Feeds:
Artikel
Kommentare

Livaneli, Serenad Istanbul im Februar 2001: Geradezu unbedarft stolpert Maya, alleinerziehende Mutter und PR-Frau an der Universität Istanbul, in die Vergangenheit hinein, als sie den Auftrag bekommt, sich um Prof. Maximilian Wagner aus Boston zu kümmern. Der 87-jährige amerikanische Jurist mit deutschen Wurzeln ist zu einem Vortrag in Istanbul geladen. Wieso aber folgen ihm auffällig-unauffällig drei Männer in weißem Renault?

Nach und nach lüftet der türkische Autor Zülfü Livaneli in seinem jüngsten, im Frühjahr 2011 erschienenen Roman Serenad (Serenade) die Schleier des Vergessens und der Geheimnisse, die seine Protagonisten umgeben. Kräftig unterstützt wird er dabei von Mayas Sohn Kerem, 14, internetsüchtig und von der Welt genervt. Den Agententhriller, den seine Mutter ins Haus bringt, lässt er sich nicht entgehen und holt wichtige Informationen für Maya aus dem Netz.

Maya glaubte, das „Geheimnis“ ihrer armenischen Großmutter Semahat alias Mari allein zu hüten, nun setzt der Geheimdienst es als Druckmittel gegen sie ein. Als die Lage ernst wird, eröffnet ihr der Bruder zudem, auch die Großmutter mütterlicherseits sei unter falscher Identität aufgewachsen und habe die Herkunft verschwiegen: als Krimtürkin gehörte Großmutter Ayşe einer doppelt verratenen Minderheit an, die herumgestoßen und schließlich größtenteils in den Tod getrieben wurde.

Livaneli ist vielen vor allem als Musiker präsent, in Serenad zollt er der Musik Livaneli, Trailer Serenad (Dogan Kitap)schon im Titel seinen Tribut. Die „Serenade für Nadia“, die sich ewig an Schuberts Serenade wird messen lassen müssen, untermalt den Roman nach Art eines Grundtons. 1934 von einem aufstrebenden Assistenten der Rechte in München komponiert, erklingt sie fast 70 Jahre später am Strand des  Schwarzen Meeres bei Şile unweit von Istanbul an einem eisigen Februarmorgen, an dem der Regen bald in dichten Schnee übergeht. Maya tut alles dafür, damit der Violinist, ihr betagter Schützling, nicht an Unterkühlung stirbt – ein Fehler, wie sie am Schluss des Romans erkennen muss. Es war kein Zufall, dass Max Wagner ausgerechnet am 24. Februar diese Stelle aufsuchte: Am 24. Februar 1942 war hier dicht vor der Küste die Struma versenkt worden, mit über 700 jüdischen Flüchtlingen aus Rumänien an Bord.

Das Drama der Struma thematisierte 2005 bereits der in Köln lebende armenisch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı in seinem Roman Madonna’nın Son Hayali (Der letzte Traum der Madonna).

Was den alten Professor mit dem Unglücksschiff verbindet, erzählt Livaneli in einer bewegenden deutsch-jüdischen Liebesgeschichte aus den dreißiger Jahren. Als Wagner nach Tagen im Krankenhaus und einer unendlich langen Nacht des Erzählens abreist, ist für Maya nichts mehr wie zuvor. Den angezettelten Verleumdungsskandal, der sie den Arbeitsplatz kostet, benutzt sie, ihr Leben umzukrempeln. Wagners Geschichte und damit die Geschichte der vor allem jüdisch-deutschen Wissenschaftsemigranten, die im Zuge der türkischen Universitätsreform von 1933 in den 1930er und 1940er Jahren das moderne Hochschulwesen der Türkei maßgeblich mitaufbauten, lässt sie nicht mehr los. Auch hatte Wagner ihr das Versprechen abgenommen, Erich Auerbachs Mimesis endlich ins Türkische zu übersetzen, hatte der Literaturwissenschaftler sein Maßstäbe setzendes Hauptwerk doch in Istanbul geschrieben, an jener Fakultät, deren Absolventin sie selbst ist.

Hier kommt die Übersetzerin in mir nicht um einen Einwurf herum: Warum sollte Auerbachs Meisterwerk aus dem Englischen übersetzt werden, wo das Original doch auf Deutsch verfasst wurde und auch in neueren Ausgaben vorliegt? In Livanelis Roman weist Maya ihre Übersetzung (aus dem Englischen) am Ende stolz vor, in der Realität ist Mimesis bislang nicht in türkischer Übersetzung erschienen.

Das Thema der jüdisch-deutschen Wissenschaftsemigration nach 1933 in die Türkei ist, auch wenn es mittlerweile eine ganze Reihe einschlägiger Publikationen gibt, noch immer zu wenig bekannt, sowohl auf deutscher wie auf türkischer Seite. Livanelis Serenad wird, wie an der Hauptfigur Maya exemplifiziert, manchem die Augen für einen erweiterten Blick auf die Geschichte, auf die blinden Flecken in der Vergangenheit öffnen. Der Autor legt seiner Ich-Erzählerin Maya in den Mund, die Geschichte auf ihre Weise wiederzugeben und nicht genau so, wie Max sie ihr erzählt hat – und entbindet sich damit der Pflicht zur historischen Detailtreue, was der Stimmigkeit des Romans aber durchaus dienlich sein dürfte. Nur der aufklärerische Gestus des Autors wirkt zuweilen störend auf die Lektüre.

Zülfü Livaneli bleibt zu danken, dass er sein Renommee weiterhin zugunsten heikler, brisanter, bisweilen tabuisierter Themen einsetzt, den Finger in nationale Wunden legt, wie schon bei Glückseligkeit (2008), um gut lesbar für Empathie und Aufarbeitung zu werben.

Zülfü Livaneli: Serenad. Istanbul: Dogan Kitap 2011.

Yusuf Yesilöz: Hochzeitsflug (2011) Die Geschichte einer Zwangsheirat außerhalb der Klischees und die Probleme, die sie mit sich bringt, thematisiert der kurdisch-schweizerische Autor Yusuf Yeşilöz, der sich mit sensiblen Psychogrammen zwischen den Kulturen einen Namen gemacht hat, in seinem neuen Roman Hochzeitsflug (Zürich 2011).

Ob hier die Frau in die Ehe gezwungen wird, ist nicht das Thema. Wie die Frau überhaupt zu der ganzen Sache steht, erfährt die Leserin nicht. Vielmehr geht es um den Mann: Beyto, türkisch-tscherkessischer Herkunft, der seinen Eltern nach Jahren in der Schweiz wieder einmal ins Dorf folgt, vermeintlich für drei Wochen Ferien.

Achtjährig war er mit der Mutter vom Vater, der in einer Schweizer Kleinstadt ein Kebab-House aufgemacht hatte, nachgeholt worden und hatte mit voller Wucht den doppelten Schmerz der Entwurzelung und des Neuanfangs in einer fremden Welt mit unbekannter Sprache und Kultur erlebt und erlitten. Zu Hause lebt in der Welt der Eltern, die nur in der Erinnerung an die Heimat glücklich und sie selbst sind, das tägliche Umfeld aber als notwendiges, vorübergehendes Übel wahrnehmen und die westlichen Sitten und Gebräuche verachten. Ansonsten aber ist Beyto ein moderner junger Schweizer, der kurz vor dem Ende seiner Informatik-Ausbildung steht. Nur ungern trennt er sich von Manuel, dem langjährigen Schulfreund, der seit einer Weile sein Partner ist und ihn zum Coming-Out der Familie gegenüber drängt.

Im Dorf erfährt Beyto von der eigenen, unmittelbar bevorstehenden Hochzeit mit Kusine Sahar, die ihm von Kindheit an versprochen war. Er wehrt sich, doch der Vater nimmt Pass und Ticket an sich und setzt die Eheschließung durch. Merkwürdig passiv lässt Beyto alles über sich ergehen, getragen allein von dem Gedanken, schon bald wieder fort zu sein und damit Frau und Dorf hinter sich zu lassen. Er mag Sahar, was die Sache nicht leichter macht. Seine Liebe aber gilt Manuel.

Das wahre Drama beginnt für Beyto erst, als Manuel ihn am Flughafen daheim mit einer roten Rose begrüßt – und der Vater unverzüglich von der Hochzeit erzählt. Manuel ist schockiert, zerbricht an dieser Nachricht, als Beyto sie bestätigt. Er gibt Beyto keine Gelegenheit, alles zu erklären. Es kommt zum Bruch, und Wochen der Verzweiflung und gegenseitigen Wut und Enttäuschung folgen. Manuel versteht nicht, warum Beyto seinen Eltern nicht die Wahrheit über sich sagen kann. Als der Vater trotz Beytos Weigerung dafür sorgt, dass Sahar in die Schweiz kommt, entscheidet sich Beyto zur Flucht ins Ausland. In England findet er einen Job und eine Art Ersatzfamilie unter konservativen Landsleuten, die nichts von seiner Geschichte ahnen. Doch er nimmt Kontakt zur Heimat auf und es kommt nach Monaten zur Aussprache mit Manuel. Das Ringen mit sich und der Umwelt, die Zerrissenheit zwischen Traditionen, die Respekt und Zusammenhalt bieten und gebieten, und dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zieht sich durch das ganze Buch.

Am Ende bleibt offen, wie Beyto sich entscheidet. Er will sich stellen, will der Flucht ein Ende setzen. Viel mehr weiß er selbst noch nicht, als er Abschied nimmt von der Ersatzfamilie.

Man möchte ihm wünschen, dass es ihm gelinge, zu seiner homosexuellen Identität zu stehen und sich zugleich nicht der Verantwortung der Familientradition zu entziehen, die ihm die Ehe mit der „Importbraut“ auferlegt. Wie wäre es etwa mit einem klärenden Gespräch unter vier Augen mit eben dieser Braut? Sie wäre nicht die erste, die über den Weg einer gescheiterten Ehe den Weg in die Emanzipation von Familie und Tradition auch für sich findet.

Eine bewusste Entscheidung des Lektorats dürfte es gewesen sein, die Sprache des Ich-Erzählers ungeschliffen zu belassen. Es braucht eine Weile des Einlesens, doch letztlich passt der ungewohnte Sprachduktus zum Erzähler, lässt ihn fremd und vertraut zugleich erscheinen, ermöglicht dadurch Distanz und Mitgefühl im selben Atemzug, was dem Thema nur zuträglich sein kann.

Es gelingt Autor Yeşilöz auch diesmal, dem Schmerz, der Zerrissenheit und dem allmählichen inneren Wandel seines Helden sensibel nachzuspüren, ohne zu werten, ohne zu verurteilen, und damit subtil Türen zu öffnen, wo verhärtete Fronten den Blick auf die Zukunft verstellen.

Ein mutiges Buch, das den Schleier zieht von einem Thema, das noch immer ein Tabu ist in einer Gesellschaft, in der Ehre, Tradition und Sozialgemeinschaft bis heute alles sind und die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Einzelnen wenig gelten. Doch auch diese Gesellschaft ist im Wandel, nicht zuletzt durch die Auswirkungen der Migration. Unterdrückte, verschwiegene Geschichten aus der Vergangenheit sind in Hochzeitsflug bereits angedeutet. Mit Beyto wird das Schweigen enden – wie das Verschweigen und Verdrängen vieler Themen endet und noch die geschlossenste Gesellschaft sich letztlich öffnen wird. Der Weg dorthin ist für alle Beteiligten steinig und schmerzhaft. Bücher wie Hochzeitsflug können ihn verständlicher und damit leichter machen.

