrnimmt.
Nur scheinbar hat die stets politisch denkende Autorin Tunç mit ihrem neunten Buch einen unpolitischen Roman aus der Welt von Glamour und Geld vorgelegt, tatsächlich liefert sie mit der schonungslosen Innenansicht der türkischen Variante von Jetset&Co. eine ätzende Gesellschaftskritik.
Mit einer Lesung und im Gespräch mit Moderator Tarık Seden und Schriftstellerkollege Hakan Günday wird Ayfer Tunç ihr Buch am 1. April 2011 auf dem deutsch-türkischen Literaturfestival DilDile in Berlin (Volksbühne) vorstellen, dies auch in der Hoffnung, einen deutschen Verlag dafür zu interessieren.
Ayfer Tunç: Yeşil Peri Gecesi. Can Yayınları: Istanbul 2010.