Yusuf Yeşilöz: Hochzeitsflug. Zürich: Limmat Verlag 2011.

Wenige sind wir

Hakan Günday: Az (2011) Aus Yatırca zu sein, gleicht einem Fluch: Das Dorf am Ende der Welt irgendwo im Osten der Türkei gehört dem Clan von Scheich Gido und damit zu euphemistisch Dorfschützer genannten paramilitärischen Verbänden und zum Dunstkreis der Hikmetçi-Sekte. Kein Hahn kräht danach, als eine Sechsjährige aus Yatırca in der ersten Nacht aus dem Etagenbett im Internat sich zu Tode stürzt, und Derdâ, die schon elf ist, fühlt sich zwar insgeheim verantwortlich, wies sie der Kleinen doch statt der unteren die obere Pritsche zu, schweigt aber, sie stammt ja selbst aus dem gottverlassenen Flecken. Als ihre Mutter sie kurz darauf aus der Schule nimmt, glaubt sie, eine Woche später zurückzukehren, versteht erst Jahre später das unerwartete Winken der gefürchteten Mitschülerin, die weiß: Keine, die aus dem Unterricht geholt wurde, kam je zurück.

Auch Derdâ wird nicht zurückkehren, wird sich innerhalb weniger Wochen als blutjunge, geschundene Braut in London wiederfinden, in einem vom islamistischen Orden einer mächtigen, in unglaubliche, im Laufe des Buches Stück für Stück aufgedeckte transnationale Machenschaften verstrickten Splittergruppe beherrschten Wohnblock, der die nächsten fünf Jahre ihr Gefängnis sein wird. Doch Misshandlungen durch den Ehemann und totale Isolation von allem, was Leben ausmacht, schaffen es nicht, sie zu brechen. Als ihr mit 16 die Flucht gelingt, hat sie von Stanley Englisch gelernt, der ihren Hilferuf falsch verstand, sie letztlich aber doch rettete, und ist in der britischen Pornoszene ein Star, zumindest ihre Augen, denn mehr war von ihr, der Domina im schwarzen Tschador, niemals zu sehen …

Yatırca ist ein fiktives Dorf, ebenso wie die fanatischen Hikmetçis, denen Suizid als größtmögliche Sünde gilt, und ihr obskurer Drogen- und Menschenhandel, die mafiöse Kickbox-Clique von Derdâs Ehemann und Peiniger, ebenso wie der Nachbar mit seiner Sadomaso-Vorliebe, sie alle sind atemberaubende Erfindungen eines Schriftstellers, gehören zur Komposition seines neuen Romans – könnten aber gleichwohl real sein, alles und alle stammen mitten aus dem Leben. Nicht zuletzt diese Ambivalenz zwischen Realität und Fiktion, zwischen brennender Sozialkritik und rücksichtsloser Grausamkeit, zwischen – nicht unbedingt menschenfreundlichem – Idealismus und entsetzlichem Hakan Günday (ntv)Scheitern machen Az, den im April 2011 erschienenen siebten Roman des jungen türkischen Autors Hakan Günday, zu einem der außergewöhnlichsten Werke der letzten Jahre.

Ein Buch über Verzweiflung und Gewalt, über Leben ohne Hoffnung, Einsamkeit und Leidenschaft, Sucht und Liebe, die man in den hier vorgeführten Varianten kaum so nennen mag, zugleich ein Lehrstück über Schuld und Sühne jenseits aller Gesetze und gesellschaftlichen Konventionen, über die Zähigkeit des Menschen, über seine Fähigkeit, sich anzupassen und die schlimmst denkbare Situation noch zum Keim für Neues, für Entwicklung und Wende zu machen.

Tabus mag es in der postpostmodernen Welt der Literatur kaum noch geben, dennoch bricht Günday im Handumdrehen sämtliche gewohnten oder auch nur für möglich gehaltenen Denkschemata auf und um. Wo kein Fünkchen Hoffnung war, setzt eine Schicksalswende neue Horizonte frei, und sei es bis zur nächsten Straßenecke. Mit jedem Detail, und das Buch lebt von einer Myriade herausragend beobachteter und präzise geschilderter Einzelheiten, verblüfft Günday stets von Neuem. Keinen Satz möchte man missen in diesem mit ruhiger Hand durchkomponierten Meisterwerk. Dem Autor gelingt es vollendet, den Rhythmus seines Textes der jeweiligen Lebenssituation seiner Protagonisten anzupassen. Wie es bei einer Dhikr-Übung islamischer Zirkel unmöglich ist, sich dem gemeinsamen Atemrhythmus, der zur gemeinsamen Ekstase als Gottesanbetung führen soll, zu entziehen, gelingt es nicht, sich dem Puls der Erzählung zu entziehen, man ist zum Mitatmen und damit Miterleben verdammt.

Was auf den ersten Blick als exzessive Ballung von Zufällen anmuten mag, zeigt beim näheren Hinsehen, wie klein die Welt jedes Einzelnen ist, wie sehr ein jeder versponnen ist in ein Netz aus sichtbaren und unsichtbaren Fäden von etwas, das sich wohl nur Schicksal nennen lässt. Zwei Lebensgeschichten führt Günday zusammen: Als Derdâ und Derda sich auf einem Istanbuler Friedhof begegnen, sind beide elf Jahre alt und erwarten nichts mehr vom Leben. Keiner ahnt, dass ihr weiteres Schicksal – sie in London, er in Istanbul – sie über ein Vierteljahrhundert später vereint, vereinen muss, um eines türkischen Schriftstellers willen, dem, zu Lebzeiten verkannt und viel zu jung gestorben, Günday mit diesem Roman ein Denkmal setzt: Oğuz Atay. Sein Hauptwerk Oguz AtayTutunamayanlar (The Disconnected), von mehreren individualistischen Autoren der jüngeren Generation in der Türkei als Vorbild genannt, ist bislang unübersetzt, gilt gar als unübersetzbar.  Analphabet Derda lernt um dieses Buches willen Lesen, widmet sein weiteres Leben diesem – längst verstorbenen – Autor, auf dessen Spuren er sich macht und um dessentwillen er bereit ist zu morden und es auch tut. Dass das ehemalige Friedhofskind, das nie eine Schule besucht hat und für das Bücher nichts als Waren sind, zentnerschwer zudem, bei seinem ersten Job außerhalb der Friedhofsmauern ausgerechnet in einer Kette von Raubdruckvertreibern landet, gehört zu einer Vielzahl einzigartiger Einfälle, die das Buch zum Pageturner werden lassen. Ein Kunstwerk sollte es sein, dass das Leben seiner Helden verändert, sagt Autor Günday im NTV-Interview. Oğuz Atay und seine Werke seien in seinem Roman das Einzige, was „rein und unschuldig“ ist.

Starke intertextuelle Bezüge zu Atay sind auch ohne vorangegangene Lektüre seines Werks deutlich. Günday ist ein Meister der Intertextualität, auch und gern zu den eigenen Büchern. Derda war weit davon entfernt, Atay zu verstehen, doch er fühlte ihn. Ist nicht für eine solche Empathie das Nichtverstehen nachgerade Voraussetzung?, fragt Autor Günday. Sanfte Exkurse und Einschübe führen in pornographischen oder derben Szenen aufglimmende Gedanken an Banalität zuverlässig ad Absurdum.

Günday beschönigt nicht und nichts, schont weder seine Protagonisten noch die Leserschaft, er romantisiert nicht, überzeichnet nicht, Opfer ist letztlich nur, wer sich selbst als eines sieht. So handelt Derdâ mit 16 so überraschend wie selbstbewusst unter dem Ganzkörperschleier: „Der einzige Weg zu zeigen, dass sie kein Opfer war, zumindest sich selbst.“ Ihr Mann schlägt sie, „weil es ihm schwerfiel zu sprechen“. Unprätentiös bringt Günday immer wieder Grunderfahrungen und scheinbar unerklärliche gesellschaftliche Phänomene auf den Punkt. „Gewalt ist ein Kommunikationsmittel in diesem Buch“, sagt Günday. Er habe zeigen wollen, dass jene, die Gewalt ausüben, und jene, die sie erfahren, dieselben Personen sind, nur zu verschiedenen Zeiten.

Menschen, die morgens sich über das Erwachen grämen, weil es nichts gibt, für das zu leben sich lohnt. Ein Junge, der sich brutalst der Aufgabe entledigt, seine dahingesiechte Mutter zu beerdigen. Aber auch Menschen, die ihr Leben einer Sache widmen, so sehr, dass sie bereit sind, sich das Herz herausnehmen und den Gegenstand ihrer Verehrung statt seiner einpflanzen zu lassen. Wie es in einer mysteriösen Klinik 90 km nördlich von Manila auch Derda geschieht, der fortan Tutunamayanlar buchstäblich in sich trägt. Eine pensionierte Krankenschwester, die bereit ist, einem jungen Mädchen im Drogenentzug und für den Rest ihres Lebens die Mutter zu ersetzen, die sie verkaufte, als sie elf war.

Derdâ und Derda, zwei auch im Türkischen ungewöhnliche Namen, die vor allem anderen „dert“ – Kummer – assoziieren. Kein Name ist Zufall in Gündays Büchern oder nur insofern, als einem Menschen eben ein bestimmter Name, ein bestimmtes (!) Schicksal zufällt. Der Titel, natürlich, Programm: „az“ bedeutet wenig oder Wenige. Als Epigraph dient eine Zeile aus einem Gedicht des politischen Lyrikers Nevzat Çelik, der zudem zu Beginn von Gündays Karriere bei seiner Verlagssuche eine Rolle spielte: „Sicher sind wir nicht viele und können nicht auf Seiten derer stehen, die viele sind.“ Als Derda mit 16 Oğuz Atay entdeckt und seine Initialen – ein A in einem großen O – mit Rot an Schaufenster und Mauern sprüht, entdeckt er plötzlich, dass andere oder doch  O.A.ein anderer das gleiche Zeichen malt. Zum ersten Mal im Leben überkommt ihn das Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein. Nicht allein und doch wenige zu sein, nicht große Geschichte zu schreiben, nicht viel im Leben zu erwarten zu haben, mehr aber als nichts: wenig eben, az. Zugleich liegt in diesem bisschen „az“ – und damit auch im Buch Az – die ganze Welt, das ganze Alphabet, wie Derdâ in ihrem Brief an Derda anmerkt. Der Brief bringt beide zusammen, nach vierzig Jahren, für vierzig Jahre, die Autor Günday allerdings keine Seite mehr wert sind. Vierzig steht im Orient stellvertretend für „viel/e“. Vierzig Jahre Seite an Seite wären für Az zu viel gewesen.

Ein Buch wie ein Fausthieb, brutal, drastisch, erbarmungslos, außer Atem lässt es den Leser zurück, eine Geschichte, deren Details nachhallen, deren Messerstiche weiter schmerzen. Ein Buch, das die großen Themen unserer Zeit anspricht, Islamismus und Terrorismus, Diskriminierung, Unterdrückung und Emanzipation, Kriminalität, Migration und Identitätsfragen, ein Buch, über das zu sprechen, auch zu streiten sein wird.

Hakan Günday: Az. Istanbul: Doğan Kitap, 2011.

Wie lebt ein nicht mehr ganz junger und geradezu verzweifelt ambitionierter Kunsthistoriker 1939/40 im Shanghaier Exil? Lothar Brieger ist einer von vielen, die ab 1938 in Shanghai an Land gingen und deren Schicksal die Berliner Autorin Ursula Krechel in ihrem Roman Shanghai fern von wo aufgegriffen hat. Nach rund zehnjähriger Recherche, sie habe so ziemlich alles Krechel, Shanghai fern von wo (2008)zusammengetragen, was man über das Exil in Shanghai wissen kann, so Krechel, war es vor allem Empathie, die – zunächst ein Hörspiel und dann – einen Roman aus dem Archivmaterial entstehen ließ. Nicht zu vergessen die „metallische Stimme“ von Buchhändler Ludwig Lazarus in der erhaltenen Tonbandaufnahme über seine Shanghaier Exilerfahrungen gefiel Autorin Krechel, die am 28. Juni in Hamburg las.

Die neue Leiterin der Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur der Hamburger Germanistik, Doerte Bischoff, hatte zu Lesung und Podiumsdiskussion unter dem Titel Exil und Exilforschung: Aspekte ihrer Aktualität in den edlen Lichthof der Staatsbibliothek geladen. Ein gelungener Auftakt für ihr Anliegen, den Forschungsbereich zu öffnen, über die 1933-45 im Exil entstandene Literatur deutscher AutorInnen, über nationale Beschränkungen, über das Sammeln und Sichern von Dokumenten hinaus. U.a. wird es im Herbstsemester 2011 dazu eine Ringvorlesung geben, auf die man gespannt sein darf. Besonders interessiert Bischoff auch der Grenzbereich zwischen (fiktiver) Literatur und Literaturwissenschaft. So war es kein Zufall, dass sie an diesem Abend zwei Autoren aufs Podium bat, die beide Bereiche integrieren.

Fioretos_23633_MR.indd Aris Fioretos schreibt Schwedisch, bezeichnet Deutsch aber gleichfalls als Muttersprache. Er las u.a. eine „Karteikarte“ aus Der letzte Grieche, einem Roman über die verschiedenen Spielarten von Migration, der seinen Ausgang 1922 mit der Vertreibung der Griechen aus Smyrna, dem heutigen Izmir, nimmt. Die davon betroffene Großmutter der Hauptperson gehört zu einem Kreis von dreizehn griechischen alten Damen, die sich vornahmen, alle Exilgriechen auf Karteikarten zu verzeichnen und in einer Enzyklopädie zusammenzustellen. Mit seinem Roman erfüllt Fioretos diesen Wunsch auf seine Weise, er nennt es ein „fiktives Supplement“. Fioretos sind zwei Grunderfahrungen wichtig, die allen Exilanten und Migranten gemeinsam seien: die mit dem Auswandern einhergehenden Brüche und Verluste und die „Ankunft als Fragezeichen“ des Einwandernden. „Ein Migrant muss sich neu erfinden, neu kontextualisieren“, meint Fioretos und erklärt die Literatur zur „Taufpatin aller Erfindungen“.

Die Problematik der Begrifflichkeiten diskutierte Doerte Bischoff im Anschluss insbesondere mit Klaus Briegleb, dem kritischen Germanisten und Gründungsvater des Bereichs deutsche Exilforschung in den 1970er Jahren. Die klassische Unterscheidung in Exilanten (politische, meist nicht-jüdische Auswanderer) und Emigranten (jüdische Auswanderer) nennt Briegleb „fatal“, aber damals empirisch gegeben. Die westdeutsche Exil-Grundlagenforschung habe damals viel nachzuholen gehabt. Heute seien Versäumnisse der Gründerjahre aufzuarbeiten. Bischoff wies noch auf die Problematik der nach wie vor unterschiedlichen Wertigkeit von politischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten hin. Ihre Frage, ob die starken Frauen in Shanghai fern von wo dem feministischen Impetus der Autorin zu verdanken seien, verneint Krechel. Die Rollenumwidmung, Frauen ehemaliger Professoren, Anwälte usw., übernehmen im Exil die Rolle der Versorgerin, sei eine soziologische Tatsache, die sich auch in mancher Flüchtlingsfamilie heute in Deutschland beobachten lasse. In ihrem Roman ist es Franziska Tausig, die mit Kochkünsten den in Lethargie versinkenden Ehemann, einst Anwalt und von ihr als großer Mann verehrt, durchbringt. Aus Teigresten ihres Wiener Apfelstrudels, für den sie vom Fleck weg engagiert wird, kreiert sie mit Gemüseresten eine ungewohnte Leckerei: Die Frühlingsrolle. Fiktion und Dokumentation fließen ineinander, wer sich, wie Franziska Tausig, wie Millionen andere, „neu erfindet“, überlebt, beginnt ein neues Leben. Nur fünf Prozent der Exilanten und Emigranten kehrten nach 1945 nach Deutschland zurück. Der Begriff der Literatur, so Briegleb, sei zu eng, um ihnen allen gerecht zu werden.

Bild: Tiyatro Istasyon, Plakat SINIR/Die Grenze Eins, zwei, eins, zwei, Stiefelabsätze knallen aufs Parkett, Wachablösung an der Grenze von Irgendwo. Zu beiden Seiten der stacheldrahtbewehrten Barriere Wachhäuschen mit dem Bild des jeweiligen Präsidenten darin und je einem Soldaten davor. Mati der eine, Yuan der andere. Sie kennen sich lange, erleben sich im tristen Dienst als Freunde, tauschen Gefühle von Heimweh und halbwegs philosophische Gedanken ebenso aus wie Knoblauchwurst und Wein – bis ihre Länder sich den Krieg erklären und die beiden Männer sich unvermutet als Feinde gegenüberstehen.

Mahmut Erdinlig als Mati und Caner Şakar als Yuan sind Laiendarsteller im Stück Sınır (Die Grenze) des türkischen Theater Istasyon Iletişim in Hamburg-Altona. Von deutschen Nachbarn weitgehend unbemerkt bringt die Theatergruppe seit nunmehr 22 Jahren türkische Stücke auf die Bühne und spielt meist vor ausverkauftem Haus. Das Ehepaar Serap und Olgay Sadak gehört zu den Gründern des Ensembles und leitet es bis heute, sie mittlerweile als Intendantin und Regisseurin, er als Bühnentechniker und Dekorateur. Beide gehören zur ersten Generation sogenannter “Gastarbeiter”, waren jahrzehntelang in Hamburger Unternehmen beschäftigt und zugleich in der Türkischen Gemeinde bzw. ihren Vorläuferorganisationen engagiert. Das Theater bauten sie aus Leidenschaft und mit Unterstützung von Profis wie den Schauspielern Demir Gökgöl und Zarif Zeki Şahin auf. Die Gruppe ist für jeden Interessierten offen. Mancher hat hier als Laie begonnen und arbeitet heute professionell auf oder hinter der Bühne renommierter Theater. Manche gingen aber auch enttäuscht wieder nach Hause, als sie erfahren mussten, dass zur Schauspielerei, und sei es in einer Laienspielgruppe, mehr gehört als guter Wille und der Wunsch, rasch berühmt zu werden. In der Laienarbeit, die rein ehrenamtlich erfolgt, selbst die Bühnenausstattung wird allein aus eigenen Einnahmen finanziert, liegt auch ein Handicap: Am neuesten Stück Gözü Kara Alaturka (Buch: Özen Yula) arbeitete die Gruppe über zwei Jahre, bevor sie es im April 2011 zur Bühnenreife brachte. Schuld an der Verzögerung war die hohe Fluktuation vor allem in der weiblichen Besetzung.

In Zeiten, da muttersprachlicher Schulunterricht heruntergefahren wird und Türkisch vielen als Sprache ohne Zukunft in Deutschland gilt, setzt Theater Istasyon nach wie vor auf die Muttersprache der größten Zuwanderergruppe. Dies und ihre Kontinuität unterscheidet die Gruppe von mehreren anderen Initiativen, die mehr oder weniger professionell in Hamburg und Umgebung Theater spielen und auf türkische Gründungen zurückgehen. „Emotionen kann man am besten in der Muttersprache ausdrücken“, ist Intendantin Serap Sadak überzeugt. Die Begeisterung bei Mitwirkenden wie Publikum gibt ihr Recht. Selbstverständlich beherrschen alle Ensemblemitglieder auch die deutsche Sprache. Einziges Manko der Fokussierung auf das Türkische ist die Beschränkung der Zielgruppe. Ein Novum bietet da der Auftritt am 4. Juni 2011 im Thalia-Theater an der Gaußstraße im Rahmen der Altonale: Dort wird das Stück „Sınır“ (Die Grenze), die Adaption einer Erzählung des türkischen Autors Muzaffer Izgü, mit deutscher Untertitelung aufgeführt. Theater Istasyon ist auch in dieser Hinsicht offen für Experimente.Bild: Tiyatro Istasyon, Szene aus SINIR/Die Grenze

Auf der Bühne richtet Mati auf Befehl seines Kommandanten zum Schluss die Waffe auf den vom Freund zum Gegner mutierten Mitspieler, erlaubt ihm aber noch einen Abschiedsbrief nach Haus. Verzweifelt schildert Yuan seiner Frau, was für ein guter Freund Mati war, der ihn nun erschießen wird, weil „die da oben“ es angeordnet haben. Yuan erwähnt auch, dass auch sein Mörder Mati aufgrund des Kriegs wohl kaum noch lange zu leben habe. Da wird Mati sich auf einmal des Irrsinns seines Vorhabens bewusst …

Türkisch-deutsches Theaterfestival Heimspiel ‘11 der theater altonale, Thalia in der Gaußstraße, Samstag 04. Juni 2011, 19.00 Uhr – SINIR / Die Grenze, mit deutschen Untertiteln, Gastspiel von Tiyatro Istasyon.

Lettre International 92/2011 In der neuen Lettre International gibt die türkische Schriftstellerin Sema Kaygusuz in der gewohnten philosophisch-poetischen Weise Impulse aus nicht alltäglicher Perspektive zur aktuellen Multikulturalismusdebatte. Demnächst läuft ihr Stipendium vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD aus, mit dem sie ein Jahr in Berlin war. Ihren zweiten Roman Eine Stelle in deinem Gesicht, der sie von dem „in sie gesäten Schweigen“ befreite, hatte sie als Writer in Residence in der Villa Marguerite Yourcenar bei Lille in Frankreich fertiggestellt. Verschiebung von Perspektiven und interkulturelle Begegnung auch auf internationaler Ebene machen seit langem einen Teil des Lebens der Wahl-Istanbulerin aus.

Ein Wissenschaftler in der Eiswüste hantiert mit Kompass und Geräten und glaubt sich verzweifelt verloren. Sein Begleiter, ein Eskimo, hält gelassen dagegen: „Nein, wir sind im Augenblick genau hier.“

Von diesem „Hier“ geht Kaygusuz in ihrem Essay aus und zeigt, wie mit Zeit und Raum unterschiedlich umgegangen wird, an Beispielen aus der Literatur, an Erfahrungen mit dem Schreiben und Lesen, mit Lesungen und Interviews. Fremdheitsmomente entstehen unvermutet im Zusammenprall unterschiedlicher kultureller Codes. Als Autorin fühlt Kaygusuz sich im Westen mit einer bestimmten Erwartungshaltung von LeserInnen und KritikerInnen konfrontiert, andererseits sieht sie den westlichen Wunsch nach Orient und Exotik durch die konservativen Kulturpolitiker ihres Landes gefördert und allzu gern bedient. Beide Seiten beschneiden damit die kreative Freiheit von Künstlern.

Multikulturalismus schließlich versteht Kaygusuz keineswegs als ein Ideal, sondern als eine Form „würdevoller Trauer“, erwachsen aus den zivilisatorischen Tragödien der Menschheit. Der Diskurs des Multikulturalismus sei formbar, je nachdem, wer ihn sich zu eigen macht, kann er der Verständigung dienen oder auch der Entzweiung. Eine echte pluralistische, egalitäre Gesellschaft aber sei Voraussetzung für Multikulturalismus.

Textverständnis über historische und kulturelle Codes hinaus und im Sinne eines gemeinsamen uralten Wissens der Menschheit verdeutlicht Kaygusuz am Gegensatz zwischen Chronos, der die Geschichte auf ihren chronologischen Verlauf reduziert, und Kairos, der Vergangenheit, Zukunft und Jetzt im Augenblick zusammenführt.

Ein Rückgriff gilt der Großmutter der Autorin, die ihr in der Kindheit den Feigenbaum, die Feige als Schwester vorstellte und in der Atmosphäre gelebten Alevitentums mit Wurzeln im Schamanismus und Naturglauben ohne Weiteres imstande war, Bäume mit Menschen gleichzusetzen. Hier mache sich wiederum das alte Gesetz Kairos’ bemerkbar, alle Dinge auf Erden seien von einem Wesen. Chronos dagegen betrachte von außen, ohne selbst beteiligt zu sein. Er brauche die Distanz. Sympathie dagegen benötige mehr als bloßes Anschauen. Zwischen oberflächlichem Interesse und Sympathie bestehe eine Kluft, letztere erfordere unmittelbares Miterleben und beginne hier und jetzt mit allumfassender Akzeptanz.

Kaygusuz rekurriert auf Walt Whitman, den großen Lehrer für ihr Schreiben: Lesen ist nicht nur ein Vergnügen, sondern die Verschmelzung mit der Welt durch Worte.

Die Wörter berühren uns zweifach, verstandesmäßig und seelisch. Ein solcher Ort ist das „Hier“: ein Ort, an dem das Wort sowohl die Seele als auch den Verstand berührt.

Bevor Sema Kaygusuz nach Istanbul zurückkehrt, ist sie noch bei der Eröffnung des Literaturfestivals DilDile am 25. März 2011 in der Berliner Volksbühne dabei.

Sema Kaygusuz: „Multikulturalistische Reduktion“ in: Lettre International 92, Frühjahr 2011, S. 116-117.

In ihrem jüngsten Roman Yeşil Peri Gecesi (Die Nacht der grünen Fee, erschienen im September 2010) berichtet Ayfer Tunç, eine der wichtigen Stimmen der jüngeren türkischen Literatur, aus dem Inneren der Istanbuler Society. Sie erzählt die Geschichte der absichtlichen Selbstdemontage einer hübschen jungen Frau, die ihre Schönheit als Fluch erlebt.

Die kurze glückliche Kindheit der Ich-Erzählerin endet, als der Vater durch einen Unfall verstümmelt und arbeitsunfähig wird und das Mädchen  Mutter und Onkel im Bett überrascht. Der Schock verändert ihr Leben. Fortan wächst in ihr der Hass und sie beginnt, ihre außergewöhnliche Schönheit als Waffe einzusetzen, um die Welt von Männern zu zerstören, die sie begehren oder auch nur ihr Herz zu gewinnen versuchen, wie eben dieser Onkel Süleyman. Um ihn zu vernichten, posiert sie mit 19 scham- und hüllenlos für ein Pornomagazin. Zugleich ist dieser Akt einer der Verzweiflung, hat doch Ali, der einzige Mann, den sie wirklich liebte, sie verlassen. Lange springt sie von Beziehung zu Beziehung, redet sich ein, verliebt zu sein, lässt sich ausnutzen, nutzt selbst aus oder legt es bewusst darauf an, Familien zu zerstören. Als Gün stirbt, die einzige echte Freundin, die sie je hatte, heiratet sie Osman, einen Schönling, Versager und Schwächling, der von der Illusion lebt, irgendwann mit seiner Musik, die keiner hören will, doch noch groß herauszukommen. Die beiden lieben sich auf ihre Weise, hängen aneinander, verletzen einander. Als das vom Schwiegervater geerbte Geld und Gut verbraucht ist, wird die Lage prekär und das Schicksal der beiden gerät in die Hände des skrupellosen Schwagers Teoman. Er ist es auch, über den sich der Kontakt zu Uluçmüdür ergibt, dem Onkel von Teomans Braut und Polizeichef von Istanbul, der sogleich ein Auge auf die schöne Heldin wirft. Nicht ahnend, dass er damit sein eigenes Verhängnis in die Wege leitet.

Nur scheinbar läuft der Roman auf die eine Nacht hinaus, in der die Ich-Erzählerin ihrer „Liebe die Flügel stutzt“, die einen Wendepunkt, den letzten in ihrem Lebens darstellen soll. So hat sie es geplant und ist bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen, auch wenn das  bedeutet, mit dem Leben zu bezahlen: In dieser Nacht zeichnet sie auf Video auf, was in ihrem eigenen Schlafzimmer geschieht, gegen ihren Willen, eingefädelt vom Schwager, geduldet vom Ehemann, ausgeführt vom Polizeichef. Das ist ihre Rache für alles, was ihr ein Leben lang angetan wurde. In dieser Nacht, die sie zulässt und aufzeichnet, um den mächtigen Mann um Kopf und Kragen und den Schwager um Ehe- und Unternehmerglück zu bringen, scheint das Geschehen im Buch und das Leben der namenlos bleibenden Protagonistin zu kulminieren.

Tatsächlich aber ist der erwartete, ersehnte Zenit nicht das Geschehen dieser Nacht, sondern der Ausbruch des Skandals, sprich: die Nachricht in den Medien. Als die endlich kommt – vom ersten bis zum letzten Kapitel wartet sie darauf – muss die Ich-Erzählerin allerdings enttäuscht feststellen, dass es um ihre Person gar nicht geht. Niemand interessiert sich für ihr Leid, für ihr Leben. Es geht allein um das Politikum, um die Verwicklung des Polizeichefs in diese Geschichte mit Sex, Drogen und Prostitution. Damit trifft die Autorin einmal mehr den Nerv der geschilderten Schicht: Es geht nie um das Geschehen selbst, sondern immer nur um dessen Darstellung bzw. Vermarktung.

Die – titelgebende – Nacht der grünen Fee ist eine Reminiszenz auf eine der wenigen Nächte unbeschwerter Fröhlichkeit kurz nach der Veröffentlichung der Pornoaufnahmen vor gut zwanzig Jahren. Vier Freunde, darunter die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Gün, öffnen eine ins Land geschmuggelte Flasche des berühmt berüchtigten Absinths, wollen die grüne Fee tanzen lassen. Ihre Unbeholfenheit im Umgang mit dem Getränk, ihre Enttäuschung über die nicht erfüllte Erwartung der Ekstase mögen symbolisch für die nur halb bewusste, immer wieder enttäuschte Lebensführung der Protagonistin stehen.

Autorin Ayfer Tunç denunziert in Die Nacht der grünen Fee Scheinmoral und Lifestyle einer exklusiven, selbsternannten Elite, die von der eigenen Illusion berauscht ist. Mit feiner Ironie reitet sie eine bitterböse Attacke gegen die Finanzschickeria, für die Status(symbole) und Äußerlichkeiten alles bedeuten und die in den letzten Jahren nicht nur in den türkischen Metropolen als eine Folge zunehmender Gentrifizierung ganzer Stadtteile zunehmend sichtbar geworden ist. Innere Werte gelten nichts bzw. fehlen völlig, Blendwerk, protzige Finanzkraft und Vergnügungssucht ersetzen jeden tieferen Sinn. Städte, die ihr Wachstum auf Konsum immer teurerer, immer sinnfernerer Produkte gründen, brauchen eine solche Schicht, die sich ihrerseits eine eigene Lebensumwelt in Gated Communities schafft und den Rest der Bevölkerung nur noch als willfähriger, stets verfügbare Dienerschaft wahrnimmt.

Nur scheinbar hat die stets politisch denkende Autorin Tunç mit ihrem neunten Buch einen unpolitischen Roman aus der Welt von Glamour und Geld vorgelegt, tatsächlich liefert sie mit der schonungslosen Innenansicht der türkischen Variante von Jetset&Co. eine ätzende Gesellschaftskritik.

Mit einer Lesung und im Gespräch mit Moderator Tarık Seden und Schriftstellerkollege Hakan Günday wird Ayfer Tunç ihr Buch am 1. April 2011 auf dem deutsch-türkischen Literaturfestival DilDile in Berlin (Volksbühne) vorstellen, dies auch in der Hoffnung, einen deutschen Verlag dafür zu interessieren.

Ayfer Tunç: Yeşil Peri Gecesi. Can Yayınları: Istanbul 2010.

Der dritte Montag im Januar ist Martin-Luther-King-Day in den USA – und dem Hamburger Körberforum seit 2010 Anlass für die Martin Luther King Lecture, den Vortrag eines im Sinne Kings engagierten Akteurs für friedliches Miteinander. Am 17. Januar 2011 war Ratna Omidvar, Präsidentin der Maytree-Foundation, Toronto, in dieser Reihe eingeladen, das kanadische Erfolgsmodell Einwanderungsland vorzustellen. Sie tat es mit Leidenschaft, ohne je in Romantisierung abzugleiten oder den kritischen Blick zu verlieren, aber durchaus optimistisch gestimmt und mit kosmopolitischer Kenntnis, gewonnen aus eigener Lebenserfahrung ebenso wie dem jungen internationalen Kooperationsprojekt Cities of Migration.

Ratna Omidvar (Foto Maytree Foundation)

Ratna Omidvar (Foto: Maytree Foundation)

Gestalter des Konsens

Lothar Dittmer von der Körberstiftung stellte mit dem King-Zitat, eine authentische Führungspersönlichkeit sei nicht jene, die den Konsens suche, sondern jene, die ihn gestalte, Omidvars Vortrag das Motto voran und Eric Walsh von der kanadischen Botschaft Berlin betonte, es gehe darum, die Debatte über Integration zu versachlichen. Sein Land betrachte Einwanderung als Bereicherung – und Omidvar, die vor 28 Jahren als Flüchtling ins Land kam, sei ein Beispiel für das, was in Kanada gut funktioniere.

„Wir wissen, dass unsere Zukunft vom Wohlergehen unserer Immigranten abhängt“, bestätigt Omidvar und zählt zahlreiche Beispiele für die aufeinander folgenden Einwanderungswellen nach Kanada auf – „Die meisten Kanadier sind Boat-People, sie sind nur zu unterschiedlichen Zeiten angekommen“ – und betont, Zuwanderung werde nie enden. Heute seien 40% der jungen Kanadier Einwanderer in erster oder zweiter Generation, 220-250.000 Immigranten pro Jahr kommen neu hinzu. Nicht nationale oder religiöse Segregation sei ein Problem, sondern soziale und zum Teil auch emotionale. Kanada heiße Immigranten willkommen, allerdings werde vollständige gesellschaftliche Teilhabe erst der zweiten Generation in Aussicht gestellt. Es fehlten Rollenmodelle, auch Kanada sei nicht das Paradies. Jeder Immigrant komme mit dem Wunsch nach Erfolg ins Land, niemand wolle zurück- oder ausgeschlossen bleiben, das ist das Feuer, das sie antreibt, das „fire in the belly“, das es für alle Seiten zu nutzen gelte. Sie wollen das Beste von Kanada annehmen und das Beste ihrer eigenen Kultur behalten. Nur so kann es funktionieren, nicht, wie in Deutschland gefordert, wenn man eine Wahl zwischen beidem treffen soll.

Auf Integration folgt Inklusion

Auf Integration, die in erster Linie die Zugewanderten fordere, müsse Inklusion, Beteiligung und Einbeziehung, folgen, und hier sei die einheimische Gesellschaft gefordert. Die Stiftung Maytree arbeite mit rund 5.000 Unternehmen zusammen, um Immigranten ihren Qualifikationen entsprechende Maytree Foundation Jobs zu bieten. Die Unternehmen tun dies keinesfalls aus Menschenliebe, wie Omidvar unterstreicht, sondern aus reinem Eigeninteresse und der Erkenntnis heraus, dass die westlichen Industrieländer aus demographischer Notwendigkeit längst um qualifizierte Köpfe in aller Welt konkurrieren. Zudem kann der Exilblick (Leo Löwenthal), der frische Blick von außen, bei jeder Suche nach Problemlösungen nur von Vorteil sein.

Zuwanderung betreffe in erster Linie urbane Regionen, sei ebenso Chance wie Herausforderung. Um sich in einem internationalen Netzwerk zu unterstützen, gründete Maytree die Initiative Cities of Migration, wo man voneinander lernen und sich gegenseitig zeigen kann, dass und wie Erfolg möglich ist. Selbstverständlich sind Modelle nie eins zu eins übertragbar. Die Fahrradstadt Kopenhagen etwa schule auf kommunaler Ebene Zuwanderinnen im Radfahren und in der Eingliederung in den Verkehr. Im britischen Cardiff organisiere die Polizei den Sprachunterricht für Zuwanderer und stelle damit ein Cities of Migration Vertrauensverhältnis her, was wiederum Konflikten vorbeugt. In Duisburg besuchte Omidvar eine Moschee mit durchsichtigen Fensterscheiben, Transparenz, die beiden Seiten Ängste nimmt. Überall auch in Deutschland habe sie positive Beispiele für Integrationsarbeit auf kommunaler Ebene gesehen. Und eben da sieht sie das große Potenzial: So viel wie möglich kommunal bzw. regional regeln. Die erste Erfahrung, ob positiv oder negativ, die Einwanderer machen, ist immer lokal. Auf den ersten Eindruck vom neuen Land hat also die Kommune und damit jeder Bürger unmittelbaren Einfluss, und bekanntlich ist der erste Eindruck entscheidend. Omidvar endet mit einem Aufruf zur Inklusion und meint, Martin Luther King würde heute sagen, es ist nicht die Zeit für Lippenbekenntnisse, es ist Zeit zum Handeln, Zeit für aktives Engagement.

Stellt den Erfolg dar!

So lautet Omidvars klare Antwort auf die Frage von Moderatorin Melinda Crane, was man denn gegen die Angst tun könne: Immer wieder die Erfolgsgeschichten, die es ja überall gibt, erzählen und in den Vordergrund stellen. Bilder von Erfolg, davon ist sie überzeugt, können Bilder der Angst ersetzen. Deutschland habe große Fortschritte gemacht in den letzten 30 Jahren, in den Herzen und Köpfen der Leute aber sei vieles noch nicht angekommen. Dies sei auch mitverschuldet durch die Medien, die in Deutschland extrem kontraproduktiv agierten und die Öffentlichkeit vielfach von konstruktiver Integrationsarbeit abhielten. „Kauft eine Zeitung!“, schlägt sie der Körberstiftung vor, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. „Bringt Erfolgsstorys in lokale Zeitungen, bringt Immigranten mit Einheimischen zusammen.“ Und: „Achtet auf die Sprache!“ Sie selbst sage nie „Ausländer“ oder „Migranten“, sondern Immigranten (Einwanderer) oder Neukanadier. Vieles hänge von der Sprache ab. Deutschland mache aus ihrer Sicht den Fehler, sich auf eine Nation und eine Religion zu konzentrieren, es gehe aber nie und nirgends um nur eine bestimmte Gruppe. Es mögen Fehler in der Vergangenheit gemacht worden sein, die u.a. Unterschiede im Status quo der Einwanderungsländer Kanada und Deutschland begründen – neben nicht zu unterschätzenden historischen und geographischen Gegebenheiten –, jetzt gehe es aber darum zuzusehen, dass die künftige – notwendige! – Zuwanderung konstruktiv angegangen werde: Holt Zuwanderer nicht nach Gruppen sondern nach Kompetenzen ausgewählt ins Land; eine Grundvoraussetzung ist der Spracherwerb. Bringt Cluster – es funktioniert nur, wenn Einwanderer ihre eigenen lokalen Netzwerke bilden können! Erleichtert die Einbürgerung! Sprecht die Mehrheit an, die offen für das Thema ist, in Kanada seien das rund 80% der Bevölkerung. Die ewig gestrige Minderheit ist ohnehin nicht erreichbar. Und: Kümmert euch darum, durch Sprachunterricht, Schul- und Berufsbildung zu gewährleisten, dass spätestens für die zweite Generation Chancengleichheit herrscht.

Das sind Ratna Omidvars Empfehlungen für die Kulturnation Deutschland, die sich noch immer mit ihrer Identität als Einwanderungsland schwertut, auch wenn die Fakten längst eine andere Sprache sprechen.

Mda, Der Walrufer (2009) Sharisha oder Saluni? Eine Entscheidung zu treffen zwischen dem Wal und der Frau, fällt dem Walrufer gar nicht ein, dennoch endet sein Weg des versuchten Ausgleichs in der Katastrophe.

Afrikanische Literatur ist längst keine folkloristische Dorfromantik mehr – falls sie es denn, außer im Auge mancher Europäer, je war. Dem renommierten, hierzulande aber nach wie vor kaum bekannten südafrikanischen Autor Zakes Mda gelingt es in diesem modernen Epos von Liebe und Naturverbundenheit, die Zerrissenheit der Menschen in sich wandelnden Gesellschaften zwischen Tradition und Moderne auf ungewöhnliche, berührende Weise zu schildern. Mit Humor und Empathie führt er seine Helden durch eine ebenso stille wie turbulente Geschichte:

Der namenlos bleibende Walrufer kehrt nach 35 Jahren Wanderschaft auf denMda, Der Walrufer (Hardcover 2006) Spuren der Wale mit seinem Horn entlang der südafrikanischen Küsten in sein Heimatdorf am indischen Ozean zurückkehrt. Nun ein schmucker Ferienort, ist es ihm fremd geworden, doch das neue Leben kümmert ihn nicht. Er will nichts anderes, als mit einfachsten Mitteln zufrieden zu leben und seiner Leidenschaft und einzigartigen Fähigkeit nachzugehen: mit seinem Horn aus Seetang mit den Walen zu kommunizieren. Saluni, die stadtbekannte Säuferin, beginnt irgendwann, dem Walrufer zu folgen, zunächst unaufdringlich, dann zieht sie bei ihm ein und stellt sein Leben auf den Kopf.

Groteske, geradezu surreale Szenen, wie der Tanz des Walrufers im Smoking auf seiner Halbinsel im Dialog mit dem Wal, bevor dieser weiter nach Süden zieht, schwarzen Humor wie im Verhalten der „gelangweilten Zwillinge“, zweier verwahrloster Schwestern, die Saluni unberufen bemuttert, was ihr letztlich zum Verhängnis wird, Sozial- und Globalisierungskritik wie in den gaffenden, fotofixierten Touristenmassen zur Walsaison stellt der Autor nebeneinander, dass es die Leserin von einer Emotion in die andere reißt. Die Auswirkungen des politischen Umbruchs in Südafrika, die nach wie vor unhaltbaren Lebensumstände für die einfache Bevölkerung schimmern immer wieder durch die weitgehend als modernes Märchen erzählte Geschichte des Walrufers hindurch.

Mda, The Whale Caller (2005) Niemand ist eine Insel, auch nicht in einem entlegenen afrikanischen Dorf. Mehr als Touristen und veränderte Umstände stört den Walrufer die Frau auf. Es liegt ihm fern, sie für ihren Lebenswandel zu verurteilen oder auch nur Rechenschaft zu fordern. Nachdem er sie zunächst flieht, dann aber durch ihren eigenartigen Geruch, „süßlich modrig“, gefangen ist, liebt er sie so selbstlos, dass es dem Leser naiv erscheinen muss. Zugleich als kaum erreichbares Ideal. Saluni versucht redlich, ihr Leben ihm zuliebe zu ändern, was ihr eine Weile auch gelingt, bevor Gewohnheit, Eifersucht, Mangel an Verständnis und die Angst, zu kurz zu kommen, sie zurück in den Morast zieht. Dennoch gibt der Walrufer sie nicht auf, hofft, die große Liebe, die beide nur „die Krankheit“ nennen, mit ihr weiterleben zu können.

Autor Mda schildert anhand seiner Protagonisten, die beide unterhalb der Schwelle hellen Tagesbewusstseins zu leben scheinen, den Versuch, im bedingungslosen Zusammenleben sich selbst treu zu bleiben. Dass dieser Versuch scheitern muss, liegt weniger im Inneren der Protagonisten begründet, als vielmehr an den Umständen, an unverständigen, ja, böswilligen Dritten.

Warum muss diese ungewöhnliche, ebenso schwierige wie viel versprechende Liebesgeschichte derart tragisch enden? Was als Störfeuer immer wieder aufblitzt im Verlauf der Erzählung, kumuliert am Ende in der Katastrophe an allen Fronten. Tribut an die Realität mag es für den Autor sein, die Leserin lässt es ratlos zurück.

Zakes Mda: Der Walrufer. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Zürich: Unionsverlag 2009. (Org. Titel The Whale Caller, 2005. Deutsche Erstauflage 2006.)

Noch vor 2-3 Jahren waren Regionalkrimis (mehr) in Essen kaum präsent. Im Zuge der Kulturhauptstadt-Aktivitäten 2010 hat sich, wie vieles im Essener Erscheinungsbild, auch das gründlich geändert. Mittlerweile fällt die Wahl in einem Wust von Regionalliteratur nicht nur in Essener Buchhandlungen schwer. Klappentext und Erscheinungsbild ließen mich im Oktober zu Ursula Sternberg und ihrer „Ermittlerin“ Toni Blauvogel greifen.

Gleich zu Beginn ein Hinweis: Es ist nicht zuletzt Tonis Privatleben, das diese Serie so sympathisch macht, die Personen in ihrem Umfeld werden systematisch eingeführt. Die Fälle sind zwar untereinander nicht verbunden, doch in jedem Folgeband finden sich Querverweise auf die früheren. Man brächte sich um manches Vergnügen, läse man die Bände nicht in der Reihenfolge ihres Erscheinens.

Sternberg, Ruhrschnellweg (2007) In Ruhrschnellweg (assoverlag 2007) hat Toni, die IT-Fachfrau, Mitte 40 und alleinstehend, gerade ihren Job in einer großen Dortmunder Firma verloren, als sie nachts auf der Rückfahrt nach Essen auf dem Ruhrschnellweg eine Leiche findet. Dass es sich dabei um einen ihrer ehemaligen Bosse handelt, wird ihr erst klar, als die Polizei sie am nächsten Tag beim Verhör mit der Nase darauf stößt. Nun hat sie ein doppeltes Problem: Sie muss sich eine neue Einkommensquelle suchen – in einem Geniestreich gründet sie kurz darauf eine Internetbörse für Nachbarschaftshilfe, die sie auch in den Folgebänden weiterführt – und die eigene Unschuld beweisen. Denn sie war es, die mit dem jetzt Toten auf der letzten Betriebsversammlung wegen der unhaltbaren Personalpolitik des Unternehmens arg aneinander geraten war. Toni beginnt zu recherchieren, arbeitet einen Vormittag bei Bertold im Imbiss und trifft Max, den Hacker, der ihr maßgeblich weiterhilft – sowohl dabei, den Firmenserver zu knacken und brisante Dateien zu durchleuchten, als auch privat …

Im zweiten Band, Insolvenzgeld (assoverlag 2009), ist Toni Blauvogel immer noch arbeitslos und leidet unter der Hitze in ihrer Dachwohnung am Isenbergplatz im Essener Südviertel ebenso wie unter der fähnchenschwenkenden Begeisterung der Massen, die sich zu den Spielen in den angesagten Kneipen und Public-Viewing-Arenen nicht nur in ihrem Viertel versammeln: Es ist der „Jahrhundertsommer“ 2006 und „die Welt zu Gast bei Freunden“ zur WM in Deutschland. Bertold, der Inhaber vom Büdchen am Eck, bittet sie um Hilfe, denn seine Ruby, seine neue Liebe, steht unter Mordverdacht. Schöffler, der Insolvenzverwalter ihrer ehemaligen Firma, einem Softwareunternehmen, ist tot, von einem Motorrad bedrängt in den Baldeneysee im Essener Süden gestürzt. Toni mag sich nicht einmischen und ist doch im Handumdrehen mitten im Geschehen.  Sie sucht Rubys ehemalige Firma in Oberhausen auf, ebenso die Kanzlei Schöffler am selben Ort, lässt sich von der neuen kulturellen Atmosphäre im Oberhausener Gasometer ebenso gefangennehmen wie von den prächtigen Gewächsen im Gehölzgarten, recherchiert die Motorradszene am Strand des Baldeneysees, der kein See ist, sondern ein Aufstaubecken der Ruhr, läuft in Düsseldorf am Rhein entlang, und tourt – nicht zuletzt wegen der Aussicht auf Abkühlung durch den Fahrtwind – diesmal mit dem Fahrrad durch ihr Essen: Das Südviertel mit ihren Lieblingslocations Click und Süd, Frohnhausen, wo Ruby wohnt, dort schlendert Toni über den Markt und kehrt im Jetzt und Hier an der Mülheimer Straße ein, Holsterhausen, wo Max lebt und zwei Kätzchen aus dem Urlaub mitbringt, weil er weiß, dass er damit Toni zum Sternberg, Insolvenzgeld (2009)Umzug in die Nachbarwohnung überreden kann. Im Oberhausener Centro wird sie hingehalten, und immer wieder kehrt sie zum Baldeneysee zurück, dem Tatort. Neben den obligatorischen Autobahnen im Pott kommt nun auch die alte Trasse zu ihrem Recht, die ehemalige Zechenbahnstrecke, die sich quer durch die Stadt zieht und seit fast 20 Jahren als Rad- und Spazierweg dient.

Sternbergs Krimis treten als Regionalkrimis an und bestechen durch das liebevoll eingestreute Lokalkolorit. Für Essener ein Schwelgen in bekannten Regionen, für Neu-Essener oder jene, die nur Zeit für Stippvisiten haben, auf Schritt und Tritt Entdeckungen in sympathischem Neuland. Nicht nur das Click und das Süd dürften beim nächsten Essen-Besuch auf dem Reiseplan stehen, auch für einen Abstecher zum Baldeneysee und womöglich gar nach Oberhausen ist Appetit geweckt.

Im bisher letzten Band Nachtexpress (emons 2010) zieht Toni gleich zu Beginn in die Wohnung neben Max in der Ladenspelder Straße ein, da ereilt sie – auf Empfehlung von Richter Monk (dessen Tochter im zweiten Band Rubys Kopf aus der Schlinge zog) – der Anruf einer verzweifelten Mutter und sie steckt mitten in ihrem dritten Fall und stellt sich nun „offiziell“ als Privatdetektivin vor: Die 15-jährige Bella ist verschwunden. Kein Streit in der Familie, keine heimliche Liebesgeschichte, keine Entführung. Keine Spur. Toni tut sich in Bellas Schule um und gerät aufgrund eines Praktikums, das Bella wenige Monate zuvor bei der Essener Ruhr-Zeitung absolviert hatte, in drei Themenkreise hinein: Neugestaltung des Gelsenzoo (Gelsenkirchen), Umfeld eines alternden  Schlagerstars und die Suchthilfe ums Café Basis in der Kastanienallee. Dort erfährt sie von der Alkohol- und Drogenszene am Bahnhof Essen-Steele. Toni findet heraus, dass Bella mit ihren drei Freundinnen gar nicht im Jugendzentrum Rübe war am fraglichen Samstag, sondern in der Szene-Disco Platin in der City. Bald stellt sich eine Verbindung zu Bodo heraus, der an jenem Samstag schwerverletzt in der Nachtexpress-Linie 05 hockte. Er, ein Obdachloser, der in einem Wohnwagen auf einem Biobauernhof in Essen-Eiberg lebte, wurde zusammengetreten und mit Methanol vergiftet. Lasse aus dem Café Basis, Verkäufer der Straßenzeitung FiftyFifty und „wohnhaft“ in der Notunterkunft 58, erzählt Toni von Bodo. Und Theo, der fitte Streetworker, fährt sie im RoadRunner durch die Stadt auf genau der Strecke, die er Nacht für Nacht abklappert. Sie lernt Ecken und Spielplätze kennen, auf denen alkoholisierte Kids randalieren und andere tyrannisieren, und sie erfährt, dass Bella sich offenbar in einen Jungen verliebt hatte, der in diese Szene abgerutscht war …

Sternberg, Nachtexpress (2010)Auch hier sind zahlreiche Locations und Cafés genannt wie das am Kaiser-Otto-Platz, wie die Weinstube Chat Noir, doch Sternberg macht hier ein ganz anderes Fass auf und greift die Problematik Obdachlosigkeit und Straßenkids auf. Ein Essen-Krimi der besonderen Art. Ein engagiertes Buch, in dem der regionale Aspekt eher ein netter Nebeneffekt ist. Man muss Essen nicht kennen oder gesehen haben, um das Buch mit Gewinn zu lesen.

Durch Tonis persönliche Ich-Erzählung, manchmal schnodderig, manchmal eiskalt präzis, bleibt die Leserin bis zur letzten Seite emotional am Ball. Sternberg widmet ihren zweiten Ruhr-Krimi den „kleinen Essener Buchhandlungen“, die sie „so toll“ unterstützt haben. In Inhalt und Form sprengen ihre Bücher aber spätestens seit dem zweiten Band das Genre des Regionalen, ihre Bücher übersteigen bei weitem das Niveau dessen, was sich größtenteils unter dem Label Regionalkrimi tummelt. Sternberg überzeugt nicht zuletzt durch Recherche zu den aktuellen, über die Region hinaus brisanten Themen. In jedem Band erfährt die Leserin gemeinsam mit der fast unfreiwilligen Ermittlerin Toni Blauvogel ebenso Grundsätzliches wie Detailliertes zum jeweiligen Themenkreis: zu EDV-Systemen und Datenbanken im ersten Band, im zweiten zum Thema Insolvenz und Insolvenzverfahren, im dritten zu Obdachlosigkeit unter Jugendlichen und Hilfseinrichtungen. Ihre sympathischen Charaktere sind dem Leser rasch vertraut, um nicht zu sagen, ans Herz gewachsen.

Jeder Band bietet am Schluss eine überraschende Lösung. Auch in diesem Punkt erfüllen Sternbergs Bücher die Anforderungen an packende Lektüre. Und nach der letzten Seite griffe man am liebsten sogleich zum nächsten Band. Wie geht es weiter mit Toni Blauvogel, Frau Sternberg? Wo steckt sie als Nächstes ihre Nase hinein? Ihre LeserInnen warten auf Fortsetzung – auch außerhalb des Ruhrgebiets.

Ruhrschnellweg (Oberhausen: assoverlag 2007, 3. Auflage 2010)

Insolvenzgeld (Oberhausen: assoverlag 2009, 2. Auflage 2010)

Nachtexpress (Emons-Verlag 2010)

Jeder Tourist träumt davon, für die Dauer seines Aufenthalts dazuzugehören, an- und aufgenommen zu werden, vor allem aber, tiefen Einblick in Leben und Gesellschaft der Menschen im Zielland nehmen zu dürfen. Meist fehlt es jedoch an der nötigen Zeit ebenso wie an Sprachkenntnissen.

Betty Kolodzy, Istanbul WalkingIstanbul-Reisende können sich nun von Betty Kolodzy an die Hand nehmen lassen und mit ihr von Begegnung zu Begegnung schlendern, auf der Straße, zum Tee in einem Geschäft, zu ungeheuren Portionen Mantı, den türkischen Ravioli, im Kreis neugieriger Hausfrauen oder etwa zum Backgammon-Spiel im Teegarten bei Onkel Ibrahim, der unversehens weitergehende Ambitionen entwickelt. Kolodzy hat einige Monate in Istanbul verbracht und sich die Zeit und Muße genommen, auf die vielfältigen Melodien der Menschen in der Megalopolis zu hören, schlaglichtartig einzelne Gesichter auf sehr persönliche Weise aus der Menge herauszuheben und die kleinen Episoden, die ihr Tag für Tag widerfuhren, aufzuschreiben. Ihr Band Istanbul Walking liest sich wie ein schillerndes Mosaik der Menschen in Istanbul, denn im Unterschied zur gängigen Reiseliteratur hält Kolodzy sich nicht mit Ortsbeschreibungen auf, sondern stellt immer und überall Personen und persönliches Erleben in den Vordergrund. Dabei geriert Kolodzy sich nicht als Istanbul-Expertin, manches Mal stolpert sie über eigene Klischees, die sie mit Humor und Ironie thematisiert und damit zur Überwindung beiträgt. Bewusst orientalisiert sie stellenweise, so im Vokabular, wenn sie Tavla statt Backgammon, çay statt Tee, pazar statt Markt usw. schreibt. Mit ihren, wie sie meint, rudimentären Türkisch-Kenntnissen kokettiert sie ein wenig, zerpflückt nach eigenem Gutdünken auch hier und da ein Wort, kann dabei auch durchaus mal daneben liegen, was sie aber freimütig schon im Voraus einräumt.

Auch Szenen aus der eigenen Wohnsituation – Kakerlaken, Wassersperre, Stromausfall, mürrische NachbarInnen hinter dichten Gardinen u.a. – nimmt Kolodzy auf, womit sie der Leserschaft streckenweise Einblicke in Istanbuler Alltagsleben gewährt. Den Hauptteil und die Stärke des Bandes machen aber die Begegnungen zwischen ihr, der offenen, wissbegierigen Fremden, und den verschiedensten Einheimischen aus, die durchweg überaus gastfreundlich und herzlich mit ihr umgehen. Sie vermittelt genau das Erleben, das ein Istanbul-Reisender sich wünscht, wenn er die Stadt besucht oder besucht hat. Eine lohnende Vor- oder Nachurlaubslektüre mit der Gefahr, im Anschluss sogleich die Planung der nächsten Istanbul-Reise in Angriff zu nehmen.

Betty Kolodzy: Istanbul Walking. Bremen: Sujet Verlag 2010.

Über 100 Religionsgemeinschaften sind heute in Hamburg ansässig, da gilt es, Mittel und Wege für ein dauerhaft friedliches, auf Achtung, Respekt und Vertrauen beruhendes Zusammenleben zu finden. Schon vor 25 Jahren führte der Theologe Prof. (em.) Dr. Olaf Schuhmann an der Hamburger Uni den interreligiösen Dialog ein und setzte damit Maßstäbe für ganz Deutschland. An der Uni nahm 2010 auch die Akademie der Weltreligionen (AWR) ihre Tätigkeit auf, und interreligiöser Dialog auf Stadtteilebene, der sich um das tägliche Miteinander ebenso kümmert wie um die großen theologischen Fragen, ist seit vielen Jahren etabliert. Herausragendes Beispiel ist hier das regelmäßige Treffen von Christen und Muslimen auf PastorInnen/Imam-Ebene im stark muslimisch-türkisch geprägten Quartier Wilhelmsburg, initiiert und maßgeblich geleitet von Pastorin Friederike Raum-Blöcher, deren aller Rückschläge und Durststrecken ungeachtet unermüdliches Engagement längst eine Auszeichnung verdiente.

Seit zehn Jahren treffen sich Vertreter der evangelischen, katholischen, muslimisch-sunnitischen, alevitischen, jüdischen, tibetisch-buddhistischen, hinduistischen und Mitglieder der Bahá’i-Gemeinden auch im so genannten Interreligiösen Forum mit dem Ziel, „eigene und fremde religiöse Traditionen kennenzulernen“ und den „Anliegen der Religionsgemeinschaften im gesellschaftlichen und politischen Diskurs Gehör“ zu verschaffen. Der 10. Jahrestag der 10 Jahre Interreligiöses Forum HamburgGründung war nun Anlass für ein Podiumsgespräch mit anschließendem spirituellen Austausch und Beisammensein am 15. November 2010 im Hauptgebäude der Universität, auf Einladung von Prof. Dr. Wolfram Weiße von der AWR und Initiative von Dr. Detlef Görrig, dem Beauftragten für christlich-islamischen Dialog im (evangelischen) Nordelbischen Missionszentrum. Ein Grußwort sprach die 2. Bürgermeisterin und Senatorin für Bildung Christa Goetsch, die insbesondere unterstrich, wie wichtig ihr die Unterscheidung von Toleranz, also der Schwelle zur Duldung, und Akzeptanz als gleichberechtigtes Annehmen ist. Dieser Punkt, wie auch die Bedeutung interreligiösen Schulunterrichts, auf den sie nicht zuletzt qua Amt hinwies, wurde von mehreren Rednern an diesem Abend aufgegriffen. Die Einbeziehung weiterer Religionsgemeinschaften über die muslimischen Gemeinden hinaus ist nach wie vor bundesweit keine Selbstverständlichkeit, für alle Mitwirkenden jedoch unabdingbar.

Immer wieder ging es um Respekt und Liebe – zu Gott wie zu den Mitmenschen – als Grundlage aller Religionen und um den Schutz von Minderheiten und das gemeinsame, solidarische Einsetzen für Angegriffene. Görrig betonte, die Liebe zu den Menschen schließe auch jene ein, die sich zu keiner Religion bekennen. Ein Wort von Bedeutung angesichts der Tatsache, dass, laut Goetsch, in Hamburg 40% der Schulkinder keiner Religionsgemeinschaft angehören und dass seit 1957 der schulische Religionsunterricht unter Federführung der evangelischen Kirche geregelt ist. Eindrucksvoll strich Ruben Herzberg von der jüdischen Gemeinde und Schulleiter des Gymnasiums Klosterschule die Bedeutung seiner Schule als einem Ort der Begegnung heraus, der Begegnung mit seinesgleichen wie auch mit Angehörigen anderer Gemeinschaften. So sehr interreligiöser Unterricht zu begrüßen sei, „identitätsstiftend“ sei er nicht, so Herzberg. Es bleibe noch zu vereinbaren, wie den Religionen auch in den Schulen die Möglichkeit gegeben wird, die eigene Religion zu tradieren.

Ein mutiges, offenes und nötiges Wort, das belegt, dass es in diesem Forum beileibe nicht um Schönfärberei oder gar Egalisierung geht. „Auch die harten Themen kommen dran“, hatte Prof. Weiße bereits einleitend gesagt und Habermas zitiert: „Wahre Demokratie beruht doch darauf, Raum für die Beschäftigung mit den herausfordernden Themen der Zukunft zu bieten.“ Bestehe gegenseitiges Vertrauen, würden auch Schlechtwetterphasen überstanden. Es gelte, Unterschiede nicht zu kaschieren, sondern Gemeinsamkeiten zu suchen und zu stärken.

Oliver Petersen vom Tibetischen Zentrum freut sich besonders über die „außerordentliche“ Unterstützung, die seine Gemeinschaft von den anderen erfahre, und hofft, mit dem meditativen Ansatz und dem Gedanken beständiger Weiterentwicklung des Buddhismus den großen monotheistischen Religionen einen kontemplativen Ausgleich beigeben zu können. Auf einen anderen Aspekt der Unterstützung in der Diaspora ging Ejder Tatar von der alevitischen Gemeinde ein und verstieg sich zu der Äußerung, Deutschland sei der „Geburtsort der Aleviten“, womit er vermutlich auf die Renaissance der türkischen Exilaleviten in den 80er Jahren hinauswollte. Mustafa Yoldaş, als sunnitischer Muslim Vertreter des islamischen Rats SCHURA, meinte mit einem Lächeln, die Muslime verdienten Applaus, da sie die Christen der eigenen Religion wieder näher gebracht hätten. Als Muslim fühle er sich zur Auseinandersetzung mit anderen Religionen verpflichtet.

Offen blieb die Frage, wie das Interreligiöse Forum organisiert ist, ob lediglich regelmäßige Treffen der Köpfe der Mitgliedsgemeinden zur gegenseitigen Information stattfinden und ob ein Mitwirken auch von dritter Seite möglich bzw. erwünscht ist und ggfs. in welcher Form denkbar wäre. Ein größerer Praxisbezug hätte auch einem solchen Jubiläumstreffen gut zu Gesicht gestanden.

Zu bedauern bleibt die Moderation, die in Form und Inhalt der Sache weder gerecht werden konnte, noch dem Podium auch nur die Chance gab, die eigenen Positionen klar darzustellen und Wünsche und Forderungen für Gegenwart und Zukunft zu formulieren. Ein prominenter Name garantiert nicht unbedingt für kompetente Moderation. Da bleibt für den nächsten öffentlichen Auftritt noch etwas zu wünschen übrig.

Insgesamt war der Abend eine großartige Gelegenheit, in zwangloser Form dieses wichtige Forum, das in der Hamburger Öffentlichkeit noch zu wenig präsent ist, weiter ins Licht zu rücken. Den Dialog, auch und vor allem den interreligiösen, weiter mit Leben und Farbe zu füllen, bleibt Aufgabe aller HamburgerInnen.

Rund 180.000 indische Bauern haben sich in den letzten zehn Jahren das Leben genommen. Was ist es, das diese Menschen am unteren Ende der Armutsskala zu einer solch drastischen Tat treibt? Perspektivlosigkeit? Unerträgliches Prekariat? Pure Verzweiflung?

Die Realität ist weit schlimmer als das entsetzlichste Katastrophenszenario. Die Regierung zahlt den Hinterbliebenen suizidaler Bauern eine „Entschädigung“ von umgerechnet rund 2000 USD. Für zahllose Familien, die ihr Land verloren oder verpfänden mussten, etwa um einen Kredit für lebensnotwendige Medikamente eines Angehörigen aufzunehmen, bedeutet eine solche Summe einen Hoffnungsschimmer. Was absurd klingt, kann in bitterer Not zur Option werden.

PeepliLiveTheFilm.com Die TV-Journalistin Anusha Rizvi recherchierte und legte Aamir Khan das Sujet ans Herz, der 2001 mit Lagaan international den Durchbruch schaffte und schon damals sein Faible für die Lage der indischen Landbevölkerung unter Beweis stelle. Mit der Spielfilmdokumentation Live aus Peepli – Irgendwo in Indien schufen Rizvi als Regisseurin und Khan als Produzent einen der wichtigsten Filme unserer Tage. Das Drama der Bauern, exemplarisch dargestellt am Schicksal des landlos gewordenen Bauern Natha (Omkar Das Manikpuri) aus Madhya Pradesh, ist nur die eine Seite dieses eindringlichen Werks. Die verbreitete Politik, gesellschaftlichen Problemen wie Armut, Perspektivlosigkeit und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe mit immer neu aufgelegten „Programmen“ zu begegnen, entlarvt der Film als Augenwischerei.

Es geht darum, „wer wir als Gesellschaft sind“, äußert Khan über den Film und begeht nicht den Fehler, nur theatralisch den Finger in die Wunde zu legen. Die beiden Filmemacher weisen eindeutig Verantwortung zu: an Politik und Medien. Hier die Politiker jeder Position und Couleur als Vertreter eines durch und durch maroden Systems; nur von Korruption und Selbstsucht zu sprechen, wäre angesichts der aufgezeigten Dimensionen geradezu lächerlich. (Wie eigentlich, fragt man sich, gelingt es dieser nominellen Riesendemokratie angesichts solcher Verhältnisse überhaupt, auf den Beinen zu bleiben?) Dort die Medien. Journalisten, ohne jede Spur von Gewissen, denen Menschen und Menschenleben weniger als Nichts bedeutet, die Story, so exklusiv, so reißerisch wie nur möglich, dagegen alles. Wo keine Story ist, wird eine produziert, um jeden Preis. Ein Problem, das sich beileibe nicht auf Schwellen- oder Entwicklungsländer beschränkt.

Rizvi und Khan gelingt es, mit der bunten indischen Farbigkeit und Musikalität (die Musik von Mathias Duplessy und Indian Ocean sorgen mit dafür, dass der Film tiefe Spuren hinterlässt), mit erstaunlichem Sinn für Humor noch angesichts des größten Elends und mit den bewährten Mitteln des Hindifilms, ohne jedoch in die überbordende Emotionalität und rauschhafte Dramaturgie des Bollywoodkinos abzugleiten, eine Intensität herzustellen, die das Publikum vom ersten Augenblick an packt und zutiefst berührt. Erbarmungslos stellt der Film die Parallelwelten – nicht nur – der indischen Gesellschaft einander gegenüber und beweist, in welch absurdem Maß sie zugleich voneinander abhängen.

Dass die einzige Person, die beide Welten kennt und dennoch die Stimme des Gewissens vernimmt, ausgerechnet der Lokalredakteur Rakesh (Nawazuddin Siddiqui), der, vom TV-Ruhm träumend, die Lawine erst ins Rollen bringt, am Ende sterben muss, ist ebenso zynisch wie kein Zufall.

Auch wenn Live aus Peepli Indiens Oscar-Kandidat 2010 ist, stellt sich nicht in erster Linie die Frage nach großem Kino. Ebenso wenig geht es „nur“ um einen aufrüttelnden Film über unhaltbare Zustände irgendwo in der Provinz eines fernen Landes, der einmal mehr „die Anderen“ an den Pranger stellt. Es geht um die Tragödie der Menschen, nicht für ein gleichberechtigtes, gerechtes Miteinander sorgen zu können, sorgen zu wollen, noch immer nicht sichergestellt zu haben, dass jeder auf dieser Welt sein Auskommen finden kann. Khan hätte auch formulieren können: „Es geht darum, in was für einer Welt wir leben wollen.“

Liao Yiwu in Berlin

Liao Yiwu ILB 2010 (Foto: Adatepe) Er ist wahrhaftig da, steht auf der Bühne, in einfache chinesische Kleider gehüllt, den Kopf gesenkt, in der einen Hand eine goldene Klangschale, die andere führt gleichmäßig den Schlegel an deren Rand entlang. Plötzlich reißt er den Kopf hoch, singt, klagt. Die Worte verstehen nur die wenigsten im prall gefüllten Theatersaal des Haus der Kulturen der Welt in Berlin an diesem frühen Abend des 19. September 2010. Das Leid und die Fähigkeit, es zu erdulden, eine Art Langmut, die der lang erwartete, oft vergeblich eingeladene chinesische Schriftsteller und, ja, Straßenmusiker Liao Yiwu mit seiner Stimme und später mit der Flöte hier zum Ausdruck bringt, ergreift das Publikum jedoch unmittelbar.

Kurz darauf liest Frank Arnold einfühlsam und mitreißend die Reportage „Der Trauermusiker“ aus Liaos Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser und wieder erklingt dieses tiefgründige, an- und abschwellende Summen der Klangschale, die Liao, wie in melancholische Erinnerungen versunken, auf dem Schoß rührt. Anschließend beantwortet Liao die Fragen des Moderators Hans Christoph Buch, der ein wenig verunsichert scheint von der geradezu stoischen Ruhe, die Liao ausstrahlt, auch in den zum Teil knappen Antworten, die von einer namenlos bleibenden Dolmetscherin noch knapper übertragen werden. Schale und Flöte seien Symbole seines Berufes, „Gestorbene und Lebende zusammenzuführen“, mit ihnen spende er den Menschen „ganz unten“ Trost.

Buchs Bitte, doch einen Ausschnitt aus dem Gedicht Massaker zu lesen, das 1989 Anlass für Liaos Inhaftierung war, lehnt der Autor ab, seine physische Kraft reiche dazu heute nicht aus. Die Umstände seiner Ausreise, zuvor immer wieder von chinesischer Seite verhindert, oft buchstäblich in letzter Minute wie noch im Frühjahr 2010, als Liao auf dem Weg zur Lit.Cologne noch aus dem Flugzeug geholt worden war, kann er sich selbst kaum erklären. Schicksal eben. So scheint er auch die vier Haftjahre hingenommen zu haben, die sein Leben verändert hätten.Liao Yiwu u. Frank Arnold, ILB 2010 (Foto: Adatepe) „Sonst wäre ich so wie die Schriftsteller, die Sie auf der Buchmesse gesehen haben.“ Seither aber thematisiert er das Leben der Unsichtbaren und schreibt nur das auf, was tatsächlich geschieht. Fiktion liegt ihm seither fern.

Mehrfach äußert Liao in ehrlicher Bescheidenheit, was er erlebt habe, sei doch „nichts“, er sei nach wie vor ein „ganzer Mann“ – im Gegensatz zu einem Historiker, der vor rund 2000 Jahren für ein Wort der Wahrheit kastriert worden war.

Die „Lesung“ im Rahmen des ILB 2010, des Internationalen Literaturfestivals Berlin, konnte dem Autor nicht wirklich gerecht werden, war offenbar auch mehr als Solidaritätsveranstaltung gedacht. 2011 wird Liaos Autobiographie in deutscher Übersetzung erscheinen. Dazu sagt Liao: „Manchmal weiß ich beim Schreiben nicht mehr, ob ich über die Leute ganz unten schreibe oder über mich selbst.“

Moderator Buch wünscht zum Schluss, China möge nicht nur seine Wirtschaft, sondern seine Seele sprechen lassen. Auf die Frage nach seinem ganz persönlichen Traum für China kommt von Liao eine auf den ersten Blick wenig naheliegende, unpolitische, fast realitätsentrückte Äußerung: Die Fähigkeit zur ästhetischen Beurteilung von Kunst sei in China verloren gegangen, möge eines Tages dort jeder wieder über ein eigenes ästhetisches Bewusstsein verfügen. Einmal ausgereist, will Liao Yiwu nicht im Ausland bleiben, auch wenn er Angst habe, es gebe doch immer schwierige Situationen in seinem Land. Es bleibt zu wünschen, dass für Autor Liao künftig wieder literarische Veranstaltungen vor Solidaritätsversammlungen treten können.

Pınar Selek, Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt „Ich habe kein Problem mit Männern, sondern mit Männlichkeit“, erklärt Pınar Selek. Erklären muss die türkische Soziologin in Interviews und auf Veranstaltungen dieser Tage viel: Warum sie als Feministin Studien über Männer anstellt, dazu noch über den Wehrdienst, das „Männlichkeitslabor“ der Nation, warum sie derzeit nicht in die Türkei zurück kann, warum sie im Berliner Exil nun an einem Roman schreibt. In ihrem jüngsten Buch Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt, einer Analyse männlicher Identitäten, berichten 58 Männer von ihren Erfahrungen mit dem in der Türkei obligatorischen Wehrdienst.

Selek, die zu den Gründungsmitgliedern der Istanbuler Frauenkooperative Amargi gehört, greift Themen aus den Brennpunkten der Gesellschaft auf. Als 1996 im Vorfeld zu der Ausstellung HABITAT II brutal gegen Transsexuelle und Transvestiten im Istanbuler Stadtteil Cihangir vorgegangen wurde, nahm sie das zum Anlass für eine Studie über Gewalt gegen Transsexuelle. Der latente türkisch-kurdische Konflikt liegt ihren Artikeln über den Einsatz der türkischen Armee in den Kurdengebieten zugrunde. Dann sah sie, wie der Attentäter, der den armenischen Journalisten Dink ermordet hatte, in Fernsehkameras brüllte: „Pass bloß auf und sei ja vernünftig!“, und stellte sich die Frage, wie aus „einem Kind ein Mörder“ gemacht wird. Die Antwort legt sie mit ihrem jüngsten Buch vor und entlarvt den von Unterwerfung, physischer und psychischer Gewalt geprägten Wehrdienst als jenen Ort, an dem Jungen zu Männern „gebrüht“ werden.

P.E.N. Deutschland verlängerte Seleks Berlin-Stipendium Writers in Exile auf drei Jahre, da eine Rückkehr in ihre Heimat die Autorin akut gefährden würde. Nach einer Explosion im Ägyptischen Basar in Istanbul mit 7 Toten war Selek 1998 als angebliche Attentäterin im Auftrag der kurdischen Arbeiterpartei PKK verhaftet und angeklagt worden. Offensichtlich ein Komplott, denn sie führte zu der Zeit gerade Interviews mit PKK-Angehörigen für eine soziologische Studie durch. Das fast fertige Manuskript wurde beschlagnahmt. Der Prozess endete mit Freispruch, als nicht länger zu leugnen war, dass eine defekte Gasflasche die Explosion ausgelöst hatte. 2009 jedoch kassierte die oberste Instanz den Freispruch. Wieder droht der unbequemen Autorin lebenslange Haft. „Ich musste damit rechnen, für meine Bücher verfolgt zu werden“, äußert Selek im Interview. „Doch ich bin schockiert, als Terroristin verdächtigt zu werden.“

Doch Selek lässt sich nicht mundtot machen. Ganz im Gegenteil. Auch im Exil vertritt sie ihre Thesen und wünscht sich zudem, Antworten ihrer Leser und Leserinnen auf die vielen Fragen zum Thema Männlichkeit auch in Deutschland zu erfahren.

Pınar Selek im Literaturhaus Hamburg

Am Montag, 6.9., war Pınar Selek Gast von Literaturzentrum e.V. und Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg und damit schon zum dritten Mal in Hamburg. Sie plädierte dafür, weder Gender-Problematik getrennt von anderen Themen zu sehen, noch die Wahrnehmung auf eine „ferne Türkei“ zu beschränken und trotz mancher neuer Werte nicht aus den Augen zu verlieren, dass Männlichkeit ein komplexes Bild mit zahlreichen Aspekten auch aus historischer Tradition sei.

Neben den latente Anforderungen an Männer, aktiv zu sein, sich als Besitzer zu gerieren, zu leiten und zu lenken, seinen Besitzstand durchzubringen und zu ernähren, im Extremfall auch mit dem eigenen Leben dafür einzustehen, macht Selek fünf Stufen auf dem Weg zum Mann aus: Beschneidung, Wehrdienst, Arbeitsaufnahme, eine Frau finden und, fünftens, mit dieser Frau mindestens ein Kind, möglichst einen Sohn zu haben. Ein Mann habe sich ständig und überall zu beweisen und werde für seine Männlichkeit ständig zur Rechenschaft gezogen. Hier zeigt sich Männlichkeit als Mechanismus von Macht, die einerseits ausgeübt und andererseits erlitten wird.

Die zwiespältige Situation, als Mann einerseits angespornt zu werden und andererseits Ohrfeigen einstecken zu müssen, erzeuge Angst, könne kaum zu etwas anderem als einer Persönlichkeitsspaltung führen und bringe letztlich Gewalt hervor. Beim Militär, dieser homosozialen, geschlossenen Gemeinschaft, in der es „keine Logik“ gebe, lernt der Mann dann, wem er sich unterzuordnen und wem gegenüber er selbst als der Mächtigere aufzutreten hat. Gewalt lernen Männer allerdings nicht erst beim Militär kennen. Von frühester Kindheit an erleben sie Gewalt als legitim und lernen, sich dazu zu positionieren, sei es durch die Faust oder durch Geld. Beim Militär lernen sie dann hinzu, zu Repression und Provokation von „oben“ zu schweigen, bei der kleinsten Anspielung von „unten“ jedoch das Messer zu ziehen. Selek fragte all die Männer, repräsentativ ausgewählt und von ihr und zwei Freunde interviewt, was die Hauptlehre sei, die sie aus dem Wehrdienst gezogen hätten. „Vernünftig zu sein“, lautete die einhellige Antwort. Also gelernt zu haben, wie man im Leben am besten durchkommt. Für Selek war erschreckend, als Quintessenz diesen Satz zu hören, der sie veranlasst hatte, ihre Studie über männliche Identitäten überhaupt erst anzustellen.

Selek stellte die türkische Gesellschaft auch als eine Gesellschaft der Widersprüche dar. All der Repression und Brutalität zum Trotz gebe es Widerstand. Jede Kritik am Militär sei verboten, ihr Buch aber sei frei erhältlich und die vierte Auflage schon fast wieder ausverkauft. Trotz schärfster Kontrollen und Strafen für Fahnenflüchtige gebe es eine starke antimilitaristische Bewegung, die auch für das Recht auf Wehrdienstverweigerung kämpfe. Auch innerhalb des Militärs flackere immer wieder Widerstand auf, allerdings weniger in großem Stil denn doch meist in kleineren, persönlichen Aktionen. Die meisten versuchten, sich anzupassen. Der zahlreichen Ratschläge zum Trotz, die jeder Wehrpflichtige zuhauf bekomme, sehe jeder vor Ort zu, seinen eigenen Weg zu finden, um durchzukommen.

Auf die Frage nach Veränderungen in den letzten 30 Jahren, nennt Selek in erster Linie den Krieg, der mitten im Land geführt wird. Ihre Studie befasse sich mit dem „normalen“ Wehrdienst, aber es gebe viele Rekruten, die während ihres Wehrdiensts in diesen Krieg geschickt werden und mit traumatischen Erfahrungen zurückkommen. Die Religion des Islam sei indes nicht das Hauptproblem, wie in Deutschland immer wieder unterstellt werde, schlimmer sei die allgemeine Zunahme einer konservativen Geisteshaltung, was allerdings kein türkeispezifisches Problem sei.

Pınar Selek wünscht sich, bald in ihr Land zurückkehren zu können, um vor Ort ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Kampagnen im In- und Ausland unterstützen sie und fordern die Einstellung des erneut gegen sie geführten Verfahrens.

Pınar Selek: Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt. Aus dem Türkischen von Constanze Letsch. Berlin, Orlanda Verlag 2010.

Ältere Artikel »

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.